Sportsoziologe: Corona ist ein Gewalttreiber im Fußball

Immer wieder flog in Marseille brennende Pyrotechnik in den Frankfurter Fan-Block.
© dpa

Im Interview erklärt Gunter A. Pilz, warum der Fußball das gleiche Gewaltproblem hat wie die Gesellschaft und kritisiert Fans, die zuletzt „schreckliche Signale“ gesendet haben.

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Herr Pilz, wie blicken Sie auf den Tod des 15-jährigen Fußballspielers in Frankfurt?

Das ist etwas, was vielleicht irgendwann mal kommen musste. Wir beobachten vor allen Dingen nach Corona eine Zunahme von Gewalthandlungen und stellen auch fest, dass die Zündschnur nach Provokationen oder ähnlichem kürzer geworden ist. Die Toleranzgrenzen sinken und die Enthemmung bei solchen Ereignissen nimmt immer mehr zu.

Haben sich die Gewaltvorfälle seit der Pandemie verstärkt?

Also mit Sicherheit hat Corona da ein Stück mit dazu beigetragen in diesen zweieinhalb Jahren, wo die Menschen mehr oder weniger still gestellt wurden, und kaum Möglichkeiten hatten, sich sportlich oder anderweitig auszuleben. Das hat zunehmenden Frust erzeugt und auch zu immer mehr Spannungen geführt, die dann bei dem geringsten Anlass entladen werden. 

Aber hat sich die Gewalt im Fußball nicht schon vor Corona angestaut?

Nein. Wir können eindeutig statistisch belegen, dass vor Corona die Gewalt im Jungen- aber auch im Amateurfußball immer auf dem gleichen Level waren. Wir hatten 0,04 % Spielabbrüche aufgrund von Gewalt gehabt. Nach Corona ging das Ganze dann fast um das Doppelte hoch. Insofern hat sich da schon etwas getan. Aber insgesamt gab es natürlich auch vor Corona solche Ereignisse. 

Warum passieren solche Vorfälle immer nur im Fußball?

Es passiert nicht immer nur im Fußball, aber der Fußball ist eine Sportart, die ihresgleichen sucht, was Beliebtheit, öffentliche Aufmerksamkeit und die Zahl der Menschen anbelangt, die diesen Sport verfolgen und auch selbst ausüben. Fußball hat eine hohe gesellschaftliche Attraktivität, insofern wird das, was im Fußball passiert, intensiver wahrgenommen – auch durch die Medien. Auf der anderen Seite wissen wir: Der Fußball hat, im Vergleich zu anderen Sportarten, ein massives Defizit, was sein Regelwerk anbelangt. Wenn zum Beispiel der Schiedsrichter im Eishockey pfeift, dann entfernen sich die Spieler sofort vom Puck. Wenn man das nicht tut, dann gibt es eine Zeitstrafe und man fliegt vom Platz. Beim Fußball hauen die den Ball dann noch weg, es gibt Rudelbildungen. Gerade diese Rudelbildungen sind gefährlich. Aus der Gewaltforschung vor allem bei jungen Menschen wissen wir, dass Gewalt gerade in Gruppen eskaliert und enthemmt, es entwickelt sich ein gruppendynamischer Prozess, der körpereigene Drogen (Endorphine) freisetzt und zu einer Entgrenzung der Gewalt führt. Wir fordern daher schon lange, dass man sehr viel mehr tun muss, um diese Rudelbildungen zu verhindern, aber bislang weigert sich offensichtlich das Regelboard bei der Fifa, hier Änderungen vorzunehmen in dem Sinne, dass die Schiedsrichter als absolute Respektspersonen anerkannt werden.

Verhalten der Profis färbt auf die unteren Ligen ab

Nach dem Europa-League-Finale in Budapest zwischen dem FC Sevilla und dem AS Rom ist Rom-Trainer José Mourinho in der Schiedsrichterkabine ausgerastet. Anthony Taylor und dessen Familie sind im Anschluss daran am Flughafen von Fans der AS bedroht worden. Was hat das für eine Signalwirkung?

Das ist in der Tat ein wunder Punkt und auch etwas, was mich seit vielen Jahren ärgert. Und das können wir in Deutschland oder gerade bei den bekanntesten deutschen Trainern z.B. Tuchel, Streich, Klopp beobachten. Die sind 90 Minuten wie die Berserker am Spielfeldrand am Gestikulieren, am Schreien, am Brüllen. Jede Schiedsrichterentscheidung wird angezweifelt. Wenn solche „Vorbilder“ das tun, dann wird der Eindruck vermittelt: Es ist das Recht des Trainers, vielleicht auch die Aufgabe, jede Schiedsrichterentscheidung anzuzweifeln, und das färbt dann natürlich ab auf die unteren Ligen. 

Haben Spieler und Trainer überhaupt noch Respekt vor den Schiedsrichtern?

Der Respekt vor den Schiedsrichtern wird immer geringer. Dabei wird vergessen, dass es im Fußball eine ganz wichtige Regel gibt: die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters. Wenn der Schiri pfeift, auch wenn es offensichtlich eine Fehlentscheidung ist, dann hat der Schiri Recht, es sei denn, wie im Profibereich, der VAR korrigiert ihn.

Wo fangen die Defizite an? Bei den Junioren oder bei den Bundesliga-Profis?

Es fängt ganz unten an. Wir haben bei Befragungen festgestellt, dass fast 80, 90 Prozent der Jugendlichen, die Fußball spielen, die Regeln nicht alle gekannt haben. Umgekehrt sind natürlich die Profis als Vorbilder diejenigen, von denen man erwarten muss, dass sie sich korrekt verhalten. Es sind oft die Profis, die sich auf dem Platz alles andere als vorbildlich verhalten, was natürlich auf das Verhalten der Spieler im Amateurbereich abfärbt. Wenn man sich im Amateur- oder Jugendbereich ein Spiel anschaut, dann sieht man oft, dass viele unfaire Gesten von den Profis imitiert werden.

„Böllerschüsse und Raketen haben nichts mit Fankultur zu tun“

Kürzlich kam es im Hinspiel der Relegation zwischen dem SV Wehen Wiesbaden und Arminia Bielefeld zu Fan-Ausschreitungen. Und die Anhänger von Eintracht Frankfurt feiern sich als „Randale Europapokalsieger“ - welche Wirkung hat das?

Das hat in der Tat schreckliche und dümmliche Signale gesendet. Bei den Frankfurtern tut es mir besonders weh, weil sie auf der anderen Seite ja so großartige Aktionen machen und sich zu Recht in der Europa League bei den Spielen gegen Barcelona so viele Sympathien erworben haben. Aber auch da sieht man: Nach Corona nehmen diese Exzesse wieder zu. Vor der Pandemie war es alles noch überschaubar, der Hooliganismus aus den 80er und 90er Jahren schien längst vergessen. Und jetzt scheint das wiederzukommen. Auch das hat etwas mit dem aufgestauten Frust zu tun. Bielefeld ist eine Mannschaft, die von der Ersten Liga bis jetzt in die Dritte Liga durchgereicht wurde. Da ist dann der Frust der Fans auf die Mannschaft, mit der man sich ja identifiziert, von deren Erfolgen auch ein wenig das eigene Selbstbewusstsein und die positive Identität abhängt, ein wenig verständlich. Dennoch mit Böllerschüssen und Pyrotechnik seinen Frust auf die Mannschaft abladen – das ist ein No-Go, das hat auch nichts mehr mit Fankultur zu tun, sondern ist – was die Böllerschüsse und Leuchtraketen anbelangt – verantwortungslos.

Hat der Fußball eine neue Eskalationsstufe erreicht oder hat er schon ein Gewaltproblem?

Der Fußball hat das gleiche Gewaltproblem wie die Gesellschaft. Das ist kein Fußball-spezifisches Gewaltpotential, das sich da entlädt, sondern ein gesellschaftlich gemachtes, dass durch bestimmte Ereignisse im Fußball einen Auslöser findet. Insofern hat der Fußball das gleiche Gewaltproblem wie die Gesellschaft und momentan stellen wir in der Tat fest, dass es etwas eskaliert, auch wenn man damit vorsichtig umgehen muss. Es ist an der Zeit, dass wir alle Maßnahmen ergreifen und alle, die in diesem Umfeld tätig sind, Verantwortung tragen und alles machen, um etwas dagegen zu unternehmen. Da sind die Vereine gefordert, die Schiedsrichter, Trainer, Funktionäre – wir alle sind da gefordert und müssen dazu beitragen, dass dieses schöne Spiel auch in Zukunft ein Spiel bleibt, an dem man sich erfreut, ohne dass es immer wieder neue negative Schlagzeilen gibt. 

Wie blicken Sie in die Zukunft des Fußballs?

Meine Erfahrung aus den 80er Jahren, wo wir auch schon dachten, der Hooliganismus sei der Untergang des Fußballs, dass man mit gemeinsamen präventiven und repressiven Maßnahmen durchaus auch was bewirken und gegensteuern kann. Ich bin nach wie vor zuversichtlich und denke, wenn die Zeichen der Zeit erkannt und die erforderlichen, zur Verfügung stehenden Maßnahmen auch konsequent umgesetzt werden, dann muss uns um die Zukunft des Fußballs nicht bange sein. Ich sehe ich nicht, dass wir resignieren müssen und der Fußball in stumpfer Gewalt untergeht. Wir müssen aber den Willen und die Kraft haben, dagegen zu steuern. Dabei sind wir alle, Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Funktionäre, Zuschauer, die Gesellschaft mit all ihren Institutionen gefordert und ich hoffe, dass die Zeichen erkannt wurden. Eines muss uns aber auch bewusst sein: Eine Gesellschaft und damit auch einen Fußball als Teil der Gesellschaft, ohne Gewalt wird es nicht geben, sehr wohl aber sind wir in der Lage, diese Gewalt auf ein zivilisatorisch verträgliches Maß zu dämpfen und einzuschränken.