Merck setzt sich ambitionierte Ziele und investiert kräftig

Der Pharma- und Chemiekonzern aus Darmstadt kann sich auch in Zeiten der Pandemie über erfolgreiche Geschäfte freuen. Foto: dpa
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Der Darmstädter Konzern will das "weltweit führende" Wissenschaftsunternehmen werden und den Umsatz deutlich steigern. Dafür nimmt Merck mehrere Milliarden Euro in die Hand.

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DARMSTADT. Merck hat Großes vor - und hält damit, anders als in der Vergangenheit, nicht hinterm Berg. Das kam an der Börse gut an. Die seit 1. Mai amtierende Merck-Chefin Belén Garijo drückt dabei deutlich aufs Tempo. Als einzige Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns will die Spanierin die strategischen Vorarbeiten ihrer Vorgänger Kley und Oschmann bei dem Spezialchemie- und Pharmakonzern intensiver nutzen, schnell aufs nächste Level zu kommen, hieß es am Kapitalmarkttag. Zumal die älteste Arzneimittelfirma der Welt als heimlicher Gewinner der Corona-Pandemie derzeit vor allem durchs Laborgeschäft viel Rückenwind hat. Und offenbar finanziell Luft, um sich wieder Milliardenzukäufe zuzutrauen.

Zukauf des US-Halbleiterzulieferers Versum Materials

Nach den letzten großen Übernahmen wie der des US-Halbleiterzulieferers Versum Materials für 5,8 Milliarden Euro waren Akquisitionen bei 500 Millionen gedeckelt. Schuldenabbau stand obenan. „Angesichts der zügigen Rückführung der Nettofinanzverschuldung steigt die finanzielle Flexibilität von Merck wieder deutlich“. Es sei davon auszugehen, dass man Ende 2022 für Firmenkäufe knapp zehn Milliarden Euro zur Verfügung habe. Gezielte kleinere bis mittlere Zukäufe gelten aber weiterhin als wahrscheinlicher.

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Wachstumsrate von mehr als sechs Prozent angepeilt

„Unsere Ambition ist, das weltweit führende Wissenschafts- und Technologieunternehmen des 21. Jahrhunderts zu werden,“ so Garijo. Die Weichen seien gestellt für nachhaltiges, profitables Wachstum - bei hoher Kostendisziplin. „Wir wollen damit unseren Konzernumsatz bis 2025 auf etwa 25 Milliarden Euro steigern“, so die Vorsitzende der Geschäftsleitung. Das bedeutet ein Plus von sechs Prozent im Jahr. Die neuen Umsatzziele bis 2025 lägen über der der aktuellen Konsensschätzung, schrieb Analyst Richard Vosser von JPMorgan. 2020 setzte Merck gut 17,5 Milliarden Euro um. Für 2021 werden bis zu 19,7 Milliarden angepeilt. Übernahmen sind freilich für Merck, das über 11.000 der weltweit 58 000 Mitarbeiter am Stammsitz Darmstadt beschäftigt, nichts Neues. Schließlich waren zum Portfolioumbau in den vergangenen Jahren bereits weit über 40 Milliarden Euro mit Erfolg bewegt worden. Doch Garijo legt ihr Augenmerk weiter auf ein „sehr aktives Portfoliomanagement“ - weniger aussichtsreiche Aktivitäten werden deshalb gestrichen. Dies gilt auch für die Pharmasparte, die Garijo vor ihrem Wechsel an die Konzernspitze leitete. Dabei hatte sie den Bereich stärker auf aussichtsreichere Medikamente gegen Krebs und Multiple Sklerose (MS) ausgerichtet. Aber die Pharmaforschung schwächelt immer wieder. Jüngstes Indiz ist ein weiterer Fehlschlag beim potenziellen Krebsmittel Bintrafusp-alfa, einem der bisher vielversprechendsten Entwicklungsprojekte von Merck.

Laborsparte bleibt Treiber

Treiber des Geschäftes ist die weiterhin Laborsparte, die hauptsächlich aus den früheren Unternehmen Millipore und Sigma Aldrich besteht. Diese sogenannte Life-Science-Einheit hat Pharma als Hauptertragsquelle abgelöst und macht nun rund 45 Prozent des bereinigten Konzernergebnisses aus. Beliefert werden viele Corona-Impfstoffhersteller wie etwa auch der Pionier Biontech aus Mainz. Die Darmstädter wollen nun ihr Geschäft rund um die Herstellung biopharmazeutischer Produkte durch mehr Kapazitäten und eine Vergrößerung des Produktionsnetzwerks ausbauen. Zudem will sich Merck auch stärker als Auftragsfertiger und -entwickler positionieren.

Pandemie-bedingte Nachfrage wird schwinden

Die Pandemie-bedingte Nachfrage werde zwar bis 2025 nachlassen, so die Ärztin am Merck-Steuer. Aber die Nachfrage nach Laborbedarf bleibe hoch. Deshalb soll die Laborsparte mittelfristig im Schnitt um sieben bis zehn Prozent pro Jahr aus eigener Kraft wachsen - und damit schneller als der Markt. Und stärker als das Pharmageschäft, wo neue Präparate - Stand heute - weniger als die gewünschten zwei Milliarden Umsatz beisteuern werden.

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Für das kleinste Standbein, den Bereich Spezialmaterialien (früher Performance Materials, heute „Electronics“), setzt die Chefetage nun die Messlatte ebenfalls höher. Dank der zugekauften Versum Materials hatte Merck den einst vom Flüssigkristall-Geschäft mit Traumrenditen von 50 Prozent dominierten Bereich auf das wachsende Geschäft mit Halbleitern ausgerichtet. Auf diesem Markt sieht man sich als Nummer sechs, was den eigenen Ansprüchen nicht genügt. Chips sollen der Wachstumstreiber der Sparte werden. Denn der Chipmangel der Autobauer, neue Produktionswerke für Halbleiter sowie Megatrends durch die 5G-Kommunikation, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge oder autonomes Fahren stehen für steigende Nachfrage.

Von Achim Preu