Peter Buxmann zu Chancen der Künstlichen Intelligenz

Foto: dpa/Jin Gerlach

Im alltäglichen Leben ist die Künstliche Intelligenz längst angekommen. Der Professor an der TU Darmstadt erklärt, warum Deutschland und die Region in Sachen KI aufholen müssen.

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DARMSTADT. Ob Sprachassistent im Wohnzimmer, Fahrunterstützung im Auto oder Vorauswahl von Bewerbern in Unternehmen – die Künstliche Intelligenz (KI) ist längst im Leben angekommen. Der Markt mit Methoden, die es einem Computer ermöglichen, Aufgaben zu lösen, für die ansonsten menschliche Intelligenz vonnöten ist, wächst seit Jahren. Der Branchenverband Bitkom erwartet in Europa eine Verdreifachung bis auf 10 Milliarden Euro im Jahr 2022. Gleichzeitig halten sich die Unternehmen mit Investitionen in KI zurück – auch in Südhessen. Die digitale Transformation sei in den Betrieben angekommen, doch bei KI zeige sich ein anderes Bild, sagt Dirk Widuch, Geschäftsführer des Unternehmerverbands Südhessen. Professor Peter Buxmann vom Fachbereich Wirtschaftsinformatik, Software & Digital Business an der TU Darmstadt erklärt, wie sich das ändern könnte.

Herr Buxmann, wir haben uns heute an der TU Darmstadt getroffen. Wie weit ist die Künstliche Intelligenz von uns entfernt?

Nicht weit. Denn wir haben eine hervorragende KI-Forschung an der TU. Der Fachbereich Informatik zählt europaweit zu den führenden Fakultäten. Außerdem setzen viele Unternehmen in der Region KI ein, beispielsweise Banken oder Unternehmen aus dem Maschinenbau. Auch die Software AG als zweitgrößter Anbieter von Geschäftssoftware in Deutschland ist sehr aktiv, vor zwei Jahren hat man beispielsweise das Start-up Zementis aus San Diego aufgekauft mit dem Ziel, das eigene Produktportfolio um KI-Lösungen zu erweitern.

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Warum ist KI gerade jetzt auf dem Vormarsch?

Die Technologie blickt in der Tat auf eine längere Geschichte mit Höhen und Tiefen zurück. Ich halte drei Punkte für wesentlich, warum sich KI zukünftig flächendeckend durchsetzen wird: Erstens die Verfügbarkeit von Daten als Grundlage von KI-Anwendungen. Zweitens stehen Rechenkapazitäten bei verschiedenen Cloud-Anbietern so kostengünstig wie noch nie bereit. Drittens existieren viele kostenlos verfügbare und sehr leistungsfähige Werkzeuge zur Entwicklung von KI-Anwendungen auf Open-Source-Basis. Leider stammen fast alle diese Werkzeuge aus den USA.

Unternehmen wie Google stellen der Allgemeinheit kostenfrei Software zur Verfügung? Fördert man damit nicht die Konkurrenz?

Nein, die Strategie dahinter lautet eher, dass diese Anbieter ihre Marktstellung im globalen Wettbewerb um den Milliardenmarkt KI ausbauen wollen. Google hat eine vergleichbare Strategie auch schon erfolgreich beim Betriebssystem Android verfolgt. Auch Microsoft und Facebook stellen ihre Werkzeuge unter Open-Source-Lizenzen aus ähnlichen Gründen der Allgemeinheit zur Verfügung.

In den USA sitzen also die Vordenker?

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Genau. Weltweit sind die US-amerikanischen und chinesischen Anbieter führend.

Wie weit ist Deutschland, ist Südhessen als IT-Standort davon weg?

Wir haben in Deutschland und in Darmstadt hervorragende Wissenschaftler und Anbieter wie SAP oder Software AG, die zunehmend in KI investieren. DeepL (Köln) ist ein sehr innovatives deutsches Start-up, das einen hervorragenden Übersetzungsdienst entwickelt hat. Aber wir brauchen mehr solche Start-ups. Vor diesem Hintergrund wurde auch die KI-Strategie der Bundesregierung entwickelt. Ebenso setzt sich die hessische Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung, Kristina Sinemus, für eine innovative und verantwortungsvolle Entwicklung und Nutzung der Zukunftstechnologie KI ein.

Wie gut funktioniert die Verbindung von Forschung und Praxis?

Es wird immer besser. Wir arbeiten zum Beispiel gerade mit einem Unternehmen aus der Automatisierungstechnik eng zusammen. Gemeinsam wollen wir eine Kundenlösung für Predictive Maintenance entwickeln (auf Datenbasis trifft man Vorhersagen für Lebensdauer von Teilen, d. Red.). Das Unternehmen liefert die Daten, wir die Methodenkompetenz.

Oft ist vom großen Potenzial der KI die Rede. Können Sie Beispiele nennen?

Für mich gibt es hier zwei potenzielle Vorteile der KI-Nutzung: Erstens die Verbesserung von Entscheidungen. Ein Beispiel ist eine KI-Software zur Betrugserkennung. Denn KI kann sehr gut Abweichungen von bestimmten Mustern erkennen, etwa wenn ein Kunde einen Fernseher für 5000 Euro in Singapur bezahlen soll, aber in Darmstadt lebt und noch nie in Asien war. In der Medizin kann ein Algorithmus helfen, Krankheitsbilder zu erkennen oder Therapien vorzuschlagen. Zweitens können mit KI-Algorithmen Effizienzvorteile erzielt werden. Bestimmte Aufgaben können schneller und besser erledigt werden, als wenn es Menschen tun. Das wird auf dem Arbeitsmarkt zu Verschiebungen führen.

Das heißt, manche Berufe werden überflüssig?

Der Philosoph Richard David Precht sagt voraus, dass es deshalb zu großer Arbeitslosigkeit kommen wird. Da gehe ich nicht mit. Stattdessen wird es Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt geben. Natürlich werden auch Jobs verschwinden, aber es werden auch neue Berufe geschaffen werden. So war es in der Vergangenheit häufig, wenn neue Technologien die Welt verändert haben. Heute ist die Arbeitslosigkeit so gering wie selten zuvor. Seriös kann heute aber niemand die genauen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorhersagen.

Könnte die Intelligenz irgendwann zu intelligent sein? In Science Fiction Filmen haben Roboter ja schon die Weltherrschaft übernommen.

(lacht) Nein, da müssen wir uns zurzeit keine Sorgen machen. KI-Anwendungen sind ja letztlich Softwarelösungen, die eine spezielle Aufgabe lösen – also quasi Fachspezialisten. Aber keine Software, die beispielsweise gut in der Analyse von Betrugsmustern oder der Erkennung von Sprache ist, kann auf die Idee kommen, ihren Anwendungsbereich zu erweitern oder gar nach der Weltherrschaft zu streben.

Wo sind die Grenzen der KI?

Ethische Leitlinien und Leitplanken halte ich für richtig, wir müssen nur aufpassen, dass das nicht zu sehr zulasten der Innovationsgeschwindigkeit geht. Verfahren zur Gesichtserkennung können beispielsweise die Grundlage vieler Anwendungen sein, die gesellschaftlich für uns nicht akzeptabel sein sollten. In China ist man gerade dabei, den gläsernen Menschen neu zu erfinden.

Was schlagen sie vor, um KI zukünftig im Sinne von Gesellschaft und Wirtschaft weiterzuentwickeln?

Ich denke, Investitionen in Forschung und Bildung sind ein Schlüsselfaktor für den Erfolg. Hinzu kommt eine engere Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Wir können sehr gut voneinander profitieren und lernen. Zudem sollten Forschungsprogramme stärker interdisziplinär aufgebaut werden, da Künstliche Intelligenz nicht nur ein technisches Thema ist, sondern vielmehr enorme Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft hat. Wir müssen das Thema KI ohne Angst und ohne Hype angehen.

Das Interview führte Anja Ingelmann.