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20170724_nemequittepas

azrepo.08 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 8 Dienstag, 25. Juli 2017 Fast wäre ich selbst Französin geworden Lieber Henri Mathey, fast wäre ich selbst Französin geworden: Ich bin 1965 in Saarbrücken geboren. Erst zehn Jahre zuvor hatte es eine Volksbefragung gegeben – die Mehrheit der Saarländer hatte sich jedoch für den Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland entschieden. Die Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache hat sich bei mir trotzdem entwickelt. Als Jugendliche bin ich zum Zeltlager in die Nähe von Reims gefahren, habe Zisterzienserklöster im Burgund besucht und Französisch als Leistungskurs gewählt. Dann war ich Aupair bei Paris und habe später Romanistik studiert. Wir haben uns gefreut, als wir endlich so richtig Europa waren, mit offenen Grenzen und einer Währung. Und dennoch unsere Eigenheiten behalten haben. Demnächst lernt jedes meiner vier Kinder die französische Sprache. Wir hatten schon viele Austauschmädchen zu Besuch. Dann hissen wir an unserem Haus die Trikolore und versuchen ihnen zu beweisen, dass es auch bei uns gutes Essen gibt (Okay, Euer Baguette bleibt unerreicht) und dass wir Deutschen nicht langweilig, humorlos und spröde sind. Zumindest nicht immer. Ich fahre mit Freude einen alten Renault und zum Treffen in unsere Partnergemeinde in der Nähe von Dijon. Wenn ich bei meiner Gastfamilie bin, merke ich jedes Mal, dass wir doch alle über die gleichen Dinge lachen und weinen, dass die französischen Kinder sich zwar bei Tisch besser zu benehmen wissen, aber ihre Schuhe beim Heimkommen genauso in den Flur schmeißen und meine französische Freundin Christine wie wir alle ihren Mann beim Autofahren gängelt. Ach, ich wünsche mir sehr, dass das alles so bleibt und unser Verhältnis eher noch inniger wird. Ich will Eure witzigen Dialoge noch besser verstehen und schneller reagieren können. Bleibt bei uns! Ne nous quittez pas! Ich freue mich auf Ihre Antwort. Ihre Michaela Luster Wie könnten Deutsche Liebe Michaela Luster, ich bin in Burgund geboren, mein Vater stammt aus der Champagne, meine Mutter aus Nordfrankreich. Warum sollte ich Deutsch sprechen und Deutschland mögen – ist das dem Krieg geschuldet? Zwei Politiker hatten das „nie wieder“ schon entdeckt: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer haben den Schüleraustausch zwischen unseren beiden Nationen angeregt. Mein Vater wurde in einer deutschen Familie empfangen und hat das so gut gefunden, dass er jedes Jahr einige Zeit bei Euskirchen verbracht hat. Erst allein, dann mit seiner Ehefrau und später mit den Kindern. Er war mit 19 Waise geworden. In Deutschland hatte er eine neue Familie gefunden. Für mich waren Hubert und Maria Großeltern. Als Kind konnte ich nie mit meinen Freunden im Dorf „Kriegsbeil gegen Deutsche“ spielen. Das wäre Unsinn für mich gewesen: Wie könnten Deutsche Feinde sein? Zu Hause wurde jeden Abend „Auf Wiedersehen“ auf Deutsch gesagt. Vater kam an mein Bett und sagte: „Gute Nacht, schlafe wohl, träume süß“, und ging wieder nach unten, während ich übte, es auch richtig auszusprechen. Als Student bin ich dann sehr oft nach Deutschland gefahren und habe häufig mit Freunden bei ein paar oder mehr Bieren von einer neuen Welt geträumt. Die Partnerschaft zwischen Herxheim bei Landau und Saint Apollinaire war lebendig, ich fühlte mich wie zu Hause dort. So habe ich Sandbahnrennen, Bratwurst mit Pommes, Bier und Weinfeste kennen- und genießen gelernt. Mein Sohn kennt das alles auch schon und sagt, dass er ein Weltbürger ist. Das kann seinen europäischen Vater doch nur freuen. Wie kann man noch denken: „Es war besser damals?“ Wie kann man noch denken: „Alleine schaffen wir es besser?“ Die EU ist leider nicht perfekt, aber wir haben seit 60 Jahren schon so einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt, es ist unmöglich zurückzugehen. Viele Grüße aus Burgund, Henri Mathey Michaela Luster, Redakteurin aus Wiesbaden Ne me quitte pas Feinde sein? Henri Mathey, Biologielehrer aus Burgund Die Zukunft Europas ist im Umbruch Liebe Beatrice, die Stichwahl zur Wahl Eures Präsidenten in Frankreich steht kurz bevor. Es ist eine sehr wichtige Wahl für die Zukunft Europas. Du bist Französin, hast eine deutsche Mutter und einen französischen Vater und wir waren schon bei Deiner Hochzeit mit Robert, einem Franzosen, in Monaco. Ihr lebt seit vielen Jahren an der Cote d’Azur. Wir haben uns in Amerika 1993 kennengelernt und sind seitdem befreundet. Du hast in Deutschland gelebt und bist viele Jahre für die Deutsche Lufthansa geflogen. Deine Meinung, liebe Bea, als langjährige Freundin zu dem Thema Europa ist mir sehr wichtig. Ich bin Mitglied in der Europa Union Wiesbaden/Rheingau Taunus und sorge mich sehr um den Fortbestand von Europa. Vor 60 Jahren wurden die Verträge unterschrieben. Durch unseren Europa-Baum in Wiesbaden, den Aufrufen zu „Puls of Europe“ und den vielen Veranstaltungen wollen wir Zeichen für Frieden und Einigkeit setzen. Die Zukunft Europas ist im Umbruch, ihre Solidarität und Handlungsfähigkeit. Liebe Bea, kannst Du mir bitte alsbald Deine Meinung dazu einmal mitteilen, bevor wir uns Ende Mai bei uns in Wiesbaden wiedersehen? Wir freuen uns auf Euch. Mit herzlichen Grüßen Rena Buderus Meine liebe Rena, Ich erlaube mir, ganz spontan emotional zu antworten. Ich würde es als eine Katastrophe empfinden, wenn Europa durch den möglichen Austritt Frankreichs in Gefahr gebracht werden würde. Beziehungsweise, wenn, so wie es Pessimisten befürchten, der Austritt Frankreichs, dem Brexit folgend, die Desintegration Europas definitiv auslösen würde. Es war eine solche Bereicherung, meine Kindheit in Deutschland und meine Jugend in Spanien erlebt zu haben, mit regelmäßigen Besuchen in der französischen Familie meines Vaters. Wir sprachen ganz selbstverständlich und ohne Mühe zuhause, je nach Situation, drei Sprachen und konnten somit die verschiedenen Mentalitäten entdecken, beobachten und wertschätzen. So viele Fenster öffneten sich, der berühmte „Blick über den Zaun“ war und ist nach wie vor so bereichernd. Europa war sozusagen das gemeinsame Dach, unter dem unser Familienleben stattfand. Mein französischer Vater und meine deutsche Mutter haben 1952 geheiratet. Vor kurzem noch erinnerte sich meine Mutter daran, dass ihr Vater geweint hatte, als Adenauer und de Gaulle gemeinsam an der Friedensmesse in der Kathedrale von Reims teilgenommen haben. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die französischen Wähler sich für einen Kandidaten entscheiden, der pro Europa ist. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf alle ohne Zweifel begangenen Fehler der Bürokraten in Brüssel eingehen. Kritik an der heutigen Führung Europas ist natürlich teilweise gerechtfertigt. Aber dies soll nicht bedeuten, dass man die Idee Europas aufgibt. Es gilt, Reformen einzuleiten, die zur Stärkung der Mitgliedsstaaten führen sollen, die es ermöglichen, dass Europa weiter eine essenzielle Rolle im Weltgeschehen ausübt. Insbesondere gegenüber den Großmächten China, USA und Russland. Ich habe einen französischen Pass, empfinde mich aber als Europäerin. Es ist Teil meiner Identität. Der Weltfrieden ist mehr denn je gefährdet. Ein starkes vereinigtes Europa ist in diesem Umfeld dringend notwendig. Wir freuen uns auch auf unser Wiedersehen im Mai bei Euch in Wiesbaden zur Feier des 60. Geburtstages unseres gemeinsamen Freundes. Ganz herzliche Grüße Beatrice Cholot Rena Buderus, Ehrenvorsitzende Alzeimer Gesellschaft Wiesbaden Ne me quitte pas Europa ist Teil meiner Identität Beatrice Cholot, Französin mit Kindheit in Deutschland, Jugend in Spanien 40 470,40 € Deutschland Quelle: Eurostat, Foto: ExQuisine - Fotolia.de Erwerbseinkommen Die Deutschen verdienen weniger Brötchen als die Franzosen, Entgelt pro Arbeitnehmer im Jahr 2016: 46 869,50 € Frankreich Foto: by-studio - stock.adobe.com


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