Inklusion im Sport: Zwischen Misere und Aufbruch

Referenten: Kristine Eberle vom Behindertensportverband und Ralf-Rainer Klatt vom Sportamt. Foto: Volker Bachmann
© Volker Bachmann

Die Inklusion kämpft mit vielfältigen Problemen: Beim Sport-Forum in Darmstadt zeigt die Modellregion Darmstadt allerdings auch erste Fortschritte auf.

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DARMSTADT. Schwimmen, Tanzen, Reiten, Fußball und Bowling – das sind die Top Fünf der Wunschsportarten, die der Deutsche Behindertensportverband (DBS) in einer Befragung unter Menschen mit Handicap ermittelt hat. Doch über die Hälfte der Interessenten sieht Schwierigkeiten bei der Teilnahme an diesen Sportarten, die eigentlich zum Alltagsprogramm in der Bevölkerung zählen. Nur ein Beispiel dafür, dass Teilhabe – übrigens ein Menschenrecht – auch im Sport schnell an Grenzen stößt. Dass Inklusion oft genug Ansatz bleibt, ob aus objektiv vorhandenen oder nur gefühlten Gründen.

Daran möglichst schnell etwas zu ändern, gehört zu den Zielen von Kristine Eberle. Die stellvertretende Direktorin für Sportentwicklung im DBS hielt am Montag beim Darmstädter Sport-Forum den Vortrag über „Mehr Inklusion für alle – Wege, Brücken, Herausforderungen und der Darmstädter Prozess“. Wobei Ralf-Rainer Klatt vom Sportamt Darmstadt als Co-Referent über die lokalen Entwicklungen berichtete, dabei auch über feine Unterschiede in den Umfrage-Ergebnissen hiesiger Bürger mit Behinderung. Denn diese haben als Wunschsportarten gleich hinter Spitzenreiter Schwimmen auch Tauchen und Bogensport genannt. Wobei allerdings nur 29 Prozent Schwierigkeiten bei der Umsetzung sehen. „Da kann man nur spekulieren, ob wir schon weiter sind“, sah Klatt in der Abweichung von den bundesweiten Ergebnissen noch kein belastbares Signal, dass Darmstadt tatsächlich eine Vorreiterrolle einnimmt.

„Wasserflöhe“ mit großem Engagement

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Einzelinitiativen wirken sich aus. Dass Tauchen so viel Zuspruch erhält, ist wohl dem Engagement der „Wasserflöhe“ zu verdanken. Die mit „Sternen des Sports“ ausgezeichnete inklusive Tauchgruppe des VSG Darmstadt weckte beim Sport- und Spielfest großes Interesse.

Aber tatsächlich könnte Darmstadt auch von einem besonderen Status in Sachen Inklusion profitieren. Denn es zählt zu den zehn Modellregionen, in denen das DBS-Projekt „MIA – Mehr Inklusion für Alle“ bundesweit erprobt wird. Zehn Modellregionen aus zehn Bundesländern mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen, mal kommunal angebunden wie in Darmstadt, mal als Kleininitiative wie etwa der Handballsportclub Rosenstadt in Eutin. Eine Vielfalt, „die Fluch und Segen zugleich“ sei, wie Eberle einräumt. Aber nötig, um ebenso vielfältig Erfahrungen zu sammeln. Für MIA, das nach der Erstellung eines über 100 Seiten starken Wegweisers „Index für Inklusion“ für praktische Umsetzungen sorgen soll, stehen 600 000 Euro für den Zeitraum von 2017 bis 2020 zu Verfügung.

Dabei ist immer noch vieles im Aufbruch, sprich: Grundlagenarbeit, Bedarfsermittlung. Etwa die Umfragen, ebenso der Aufbau von Netzwerken oder die Einrichtung eines Internet-Forums (noch nicht öffentlich). Beim hiesigen MIA-Projekt sind Stadt (mit Sportamt und „Nachbarämtern“), Sportkreis, Sportstiftung, mehrere Sportvereine sowie unter anderem Lebenshilfe und Demenzforum eingebunden. Klatt benannte für Darmstadt erste Fortschritte, etwa die Reaktivierung des Gehörlosenvereins sowie neue inklusive Sportangebote: darunter eine sogenannte ID-Fußballmannschaft für intellektuell benachteiligte Menschen (FCA Darmstadt), Klettern (Alpenverein), Freizeitfußball (Lebenshilfe), Schießstand (Jagdklub). Und als Projekte: Inklusion und Sport an den Hochschulen sowie eine inklusive Fußball-Kreisliga.

Wichtig sind Verbesserungen in der Infrastruktur

Neben der Qualifizierung von Übungsleitern („damit Schwellenängste überwunden werden“) brauche es vor allem Verbesserungen in der Infrastruktur. Auch hier ist noch Grundlagenarbeit nötig, wie die Erstellung eines Katasters der Sportstätten. „Es ist kein Thema, das man nebenher erledigt“, verwies Klatt auf Probleme. „Geduld, Mut, Sensibilität“ seien nötig. Langen Atem braucht es auch bei der Finanzierung. Das wurde in der anschließenden Diskussion klar. Dabei machte zwar Eckhard Cöster vom Landessportbund Hessen den Vereinen Mut, sich mit ihren Unterstützungsanfragen auch an den LSBH zu wenden. Doch bloße Projektfinanzierung sei nicht ausreichend, lautete die Kritik, es müssten dauerhaftere Lösungen her. Da nehme sich auch der DBS nicht aus, zeigte Eberle Verständnis. Denn von vier Referentenstellen sei nur ihre dauerhaft finanziert, die übrigen müssten immer wieder neu beantragt werden. „Das ist Teil der Misere.“

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Von Volker Bachmann