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20170724_nemequittepas

azrepo.09 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 9 Dienstag, 25. Juli 2017 Lieber Plantu, warum fangen wir jetzt auf einmal FREUNDSCHAFT Deutschland und Frankreich bilden gemeinsam das Rückgrat der Union / Einander innig verbunden wie ein altes Paar an, Briefe zu schreiben? Geht das wieder los? Wollen die Deutschen allen zeigen, wie toll sie sind; jetzt also als Volk der Dichter und Denker, als Meister der literarischen Form? Früher überschwemmten sie Frankreich mit Soldaten, dann mit ihren Autos, nun also mit Briefen? Nein, keine Angst, dieses Mal ist es anders. Dieses Mal haben wir Angst; manche nennen dieses Gefühl German Angst, weil unser Volk seit einigen Jahrzehnten zur Hysterie neigt. Aber diese Angst können nur Sie als Franzose mir ausreden. Wir sorgen uns nämlich, dass Ihr uns verlasst, Ihr Frenchies. So haben wir die Franzosen gerne genannt, wenn sie zum Schüleraustausch in unsere Stadt kamen. Junge Männer – und junge Frauen, über den Rest schweigen wir. Wir lesen, wir hören, wir sehen, dass es in unserer westlichen Nachbarschaft große Aufregung gibt. Kann es wirklich Stefan Schröder, Chefredakteur Wiesbadener Kurier so weit kommen, dass Frankreich die Europäische Union verlässt, den Euro aufgibt und wieder in Francs und Centimes bezahlt? Wie ist es so weit gekommen? Die Deutschen hätten die EU erfunden, um auf diese Weise doch noch die Herrschaft über Europa zu erringen. Unsere Madame Merkel, lese ich, beutet die Franzosen aus. Was ist da passiert, seit die freundlichen älteren Herren De Gaulle und Adenauer, Schmidt und D’Estaing oder Kohl und Mitterrand zum Teil sogar Zwei, die Europa den Rücken stärken Händchen gehalten haben? Es stimmt: Unsere Beziehung ist in die Jahre gekommen. Aber es ist doch noch eine Beziehung – wie die Ehe eines alten Paares. Die Liebe ist vielleicht nicht mehr so heißblütig wie am Anfang, aber sie ist tief und innig; jeder ist ein wenig Teil des anderen geworden. Wir essen Euren Camembert, Ihr mögt unser Bier. Und was noch viel wichtiger ist: Dieses Paar zieht den europäischen Karren, die beiden bilden das Rückgrat der Union. Der Frieden zwischen diesen ehemaligen Todfeinden war die Basis für alles, was folgte, inklusive der Römischen Verträge vor 60 Jahren. Mein Urgroßvater baute 1915 bei Soissons Schützengräben, mein Onkel riss als 17-jähriger Kriegsgefangener 1945 am Strand der Normandie die Bunker der Wehrmacht wieder ab. Dazwischen starben Millionen von Männern, Frauen und Kindern. Sinnlos. Nie wieder wollen wir so etwas erleben. Auch nicht unsere Kinder oder Enkel. Können wir, kann ich irgendetwas tun, damit Ihr bleibt? Sagen Sie es mir, schreiben Sie es oder zeichnen Sie am besten, lieber Plantu! Mit besten Grüßen Ihr Stefan Schröder Ne me quitte pas Jean Plantureux –genannt Plantu – ist einer der bekanntesten politischen Karikaturisten Frankreichs. Sehr geehrter Herr Professor Ménudier, Frankreich wird seit 1789, seit dem Sturm auf die Bastille, geprägt von revolutionärem Geist – im positiven, im schöpferischen, im kreativen Sinn. Eine Große Nation lebt auch vom Aufrührerischen, Unangepassten, Eigenwilligen, Eleganten, Unverwechselbaren. Von Stolz und Unbeugsamkeit, in gleichem Maße von Toleranz, Höflichkeit, Zuvorkommenheit, von Nonchalance. Frankreich hat uns, dem Erbfeind, die Hand gereicht, über die Gräber von Verdun hinweg. Dieser Handschlag muss für die Ewigkeit gelten. Frankreich hat es ausgehalten, dass Adolf Hitler durch die Straßen von Paris fuhr und den Eiffelturm betrachtete, als gehöre er ihm. Etwas, was damit auch nur im Entferntesten eine Ähnlichkeit hätte, darf niemals wieder geschehen. Auf keiner Seite. Frankreich und Deutschland müssen unzertrennlich sein im Kampf gegen Faschismus. Frankreich und Deutschland sind nun, ob sie es wollen oder nicht, die wichtigsten Staaten der Europäischen Union – die zu zerbrechen droht. Woran? Ist es vorstellbar, dass sich, wann auch immer in Zukunft, eine französische Präsidentschaft aus Populismus oder gar Faschismus speist und alle Errungenschaften moderner Liberalität gefährdet oder zerstört? Was ist da bloß schiefgelaufen in europäischen Staaten, in denen der Rechtspopulismus Konjunktur hat, in denen Nationalismus und Protektionismus aufzublühen scheinen? Die Frage lautet: Welche Fehler haben Politiker begangen? Die Frage lautet aber auch: Welche Fehler – im Denken – begehen Bürger und Wähler? Fragen wie diese zu beantworten, ist Ihre Profession und Ihre Berufung als Professor. Sie haben Ihren Studentinnen und Studenten die Dinge des Lebens und der Politik erklärt, Sie haben als Deutschland-Experte, der unsere Sprache spricht, französische Regierungen beraten. Sie und ich, wir sind uns zum ersten Mal vor eineinhalb Jahrzehnten bei einer Diskussionsveranstaltung begegnet – auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz. Das Hambacher Fest von 1832 gilt als die Wiege der deutschen Demokratie mit ihren Freiheitsrechten. Mittlerweile aber deuten Rechtspopulisten das Fest um und stellen es als eine Wiege des Nationalismus dar. Diese Rechtspopulisten nennen sich Patrioten und wollen das Schloss als ihre Heimstatt okkupieren. Was ist da geschehen, in Deutschland, aber auch in Frankreich, wo rechtslastige Kräfte nicht nur in Umfragen, sondern auch schon in manchen Wahlen stärker sind als Konservative und Sozialisten? Was, lieber Professor Ménudier, sagen Sie jungen Menschen angesichts dieser Entwicklung, und was raten Sie Regierungen in Ihrem und in meinem Land – in unserem gemeinsamen Europa? Herzlichst Ihr Reinhard Breidenbach Lieber Freund, Ihre besorgten Fragen sind berechtigt, denn Frankreich erlebt eine ernste politische, wirtschaftliche und soziale Krise, die die extreme Rechte ausnutzt. Sollte Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl am 7. Mai gewinnen, wäre es eine Katastrophe für unsere beiden Länder wie für Europa. Durch eine Politik der „Entteufelung“ ist der Front National salonfähig geworden, obwohl seine Hauptziele sich nicht geändert haben; die Partei setzt sich für einen autoritären Staat ein, ihre Wirtschaftspolitik würde schnell chaotische Zustände schaffen. Mit dem Austritt aus der Europäischen Union und dem Euro will sie ganz bewusst das Einigungswerk zerstören, das wir seit 1950 mühsam, aber erfolgreich aufgebaut haben. Wegen solcher Orientierungen wäre eine Zusammenarbeit mit Angela Merkel oder Martin Schulz undenkbar. Die Ursachen des Rechtsextremismus sind vielfältig und gehen mindestens bis zu der Revolution von 1789 zurück. Das Ende des Königtums und des Kaiserreichs, die Wunden beider Weltkriege, die Unabhängigkeit Algeriens 1962 unter De Gaulle, Vatikan II für die traditionellen Katholiken bleiben für einen Teil der Franzosen inakzeptabel. Diese Bürger betrachten heute die europäischen Institutionen und die Globalisierung als Todfeinde der nationalen Souveränität. Der Antiparlamentarismus, die Xenophobie, der Nationalismus, der Protektionismus und der Antiislamismus sind tief verankert. Das Misstrauen gegenüber der Politik und gegenüber den Politikern ist enorm, das wirtschaftliche Wachstum bleibt schwach, der Staat verschuldet sich immer mehr, das französische Außenhandelsdefizit ist erschreckend. Die Grande Nation spielt nur noch eine Nebenrolle in der Außenpolitik. Viele Wähler fühlen sich einfach abgehängt und wenden sich den Extremen zu, weil sie von den Regierungen von rechts und links tief enttäuscht sind. Die Lage ist trotzdem nicht verzweifelt, weil Frankreich gute Trümpfe besitzt und sich durch Reformen wieder aufrichten kann. Sie als Journalist und ich als Hochschullehrer dürfen innerhalb der Zivilgesellschaft den Kampf für Demokratie und Solidarität nicht aufgeben. Wir wollen ein tolerantes und weltoffenes Europa, das Hass, Grenzen und Mauern ablehnt. Viele junge Menschen machen mit, sie wissen, dass Europa der natürliche Rahmen für ihre Zukunft geworden ist, sie lehnen die Abkapselung von der Außenwelt ab. Zusammen können wir viel erreichen. Um mit den Krisen fertig zu werden, brauchen wir den deutschfranzösischen Dialog für Europa. Ich freue mich, dass Ihre Zeitung ihn vertieft. Mit den besten Grüßen aus Paris, Prof. Dr. Henri Ménudier Reinhard Breidenbach, Chefreporter dieser Zeitung Ne me quitte pas Was ist da bloß schiefgelaufen? Kampf für Demokratie nicht aufgeben Professor Henri Ménudier, einer der führenden Politologen Frankreichs


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