Harmonie steigert den Speed der Seitenwagen-Gespannfahrer

Der Odenwälder Karl Keil ist Altmeister der Seitenwagen-Gespannfahrer. Seit zwei Jahren hat er einen neuen Beifahrer. Der Beginn der ECHO-Serie „Die Zwei“ - Duos im Sport.

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LANGENBROMBACH. Dem Neuseeländer Burt Munro (gespielt von Oscar-Preisträger Anthony Hopkins) wurde 2005 der Film „Mit Herz und Hand“ gewidmet. Im Mittelpunkt steht ein Motorrad-Enthusiast, der mit einer von ihm selbst aufgebauten Uralt-Indian 1967 als 68-Jähriger bei der Bonneville-Speedweek in den USA einen Geschwindigkeitsrekord (296,26 km/h) aufstellt. Eine wahre Geschichte – so wie die des Langenbrombachers Karl Keil.

Seit 47 Jahren ist der Odenwälder fester Bestandteil der deutschen und europäischen Gras- und Sandbahn-Szene – zunächst als Beifahrer im Gespann, seit 1981 am Lenker. 65 Jahre alt ist der Kfz-Elektriker im Ruhestand. Und plant bereits die nächste Langbahn-Saison, die er wieder mit David Kersten (Friedrichshafen) im Seitenwagen bestreiten wird. „Und das Bike für die übernächste Saison habe ich auch schon.“

Beim Gespannfahren ist absolute Harmonie des Teams das Ziel. „Das dauert etwa ein Jahr, bis die Zusammenarbeit passt.“ Das lernte er 1971 als Beifahrer des Groß-Bieberauers Erich Heil. In ihrem ersten Rennen im Erbacher Sportpark, wo bis 1975 gefahren wurde, sprang Platz zwei heraus. Dafür gab es 500 Mark. „Das war viel Geld damals.“ Heutzutage sind die finanziellen Aufwendungen einer Saison oft höher als die hereingefahrenen Preisgelder.

Seit zwei Jahren fährt er mit David Kersten vom Bodensee. Kersten war kompletter Neuling, als er sich zum zweifachen Europameister Keil in den Seitenwagen begab. „Man fängt langsam an, fährt dann immer ein bisschen schneller, um sich einzugewöhnen, bis man das erste Mal Vollgas geben kann.“ Ein Beifahrer müsse ein gutes Gefühl haben, damit alles harmoniert. „Das muss funktionieren. Fünf Zentimeter zu weit vorne oder hinten, dann passt das Gewicht nicht.“ Und die richtige Gewichtsverlagerung ist nicht zuletzt beim Start – die Gespanne beschleunigen auf den ersten Metern so schnell wie ein Formel-1-Bolide – von großer Bedeutung. Denn als Führender in die erste Kurve zu gehen, ist die halbe Miete, um nach vier Runden auf den gegen den Uhrzeiger zu fahrenden Ovalen auf Platz eins die Ziellinie zu passieren.

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Mit bis zu 120 Stundenkilometer knapp über der Grasnarbe: Es ist ein harter, faszinierender, auch gefährlicher Sport. Zweimal das Schlüsselbein und mehrere Rippen hat sich Karl Keil schon gebrochen, doch seine schwärzeste Stunde erlebte er im August 2015 beim EM-Finale in Hertingen, als sein Beifahrer Stefan Müller (Klein-Krotzenburg) in einem Trainingslauf nach einem Dreher aus dem Beiwagen fiel und von einem französischen Gespann erfasst wurde. Er starb noch auf der Bahn. „Du liegst nachts im Bett und schläfst nicht, du grübelst. Mir ist noch nichts Härteres im Leben passiert“, sagte der Langenbrombacher damals. Er fuhr einen Monat später mit einem Freund Müllers weiter, auch weil der Verstorbene das so gewollt hätte.

20 Jahre lang trat er mit Joachim Reeg an, der aus dem Michelstädter Stadtteil Steinbach stammt. „Der Joachim war der Beste von allen. Wahrscheinlich würden wir heute noch zusammenfahren.“ Für Reeg, 60 Jahre alt und mittlerweile im niedersächsischen Syke lebend, stellt sich die Frage schon lange nicht mehr, er musste 1998 seine Karriere beenden. Ganz ähnlich wie Müller konnte er sich nicht im Seitenwagen halten und wurde überfahren. „Fast alle Todesfälle im Bahnradsport geschehen auf diese Art und Weise“, weiß Joachim Reeg. Er kam mit dem Bruch der Hüfte davon, die durch eine künstliche ersetzt wurde. Bereits sieben Jahre zuvor hatte mit dem jungen Wersauer Manfred Spiegelhauer ein Odenwälder auf der Bahn sein Leben gelassen. „Das hat uns damals schwer mitgenommen. Aber man blendet die Gefahren total aus und fährt zwei Wochen später wieder.“

Die Freunde besuchen sich trotz der großen Distanz ab und zu, Karl Keil ist der Patenonkel von Reegs Tochter. Der Brombachtaler erinnert sich gerne: „Wir haben uns damals einfach blind verstanden. Vom Anfang bis zum Ende.“ Eine Einheit gebildet, was sich im Gewinn unzähliger Rennen auszahlte. „Man braucht einen zuverlässigen Beifahrer, der beim Rennen mitdenkt“, erläutert Joachim Reeg.

Mehr als 1000 Pokale hat Karl Keil gewonnen. „Mein Dachboden ist voll davon.“ Und es werden vermutlich noch einige dazukommen. Denn am 30. Mai 2019 beginnt im pfälzischen Herxheim die neue Saison. „Ich hätte vielleicht schon vor 20 Jahren aufhören sollen“, sinniert der 65-Jährige, „doch ich kann es nicht lassen. Ich kann es einfach nicht lassen.“

Von Lutz Heider