TÜV-Verband: Windrad-Unfälle sind Gefahr für Leib und Leben

Birgt Gefahrenpotenzial: Im Dezember 2016 knickte bei Bockelwitz (Sachsen) ein 95 Meter hohes Windrad um. Archivfoto: dpa

TÜV-Verband warnt: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis bei einem Windrad-Unfall „Menschen zu Schaden kommen“. Die Windbranche kontert: Der TÜV verfolge wirtschaftliche Interessen.

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WIESBADEN/MAINZ. Knapp 30 000 Windräder stehen im bundesdeutschen Binnenland und produzieren Strom. Davon 865 in Hessen und fast doppelt so viele in Rheinland-Pfalz (Stand Ende 2017). Ab und an hört man von Unfällen. Sei es, dass eine Anlage brennt, ein Rotor abbricht oder vielleicht der Turm einknickt. Einzelfälle, sagt die Windbranche. Der TÜV sieht das anders – und schlägt Alarm. Nach Berechnungen des TÜV-Verbandes kommt es zu rund 50 gravierenden Schäden an Windenergieanlagen pro Jahr.

„Sicherheitsrisiko für Menschen und Umwelt“

Die oben beschriebenen Unfälle seien „ein Sicherheitsrisiko für Menschen und Umwelt, zumal Windparks immer näher an Straßen und Siedlungen heranrücken“, sagt Joachim Bühler, der Geschäftsführer des TÜV-Verbandes. Es sei nur eine Frage der Zeit, „bis bei einer Windrad-Havarie Menschen zu Schaden kommen“. Der Verband fordert daher, Windräder wie Tankstellen oder Aufzüge in die Betriebssicherheitsverordnung aufzunehmen und mindestens alle zwei Jahre nach verbindlichen Vorgaben und von unabhängigen Prüfern zu checken.

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Für die Windbranche sind diese Vorwürfe jedoch nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas. So zweifelt der Bundesverband Windenergie (BWE) die TÜV-Zahlen zu den Unfällen an. „Hier werden Fakten negiert, um mit Ängsten den Boden dafür zu bereiten, eigene wirtschaftlich begründete Forderungen durchzusetzen“, betont BWE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm. „Bisher gab es noch keine Personenschäden und wir sehen auch nicht, dass das passieren könnte“, ergänzt BWE-Sprecher Christoph Zipf. Zwischen den Zeilen heißt das: Der TÜV will sich nach Ansicht des Verbandes lediglich dauerhaft Aufträge sichern.

Beim TÜV-Verband schüttelt man darüber nur den Kopf. „Wir überlegen uns sehr genau, für welche Produkte oder Anlagen wir Prüfungen fordern. Und bei Windrädern sehen wir dafür eine dringende Notwendigkeit“, betont Maurice Shahd, der Pressesprecher des TÜV-Verbandes. „Die TÜV-Organisationen stehen in der Verantwortung, auf Risiken hinzuweisen, bevor Menschen zu Schaden kommen.“

Die Forderung des TÜV zielt vor allem auf die älteren, vor 2004 errichteten Anlagen, die den Angaben zufolge etwas mehr als die Hälfte der Windräder im Binnenland ausmachen. Für diese Anlagen gibt es nach Angaben der Organisation kein Gesetz, das Sicherheitsprüfungen nach einheitlichen Kriterien und von unabhängigen Stellen vorschreibt. „Es ist Zeit, diese Regelungslücke zu schließen“, fordert Bühler.

Die Windbranche hält mit der „sehr hohen Qualität“ der von der Branche selbst vorgenommenen regelmäßigen Checks dagegen, die eine „verlässliche Verfügbarkeit von Windenergieanlagen“ gewährleisteten. „Qualifizierte Prüfer und Sachverständige leisten eine hervorragende Arbeit. Weder die geringe Zahl der tatsächlichen Unfälle noch die faktischen Erkenntnisse aus den Prüfungen machen einer Änderung der gut etablierten Praxis erforderlich“, so der BWE.

Der Streit um die Unfallzahlen rührt vor allem daher, dass es kein allgemeines Schadensregister für Windenergieanlagen gibt. Die Betreiber sind nicht verpflichtet, Schäden zu melden. Zur Dokumentation werden daher unter anderem Pressemeldungen über Havarien ausgewertet und Windrad-Betreiber angefragt.

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Bei Anlagen, die nach 2004 errichtet wurden, gibt es eigentlich den vom TÜV geforderten Zwei-Jahres-Rhythmus bereits. Allerdings können die Betreiber diesen Zeitraum laut TÜV auf vier Jahre verlängern, wenn sie die Windräder regelmäßig warten. „In der Praxis führt das dazu, dass die Sicherheit nur alle vier Jahre von unabhängiger Seite überprüft wird“, kritisiert Bühler. Das sei „eindeutig zu lang“.