Geschäft mit E-Zigaretten boomt

Jenny und Benjamin Smith von der „Wolkengarage“ testen alle Produkte selbst, bevor diese in den Verkauf kommen. Foto: Guido Schiek

Der Markt rund ums Dampfen verzeichnet 38 Prozent Umsatzwachstum. Auch in Südhessen sind die E-Zigaretten auf dem Vormarsch, doch Tabak ist nach wie vor gefragt.

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DARMSTADT. Die Ampel steht auf Rot, der Gang ist schon eingelegt und der Fahrer wartet ungeduldig aufs grüne Signal. Doch plötzlich vernebelt ihm eine große Dampfwolke die Sicht. Das Auto vor ihm ist nicht etwa in Brand geraten, der Fahrer hat lediglich die Scheibe runtergelassen und den Dampf seiner E-Zigarette zum Fenster hinaus geblasen.

Szenen wie diese sind nicht selten, denn die E-Zigaretten finden immer mehr Anhänger. Einer von ihnen ist Helmut Abel (52). Der Bensheimer rauchte bis vor zwei Jahren ein Päckchen Zigaretten täglich, doch dann stieg er aufs Dampfen um. „Ich denke, dass es etwas weniger schädlich ist“, sagt er. Beim Ausatmen komme vor allem Wasserdampf in die Luft, es würden längst nicht so viele giftige und stinkende Stoffe wie bei herkömmlichen Zigaretten freigesetzt.

Dieses Argument nennt auch Jenny Smith, die mit ihrem Mann Benjamin seit zwei Jahren das E-Zigaretten-Geschäft Wolkengarage in Darmstadt betreibt. Wie vielen ihrer Kunden habe ihr der Umstieg aufs Dampfen geholfen, mit dem Rauchen aufzuhören, sagt sie.

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Umsatz verdoppelt sich in zwei Jahren

Die ersten Produkte kamen vor etwa zehn Jahren auf. Mittlerweile boomt der Markt mit E-Zigaretten. Wie der Verband des E-Zigarettenhandels mitteilte, ist der Umsatz im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf 580 Millionen Euro gestiegen. Damit hat sich der Wert innerhalb von zwei Jahren verdoppelt, 2015 lag er noch bei 270 Millionen. Der Verband rechnet weiter mit hohem Wachstum und erwartet fürs laufende Jahr einen Umsatz zwischen 700 und 900 Millionen Euro. Das Magazin Wirtschaftswoche berichtet, dass Experten die Zahl der Dampfer mittlerweile auf knapp zwei Millionen schätzen.

Während die großen Tabakkonzerne das Geschäft anfangs noch kleinen Anbietern überließen, haben Philip Morris (Marlboro), British American Tobacco (Lucky Strike, HB) und Reemtsma (R1, West, Gauloises) inzwischen eigene Systeme auf den Markt gebracht. Philip Morris beispielsweise bewirbt zudem ein neues Produkt (Iqos), bei dem Tabak nicht verbrannt, sondern erhitzt wird.

Auf den Umsatz mit herkömmlichen Zigaretten wirkt sich der Trend noch nicht negativ aus. Die Zahlen sind konstant: Der Verband der deutschen Zigarettenindustrie notierte für 2017 einen Umsatz von 21,4 Milliarden Euro, 2016 waren es 20,5 und 2015 21,7 Milliarden. Auch die alteingesessenen Tabakläden in der Darmstädter Innenstadt spüren die Konkurrenz kaum. „Der Zigarettenumsatz ist nicht weniger geworden“, sagt Pierre Walther vom gleichnamigen Tabakladen in der Elisabethenstraße. Genauso Ismet Erol vom Ecklädchen in der Grafenstraße. „Ich kenne viele Leute, die das mal ausprobiert haben, aber wieder zu den normalen Zigaretten zurückgekommen sind“, sagt er. Gerade in der Innenstadt seien die Päckchen sehr gefragt. Auf dem Land oder in Gebieten mit weniger einkommensstarker Bevölkerung würden die Kunden vermehrt losen Tabak zum Selbstdrehen kaufen.

Auch beim Großhandel ist der Trend bislang nicht zu spüren. Bei der Willi Weber GmbH & Co. KG aus Dieburg, die im Rhein-Main-Gebiet 15 000 Automaten betreibt und 2000 Einzelhändler und Tankstellen mit Zigaretten beliefert, seien die Umsätze konstant. Gerade auf dem Land bei schwindendem Einzelhandel würden Automaten zunehmend wichtiger, berichtet Daniel R. Ludwig von der Geschäftsführung. Produkte wie Iqos seien erklärungsbedürftig und deshalb schwer über diesen Kanal zu vertreiben, das würde aber über die Einzelhändler aufgefangen.

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Während die klassischen Zigaretten häufig von unterwegs gekauft werden, ist das Internet für das Zubehör zum Dampfen ein deutlich wichtigerer Vertriebskanal. So ging die Wolkengarage zunächst als reiner Webshop an den Start.

Nachdem dieser Versuch geglückt sei, habe sich das Ehepaar für einen zusätzlichen Laden entschieden – und damit seine Nische gefunden. Neben der Kette Intaste, die ein Geschäft in der Hügelstraße eröffnet hat, habe man in der Innenstadt so gut wie keine Konkurrenz. Eine Erstberatung dauert um die 30 Minuten. Im Angebot sind rund 400 Liquids und 300 Aromen, auch zum Selbstmixen, die über Großhändler bestellt werden und zu großen Teilen in Fernost produziert werden.

Aber ob die Produkte wirklich weniger schädlich sind? Die Tabakbranche bezweifelt das. „Das Liquid kommt oft aus China und man weiß nicht wirklich, was alles drin ist“, sagt Tabakladenbesitzer Erol. Da es die E-Zigaretten erst ein paar Jahre gebe, fehlten Langzeitstudien, kritisiert Kollege Pierre Walther. „Als Raucher weiß man, worauf man sich einlässt.“

Von Anja Ingelmann