Dong-Won Ji: Der Ruhepol des SV Darmstadt 98 aus Fernost

aus SV Darmstadt 98

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Kennt die Spielsysteme aus mehreren Ländern: Dong-Won Ji hat schon in Südkorea, England und Deutschland gespielt.    Foto: Florian Ulrich

Auf dem Spielfeld ist Dong-Won Ji trotz seiner 1,88 Meter ein quirliger Spieler, der nie aufsteckt und der sich oft komplett in den Dienst der Mannschaft stellt. Er ist keiner,...

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DARMSTADT. Auf dem Spielfeld ist Dong-Won Ji trotz seiner 1,88 Meter ein quirliger Spieler, der nie aufsteckt und der sich oft komplett in den Dienst der Mannschaft stellt. Er ist keiner, der selbst unbedingt im Mittelpunkt stehen muss. Und so überrascht es nicht, dass er sich auch privat sehr zurückhaltend und unaufgeregt gibt.

Freilich ist diese Tatsache auch seiner koreanischen Abstammung geschuldet, denn Koreaner - so lerne ich vor dem Gespräch von unserem Dolmetscher Tae Seong Li - sind in dieser Hinsicht Japanern sehr ähnlich. "Bei uns werden die Kinder so erzogen, dass sie sich anderen gegenüber zurückhaltend zeigen. Aber innerlich haben viele Koreaner eigentlich das Temperament von Italienern", berichtet Tae Seong Li. Allerdings scheint der 26 Jahre alte Ji in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu sein, denn er sagt über sich selbst, dass seine größte Stärke seine "große innere Ruhe und Ausgeglichenheit in allen Situationen" sei. Auf die Frage, was ihn aus der Balance bringen könne, antwortet er dann aber glücklicherweise: "Wenn ich mit meiner Mannschaft gewinne, dann freue ich mich." Und tatsächlich sieht man ihn dann auf dem Spielfeld auch lächeln.

Dass der in der Winterpause vom FC Augsburg ans Böllenfalltor ausgeliehene südkoreanische Nationalspieler lustig und humorvoll sein kann, erweist sich im Verlaufe unseres Gesprächs. Denn auf die Frage, ob ihm seine momentan guten Leistungen im Trikot der Lilien doch noch einen Platz im WM-Kader der Südkoreaner (übrigens Gruppengegner der deutschen Nationalmannschaft) einbringen könnten, antwortet er schmunzelnd: "Wäre Dirk Schuster Nationaltrainer Südkoreas, würde ich bestimmt spielen."

Unter Trainer Dirk Schuster (die beiden kennen sich aus der gemeinsamen Zeit beim FC Augsburg) lief Ji in allen 15 Spielen, die er seit seinem Wechsel bisher absolvierte, von Beginn an auf. In 14 blieb er über die volle Distanz auf dem Platz. Mit zwei Treffern und vier Torvorlagen hat er das Offensivspiel der Lilien belebt und am Sonntag maßgeblich zum wichtigen 3:0-Sieg in Regensburg beigetragen. Dennoch ist der Protagonist nur teilweise zufrieden. "Für mich persönlich ist es momentan eine gute Zeit, da ich verletzungsfrei bin. Insgesamt hätte ich gerne aber noch mehr Treffer erzielt."

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Dennoch - das Leihgeschäft zwischen dem FC Augsburg und dem SV 98 ist eine Win-Win-Situation. Ji, der zuletzt in Augsburg kein Stammspieler mehr war, kann bei den Südhessen Spielpraxis sammeln und sich für die Nationalmannschaft empfehlen. Die Lilien hingegen haben einen wertvollen Spieler hinzugewonnen, der im Abstiegskampf hilft - zumindest bis zum Saisonende.

Der bescheidene Dong-Won Ji stammt von der südkoreanischen Inselprovinz Jeju-do. Auf der subtropischen Vulkaninsel, auf der es hunderte kleine vulkanartig geformte Hügel und unzählige Lavatunnel gibt, wird er mit zwei älteren Schwestern groß. "Als Kind war ich viel mit meinen Freunden in der Natur oder am Meer. Dabei haben wir oft auch Fußball gespielt. Das waren immer schöne Momente", erinnert sich Ji.

Doch bereits ab der fünften Klasse verlässt er mit seinen Schwestern das Zuhause und die Eltern, um in Gwangyang eine Schule zu besuchen. "Bei uns zu Hause gab es keine große Auswahl an Schulen, und meine Schwestern mussten ohnehin auf eine weiterführende Schule wechseln. Deshalb sind wir zusammen umgezogen. Wir lebten in einer eigenen Wohnung und sie haben sich um mich gekümmert. Von daher ist unser Verhältnis schon immer sehr eng." In jener fünften Klasse empfiehlt ihm der Fußball-Trainer der Gwangyang Jecheol High School, unbedingt weiter Fußball zu spielen. "Von da an ging es mit dem Fußballspielen richtig los."

Beim in Gwangyang beheimateten Verein Jeonnam Dragons wird Ji in den folgenden Jahren ausgebildet. Mit 16 Jahren erhält er in der zehnten Klasse die Möglichkeit, mit sechs anderen durch den Verband auserwählten Spielern zehn Monate bei einem ausländischen Verein Spielpraxis zu sammeln. Er nimmt das Angebot an und trainiert während dieser Zeit in der Jugend des damaligen Premier League-Clubs FC Reading. "Es war nicht leicht für mich dort, auch wenn zwei Freunde von mir und einer meiner Trainer dabei waren. Ich konnte mich nicht auf Englisch verständigen und man hatte nur an einem Tag pro Woche Sprachunterricht. Ich wollte alles gut machen und war sehr fleißig, aber am Ende hat es für mich nicht zu einer Vertragsverlängerung dort gereicht. Das war für mich sehr enttäuschend, besonders weil meine beiden Freunde weiterführende Verträge erhielten", gibt Ji offen zu.

Für ihn geht es zurück zu den Jeonnam Dragons. Er trainiert dort als Oberschüler in der U18 und wird nach dem Abschluss der Schule mit dem Abitur im Jahr 2010 Profi. Der Offensivspieler arbeitet konsequent an seinen Stärken und Schwächen, wird Junioren-Nationalspieler und belohnt sich im Juli 2011 doch noch mit einem Wechsel in die Premier League. Beim AFC Sunderland unterschreibt er einen Dreijahresvertrag. "Ich hatte damals verschiedene Angebote vorliegen. Ich habe mich für Sunderland entschieden, weil ich es in England einfach noch einmal besser machen wollte als bei meinem ersten Aufenthalt in Reading."

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Ji ist damals gerade einmal 20 Jahre alt. Und da der Trainer, der ihn zum AFC holte, bereits nach kurzer Zeit entlassen wird, schwinden die Chancen auf Einsatzzeiten in der höchsten englischen Spielklasse für den talentierten jungen Mann. Zur Rückrunde der Saison 2012/13 wird er daher an den FC Augsburg in die höchste deutsche Spielklasse verliehen. Dort blüht er unter Trainer Markus Weinzierl auf, steht in allen restlichen 17 Begegnungen auf dem Platz und trägt mit fünf Treffern zum Klassenerhalt bei.

Zur Saison 2013/14 kehrt er zum AFC Sunderland zurück, doch bis Mitte Januar kann er seine Einsätze an einer Hand abzählen. Da der FC Augsburg für ihn ein gutes Pflaster war, liegt nichts näher, als es dort noch einmal zu versuchen. Am 16. Januar 2014 unterschreibt er in der Fuggerstadt einen Vertrag bis zum Saisonende. "Ich kannte die Stadt, das Stadion und die Mitarbeiter, und auch die Gespräche mit Trainer Weinzierl waren vielversprechend." Zupass kommt ihm das beschauliche Ambiente der Stadt im Südwesten Bayerns. "Ich mag es, in einer ruhigen Umgebung, aber in direkter Nähe zu einer Großstadt zu leben. Von daher gefällt es mir nun auch hier in Darmstadt mit der kurzen Distanz zu Frankfurt sehr gut."

Durch gute Leistungen empfiehlt sich der Rechtsfuß für höhere Aufgaben. BVB-Trainer Jürgen Klopp holt ihn zur Saison 2014/15 in den Ruhrpott. Mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet, will es in Dortmund aber von Anfang an nicht wirklich rund laufen. Von Verletzungen geplagt, rutscht er mitten hinein in das Krisenjahr des BVB, an dessen Ende mit Platz sieben für den Verein zwar ein relativ versöhnliches Ende steht, Dong-Won Ji aber ohne Profi-Einsatz wieder von dannen zieht. Lediglich zehn Spiele absolviert er für die U23 der Schwarz-Gelben - eine nicht zufriedenstellende Bilanz für einen Spieler, der als einer der Besten seines Heimatlandes an der WM in Brasilien 2014 teilnehmen durfte. "Das war eine schwere Zeit für mich, da ich während der Verletzungspause immer mehr das Gefühl hatte, dass es schwierig werden würde, in der ersten Mannschaft zu Einsätzen zu kommen. Aber meine Mannschaftskollegen waren super, sie haben mir in vielen Belangen geholfen. Dennoch habe ich mich dann zu einer Rückkehr nach Augsburg entschieden", resümiert Ji.

Immer wieder zieht es ihn nach Augsburg. "Mit Jeong-Ho Hong und Ja-Cheol Koo spielten zwei weitere Koreaner dort, was für mich natürlich ein wichtiges Argument war, dorthin zurückzukehren. Wir wollten als Koreaner unser Bestes geben und haben die Europa-League-Teilnahme in der folgenden Saison gemeinsam als großes Erlebnis genossen." Es ist die wohl beste Zeit seiner fußballerischen Laufbahn: Als Nationalspieler Südkoreas ist er gesetzt, mit seinem Verein spielt er im internationalen Geschäft, die "Südkorea-Achse" beim FCA funktioniert.

Mit seinen 26 Jahren hat Ji inzwischen bereits in drei Ländern Fußballerfahrung sammeln können. Und dabei wesentliche Unterschiede ausgemacht: "In Korea ist es so, dass die Spieler bis zum Ende unglaublich kämpfen. In Deutschland ist der taktische Bereich sehr anspruchsvoll und man legt insgesamt großen Wert auf defensive Stabilität. In England hingegen ist mehr Tempo im Spiel, das Umschaltspiel ist dominanter und generell ist man mehr auf den Angriff ausgerichtet." Es scheint, als habe er von allen Einflüssen etwas in seine Spielweise implantiert.

Als mit Dirk Schuster zur Saison 2016/17 ein neuer Trainer nach Augsburg kommt, beginnen für die Bayern nach dem Europa-Höhenflug wieder schwierigere Zeiten in den unteren Tabellengefilden. Schuster schätzt Ji als "in der Offensive universell einsetzbaren Spieler", und der schätzt den neuen Trainer. Auch als dieser nach 14 Spieltagen durch Manuel Baum ersetzt wird, bleibt Ji als Stammspieler eine tragende Kraft seines Teams. Warum es nun in der aktuellen Saison nur zu 17 Einsatzminuten im Fußball-Oberhaus kommen konnte, ist schnell erzählt: Immer wieder werfen ihn kleinere Blessuren aus dem Trainingsrhythmus, sodass er auch um eine Teilnahme an der WM in Russland zittern muss.

Dank der Rückrunden-Ausleihe nach Darmstadt und den dort gezeigten konstant guten Leistungen könnte es im Frühsommer aber doch noch doppelten Grund zur Freude im Hause Ji geben. Denn wenn neben dem Klassenerhalt mit dem SV 98 auch noch die Nominierung für den WM-Kader Südkoreas gefeiert werden könnte, dann würde er sich freuen. Und lächeln!

Von Melanie Kahl-Schmidt