Gaspreise: Schreiben von Versorgern verunsichern Kunden

aus Energie

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Energie ist ein kostbares Gut. Nach dem Angriff auf die Ukraine sind die Preise kräftig gestiegen.

Die Gaspreisbremse ist endlich beschlossen, doch die Umsetzung ist kompliziert. Zusätzlich stiften Rechenbeispiele von Versorgern über zu erwartende Kosten Verwirrung.

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Region. Die Gaspreisbremse ist beschlossen, doch viele Fragen bleiben offen: Auf diesen Nenner lässt sich die aktuelle Situation für Energieversorger und Kunden bringen. Die Verunsicherung ist allenthalben groß. Nun sorgen Schreiben etlicher Versorger mit extrem hohen Angaben über zu erwartende Heizkosten für zusätzliche Verwirrung.

Grundsätzlich sind die Versorger verpflichtet, ihre Kunden rechtzeitig über Preisänderungen zu informieren. Was in normalen Jahren Routine ist, entpuppt sich 2022 als Balanceakt – und als unendliche Geschichte. Es begann damit, dass einige Versorger im frühen Herbst eine Anpassung ihrer Preise mit Blick auf die angekündigte Gaspreisumlage ankündigten. Doch Schnelligkeit wurde diesmal bestraft: Die Bundesregierung packte die Gasumlage wieder ein, die Berechnungen der Versorger waren überholt und mussten korrigiert werden.

Später wurde die Mehrwertsteuer auf Gas reduziert, dafür kamen Anpassungen bei weiteren Umlagen hinzu – alles stets ein Grund, die Kunden anzuschreiben. Nicht zu vergessen die Übernahme des Dezemberabschlags durch den Staat. Seit Mitte November folgten dann die Ankündigungen über Preisänderungen zum Jahreswechsel. Sie müssen laut Gesetz spätestens sechs Wochen vorher schriftlich erfolgen. Doch was soll man der Kundschaft ankündigen? Die Gaspreisbremse war inzwischen zwar in Planung, doch das Gesetz wurde erst in diesen Tagen beschlossen, und während der Beratungen gab es immer wieder Änderungen.

Eine neue Vorschrift zwingt die Versorger zu unrealistischen Berechnungen

Zusätzlich waren die Versorger diesmal angehalten, ihren Kunden eine Art Hochrechnung der Kosten für das Folgejahr zu präsentieren, inklusive einer Berechnung bei reduzierter Raumtemperatur. So steht es in Paragraf 9 der „Verordnung zur Sicherung der Energieversorgung über kurzfristig wirksame Maßnahmen (EnSikuMaV)”. Dem Auftrag sind die meisten Versorger nachgekommen, allerdings haben die dabei präsentierten Zahlen wenig mit der Realität zu tun, weil sie auf sehr teuren Neukundentarifen basieren. Nur wenige Verbraucher müssen diese aber bezahlen. Außerdem fehlt die Gaspreisbremse – weil noch kein Gesetz. Sie deckelt den Preis ab Januar für 80 Prozent des Verbrauchs auf 12 Cent pro Kilowattstunde. Deshalb sind die in den Schreiben angegebenen Werte viel zu hoch; aufgeschreckte Kunden verstopfen seitdem die Hotlines der Versorger.

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„Das Ganze versteht doch kein Mensch mehr”, schimpft Berndt Hartmann, Geschäftsführer der Wetzlarer Enwag. Selbst die Spezialisten hätten mittlerweile Schwierigkeiten, alle Feinheiten der Beschlüsse nachzuvollziehen. „Von der Programmierung der neuen Abschlagsberechnungen mal ganz abgesehen.” Der Wetzlarer Versorger hat deshalb darauf verzichtet, die Kundschaft mit Hochrechnungen zu traktieren. Die Wiesbadener Eswe ist auf das Kundenmagazin „visavis” ausgewichen, teilt Unternehmenssprecher Frank Rolle mit. Ferner enthalte jedes Anschreiben Energiespartipps.

Das Ganze versteht doch kein Mensch mehr.

Berndt Hartmann Geschäftsführer der Wetzlarer Enwag

Andere Unternehmen, wie die Energieversorgung Mittelrhein in Koblenz, haben die Schreiben zwar verschickt, raten der Kundschaft jedoch ausdrücklich, diese mit Vorsicht zu genießen. „Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen”, zitiert der SWR einen Unternehmenssprecher. Entscheidend sei der Satz: „Die Darstellung erfolgt aufgrund gesetzlicher Vorgaben anhand des Neukundentarifs. Dieser kann von Ihrem derzeitigen Gastarif abweichen.” Maingau Energie (Obertshausen) verschickte Ende November Briefe an die Kunden, in denen eine völlig unrealistische Hochrechnung für die aktuelle Abrechnungsperiode aufgemacht wird, die zudem nicht zu den neuen Abschlägen passt. Verwirrung pur.

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Auch bei der Entega in Darmstadt ist man nicht glücklich über die Informationslage. Sprecher Michael Ortmanns berichtet von einem „deutlich verstärkten Anrufvolumen” im Kundencenter. Man werde nun sehr rasch alle Kunden informieren. Eswe-Sprecher Rolle sagt: „Die Verunsicherung ist einfach da.” In Wiesbaden versucht man, mit Youtube-Erklärvideos gegenzusteuern.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserversorger (BDEW) hat die zusätzliche Informationspflicht nach eigenen Angaben „von Anfang an kritisiert, weil für die Kunden damit kein Mehrwert verbunden ist”. Man habe alternativ eine beispielhafte und nicht auf individuelle Verbrauchs- und Abrechnungsdaten bezogene Information vorgeschlagen – ohne Erfolg. Und weiter: „Durch den Beschluss der Gaspreisbremse ist die Regelung überholt und führt zu unnötiger Verwirrung bei den Kundinnen und Kunden.“