Deutsche Handballerinnen können mehr als sie gezeigt haben

Nach Ansicht von Heike Ahlgrimm, Trainerin des Bundesligisten HSG Bensheim/Auerbach, hat die Nationalmannschaft bei der WM ihr Potenzial nicht abgerufen – auch Julia Maidhof nicht.

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BENSHEIM. (eh/ü). „Wir sind ein Stück näher dran, aber der Abstand zur absoluten Weltspitze ist immer noch groß.“ Heike Ahlgrimm, Trainerin des Bundesligisten HSG Bensheim/Auerbach, schaut von zwei Seiten auf das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Handball-Weltmeisterschaft der Frauen in Spanien. Die Zahlen sprechen für eine durchaus gelungene WM: fünf Siege (und eine Niederlage) in Vor- und Hauptrunde, frühzeitige Qualifikation für die K.o.-Phase und nach dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Spanien Platz sieben im Endklassement.

Zum Gesamtbild gehört aber auch ein Blick auf die Konkurrenz. „Wir hatten den leichteren Turnierbaum“, weist Ahlgrimm auf die Qualität der Gegner in den ersten fünf WM-Partien hin. Gegen Dänemark, das erste internationale Schwergewicht, zog Deutschland deutlich (16:32) den Kürzeren: „Die Däninnen haben uns die Grenzen aufgezeigt.“

Trotz der enttäuschenden Vorstellung in diesem Match war Ahlgrimm für das Viertelfinal-Duell mit Spanien zuversichtlich gewesen. Am Ende setzten sich die Gastgeberinnen mit 26:21 (14:10) gegen eine über weite Strecken enttäuschende deutsche Equipe durch. „Die Chance aufs Halbfinale war da, die Mannschaft hat es leider nicht geschafft, ihr Potenzial abzurufen.“

Wie schon gegen Dänemark (wenngleich etwas weniger ausgeprägt) beobachtete die Bensheimer Trainerin gegen den Vize-Weltmeister von 2019 erneut Unterschiede in elementaren Dingen. Passgeschwindigkeit, Tempo und Qualität beim Eins-gegen-Eins, Qualität der Abschlüsse, die Entschlossenheit, in Lücken zu stoßen, das Binden von zwei Gegenspielerinnen bei einer Angriffsaktion. „Da war Spanien einfach besser.“

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In puncto Individualleistungen bewegten sich die DHB-Spielerinnen bei der WM auf unterschiedlichem Niveau. Wie von Heike Ahlgrimm prognostiziert, entwickelte sich Spielmacherin Alina Grijseels (Borussia Dortmund) zur auffälligsten deutschen Akteurin. „Ich habe vorher gesagt, dass sie überraschen kann. Das hat Alina getan.“ Die Performance ihres ehemaligen Schützlings Julia Maidhof (23), bis 2020 für die HSG aktiv, bewertete die 46-Jährige mit dem Prädikat „durchwachsen“. Hinter Grijseels (35 Tore) war die Linkshänderin (25 Tore) beste deutsche Werferin. „Julia kann mehr. Sie ist sehr reflektiert und wird ihre Leistungen richtig einordnen. Es war ihr zweites großes Turnier und eine wichtige Erfahrung.“

Um den Vorsprung der führenden Nationen wie Norwegen, Frankreich oder Niederlande aufzuholen, braucht der deutsche Frauen-Handball Zeit. „Das ist ein Prozess von mehreren Jahren und muss schon in der Ausbildung beginnen“, betont die ehemalige Nationalspielerin.

Eine Handball-Demonstration auf höchstem Niveau boten in der Hauptrunde Norwegen und die Niederlande beim 37:34-Sieg der Skandinavierinnen. „Das war vom Feinsten.“ Dass Oranje mit der Ex-Bensheimerin Merel Freriks im Kader den Einzug ins Viertelfinale verpasste, bedauert Ahlgrimm: „Schade, dass so eine tolle Mannschaft so früh ausgeschieden ist.“