Jürgen May im Zentrum einer deutsch-deutschen Boykott-Affäre

aus Zeit-Lupe

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Jürgen May (vorn) bei den DDR-Meisterschaften 1963 in Jena. Archivfoto: BArch, Bild 183-B0831-0012-003 / U. Kohls

Athen, 16. September 1969: Der Deutsche Leichtathletik-Verband tritt bei der Europameisterschaft nur mit den Staffeln an. Der Boykott ist eine Spätfolge der sportpolitischen...

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. Die einen Deutschen wurden mit freundlichem Applaus begrüßt, die anderen mit Pfiffen - und die Buhmänner kamen diesmal aus dem Westen. Bei der Eröffnung der Leichtathletik-Europameisterschaft in Athen am 16. September 1969 gab es (wieder einmal) viel böses Blut. Am Pranger stand bei dieser deutsch-deutschen Sportpolitik-Affäre die Bundesrepublik, die (bis auf die Staffelwettbewerbe) das Großereignis komplett boykottierte.

Die skurrile Geschichte kreiste um Jürgen May und hatte drei Jahre zuvor bei der EMin Budapest begonnen. Damals ließ sich der DDR-Mittelstreckenläufer von zwei West-Sportlern 100 Dollar und ein Paar Puma-Schuhe zustecken. Er lieferte das kapitalistische Geschenk zwar umgehend bei seinen Verbandsbossen ab, doch die sperrten ihn trotzdem lebenslänglich wegen Verstoßes gegen das Amateurstatut. May wusste, dass er schon lange auf der "Abschussliste" der Stasi gestanden hatte, und vermutete, ein Sportkamerad habe ihn verraten. Erst nach der Wende 1989 las er in geheimen Akten, dass Puma-Konkurrent Adidas hinter seiner Sperre steckte. "Die damalige Firmenführung bestand auf Einhaltung des Exklusivvertrages mit der DDR", berichtete May.

Flucht in den Westen, aber kein Start für die Bundesrepublik

Doch damit war die Affäre keineswegs zu Ende, sie ging erst richtig los. 1967 floh May in den Westen und ließ sich in Hanau nieder. Zwei Jahre später nominierte ihn der Leichtathletikverband (West) für die EM in Athen, obwohl er nach den Statuten bei einem Landeswechsel für drei Jahre hätte gesperrt werden müssen. Die DDR intervenierte auf europäischer Funktionärsebene - mit Erfolg. May durfte nicht starten.

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Während die westdeutschen Sportler schon in ihrem Hotel in Athen eingecheckt hatten, versuchte DLV-Boss Dr. Max Danz, mit einer Boykottdrohung Mays Start doch noch durchzusetzen. Die Athleten hatten in einer zweiten Abstimmung knapp für diesen Boykott votiert. Der Verbandsboss pokerte am Ende zu hoch, der europäische Verband blieb hart. Schließlich holten die Staffeln des DLV drei Medaillen, doch ihr Alibi-Start war nur ein fauler Kompromiss. Die Zeitung "Die Welt" schrieb: "Den Schaden haben die Aktiven." Wie so oft im Kalten Krieg.

Die Höhepunkte der Leichtathletik-EM 1969 in Athen:

Das 100-m-Finale der Frauen:

Das 100-m-Hürden-Finale der Frauen: