Strom wird trotz Preisbremse 2023 wohl noch teurer

aus Energie

Thema folgen
Der Stromzähler läuft und läuft - und 2023 wird es wohl noch teurer für die Verbraucher.

Ab 2023 gibt es die Strompreisbremse. Sie soll die Verbraucher vor dem Schlimmsten bewahren. Doch wie werden sich die Strompreise an der Börse entwickeln? Das sagen Experten dazu.

Anzeige

Region. Dass Strom und Gas im kommenden Jahr wesentlich teurer werden, dürfte inzwischen jedem Verbraucher klar sein. Zwar greifen ab Januar Gas- und Strompreisbremse, allerdings verhindern diese staatlichen Eingriffe nur, dass die dramatisch gestiegenen Kosten eins zu eins auf die Konsumenten durchschlagen, und das auch nur bei 80 Prozent des individuellen Verbrauchs. Doch wie werden sich die Marktpreise im neuen Jahr entwickeln? Wie stark werden die Kosten also abgebremst? Schauen wir – ohne Gewähr, aber mit Unterstützung von Experten – in die Zukunft.

Grundsätzlich gilt: Die Veränderung der politischen Lage kann alle Prognosen über den Haufen werfen: Weitet Wladimir Putin seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine aus, dürfte dies dramatische Auswirkungen (nicht nur) auf die Energiemärkte haben. Auch das Wetter spielt eine Rolle: Bleibt es lange sehr kalt und leeren sich die Gasspeicher in Europa deshalb zu schnell, dürfte der Gaspreis wieder in jene schwindelerregenden Regionen steigen, die er im Sommer erklommen hatte – auch mit Folgen für den Strompreis.

Die Preise für Strom bleiben für Verbraucher auch in nächster Zeit hoch, meinen Energiemarkt-Experten.
Die Preise für Strom bleiben für Verbraucher auch in nächster Zeit hoch, meinen Energiemarkt-Experten. (© Moritz Frankenberg/dpa)
Anzeige

Jenseits dieser Unwägbarkeiten gibt es aber in Zahlen gegossene Erwartungen der Profis. Sie bilden sich ab in den Handelskontrakten für das Jahr 2023. Ge- und verkauft wird Strom an der Börse in Leipzig. Dabei gibt es Geschäfte, mit den sich die Versorger sehr langfristig eindecken, außerdem wird Strom monatsweise, für den Folgetag oder sogar während des Tages gehandelt, um plötzlich auftretende Bedarfsschwankungen auszugleichen.

Ohne Preisbremse kämen wohl 60 Cent pro Kilowattstunde auf die Verbraucher zu

Folgt man Timo Kern, dem Leiter des Teams Energiesysteme und Märkte bei der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) in München, dann wird Strom im kommenden Jahr eher teurer als günstiger. Seit Mitte November sei wieder ein deutlicher Preisanstieg bei den gehandelten Kontrakten zu beobachten gewesen, dabei wurden Preise von 400 Euro für die Megawattstunde fast wieder erreicht. In den vergangenen Tagen gab es zwar eine leichte Entspannung, dennoch sprechen laut Kern die meisten Indikatoren nicht für eine kurzfristige Senkung des Niveaus. Geht man von aktuell gehandelten Kontrakten für 2023 aus, laufe es auf Endverbraucherpreise von brutto deutlich über 40 Cent pro Kilowattstunde hinaus, wahrscheinlich seien eher 60 Cent. Die Strompreisbremse von 40 Cent ist also bitter nötig.

Die Preisbildung beim Strom hänge nach wie vor sehr eng mit dem Gaspreis zusammen, betont Kern. So gab es bei Strom und Gas Ende August ziemlich genau den gleichen Ausreißer, wie Kerns Charts zeigen. Die Parallelität liege darin begründet, dass bei den Tageskontrakten für Strom (Day Ahead-Auktion) jeweils das am teuersten produzierende Kraftwerk den Preis für alle Anbieter definiert. Das sind derzeit meist Gaskraftwerke. Sie sind es aber auch, die oft für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sorgen, weil sie schnell hoch- und heruntergefahren werden können.

Anzeige

Das umstrittene Merit-Order-Prinzip bleibt wohl bestehen

Dieses sogenannte Merit-Order-Prinzip hat im Sommer für viel Kritik gesorgt. Hierzulande und bei der EU wurden Pläne ventiliert, die Preisfindung grundlegend zu reformieren. Allerdings, so Kern, sei dies in der Wissenschaft umstritten. Zu groß sei die Gefahr, dass nach einer massiven Regulierung die Effizienz der Märkte nachließe, denn genau dafür sorge die Preisbildung über Merit Order. Inzwischen, so Kern, gehe man in vielen Ländern den Weg über staatlich finanzierte Preisbremsen und die Abschöpfung von Zufallsgewinnen bei Marktteilnehmern.

Viele Stromanbieter haben die Erwartungen des Marktes bereits eingepreist. „Zum Jahreswechsel hätten örtliche Grundversorger über 700 Preiserhöhungen angekündigt – im Schnitt um rund 50 Prozent”, berichtet Lundquist Neubauer vom Vergleichsportal Verivox. „Vor allem für Bestands- und Grundversorgungskunden wird es jetzt deutlich teurer, denn die hohen Marktpreise kommen jetzt auch bei ihnen an.” Derzeit liegt der durchschnittliche Strompreis laut Verivox bei 43,3 Cent die Kilowattstunde und damit schon über dem Deckel von 40 Cent; Neukunden müssen oft noch wesentlich mehr zahlen. Zum Vergleich: Im September 2021 kostete die Kilowattstunde im Schnitt noch 30,54 Cent.