Falscher Fotograf trifft echten Knipser

aus Zeit-Lupe

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Andreas Thom (li.) und Ulf Kirsten waren unter den ersten DDR-Kickern, die 1989 in den Westen wechselten. Mit Bayer Leverkusen gewannen beide 1993 den DFB-Pokal. Archivfoto: dpa

Der einstige Leverkusen-Manager Reiner Calmund hatte 1989 den richtigen Riecher und griff in die Trickkiste. Mit Wolfgang Karnath schleuste er einen Spielervermittler als...

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. Von Johannes Holbein

Die Geschichte klingt wie aus einem Agentenfilm: Als die DDR-Auswahl am 15. November 1989 das letzte Qualifikationsspiel für die Fußball-WM gegen Österreich 0:3 verlor und sich dadurch nicht qualifizierte, war Wolfgang Karnath im Innenraum des Wiener Praterstadions (heute: Ernst-Happel-Stadion). Der einstige A-Jugend Trainer von Leverkusen erhielt vom damaligen Leverkusen-Manager Reiner Calmund eine Akkreditierung als Fotograf. Knipsen sollte er allerdings nicht, sondern zum Knipser Kontakt aufnehmen.

Karnath schlich direkt auf die Bank der DDR, immer wenn dort einer aufsprang, rutschte er einen Sitz näher an die Spieler: Den ausgewechselten Matthias Sammer sprach er an und erfragte Adressen und Telefonnummern von ihm, Ulf Kirsten und Andreas Thom. Die Idee dazu hatte Reiner Calmund, der die drei Ost-Spieler nach Leverkusen locken wollte. Er war sich der Flut an Scouts und Beratern bewusst, die alle den Mauerfall als Chance sahen, talentierte Spieler aus dem Osten zu verpflichten. Als Erster mit den Spielern zu sprechen, das war Calmunds Plan. Vor allem von Andreas Thom war der Ex-Manager angetan, er war Torschützenkönig der DDR-Oberliga.

Nur einen Tag nach dem verlorenen Spiel klingelte es an Thoms Tür in der Holzmarkstraße in Berlin-Mitte. Calmund hatte eine offizielle Verhandlungsgenehmigung vom Fußball-Verband der DDR (DFV) dabei. Spieler und Manager waren sich schnell einig: Am 16. Dezember 1989 wechselte Thom für 2,5 Millionen Mark (rund 1,2 Millionen Euro) von Dynamo Ost-Berlin nach Leverkusen. Er ist damit der erste DDR-Spieler, der legal in die Bundesliga wechselte. Auch wenn ein falscher Fotograf den Transfer einfädelte.