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20170724_nemequittepas

azrepo.05 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 5 Dienstag, 25. Juli 2017 Hand in Hand Minimum an Mut Lieber Herr Gustin, ich schreibe Ihnen heute aus meiner Heimatstadt Bad Kreuznach, der Stadt, in der sich die beiden großen Europäer Konrad Adenauer und Charles de Gaulle erstmals nach dem Krieg auf deutschem Boden trafen und den Grundstein für die gemeinsame Freundschaft und den tragenden Frieden legten. Vor mehr als 30 Jahren ging ein Foto um die Welt. Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl Hand in Hand über den Gräbern von Verdun. Ein bewegendes Bild, dessen Botschaft man den meisten Franzosen und Deutschen der mittleren und älteren Generation nicht erklären muss. Aber wie verhält es sich denn mit den jungen Deutschen und Franzosen? Mehr noch: Was ist auch mit den jungen Holländern, Belgiern, Polen, Ungarn oder Bulgaren? Ist Europa für sie tatsächlich mehr als grenzenlose Reisefreiheit oder der freie Zugang zu Arbeitsplätzen in den Nachbarländern? Und haben wir alle uns nicht schon wie selbstverständlich daran gewöhnt, dass wir im vereinten Europa in Frieden und Freiheit leben können? Müssen wir nicht viel stärker daran erinnern, dass eine so lange Periode des friedlichen und freundschaftlichen Zusammenlebens eben nicht selbstverständlich ist? Die Älteren wissen das aus eigener Anschauung. Sie geben ihr Wissen weiter, aber irgendwann fehlt dieser persönliche Bezugspunkt. Und wie schnell Frieden Krieg, Tod und Leid weichen kann, haben wir vor noch nicht allzu langer Zeit gar nicht weit von uns entfernt auf dem Balkan erlebt. Ich denke, es lohnt sich, für das vereinte Europa zu werben, bei Jung und bei Alt, gerade jetzt. Europa ist – bei all seinen Schwächen und Fehlern, über die wir natürlich auch sprechen müssen – ein einzigartiges Friedensprojekt. Die Gründermütter und -väter waren sich einig in der Überzeugung, dass gefestigte Demokratien, eine erfolgreiche soziale Marktwirtschaft und die feste Verankerung und Zusammenarbeit in gemeinsamen institutionalisierten Strukturen die besten Garanten für dauerhaften Frieden sind. Das gilt bis heute. Und es gilt umso mehr vor dem Hintergrund aufkeimender nationalistischer, rechtspopulistischer und europafeindlicher Strömungen in vielen Ländern Europas. Überlassen wir die Interpretation nicht den Le Pens, Wilders oder Höckes. Platter antieuropäischer Populismus darf keine Zukunft haben. In keinem Land Europas. Frankreich und Deutschland sind für das vereinte Europa vorangegangen und sollten das auch weiter tun. Bleibt bei uns, bleibt an unserer Seite und setzt das Kreuz in der Wahlkabine nicht bei Frau Le Pen, sondern macht ein Kreuz für die europäische Freundschaft und den Zusammenhalt. Amicalement Julia Klöckner Liebe Frau Klöckner, vielen Dank für Ihren Brief, der mir aus der Seele spricht. Als überzeugter Europäer kann ich Ihre Worte nur unterstreichen. Das Europa, das Sie beschreiben, ist das Europa, das mein Leben geprägt hat. Dieses Europa ist das Europa meines Vaters, der Kriegsgefangener in Deutschland war, und der mir in meiner Kindheit die Liebe zur deutschen Kultur vermittelt hat. Dieses Europa, das sind die zwanzig Jahre, die ich in Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien verbracht habe. Dieses Europa, das sind meine deutsch-französischen Töchter und Enkelkinder, die so sehr in beiden Sprache leben, dass sie fließend von einer zur anderen wechseln können, ohne es zu merken. Sie beschreiben genau, worin die Schwäche Europas liegt: Weil es eine so erfolgreiche Entwicklung genommen hat, denkt man, dass Europa einfach so für ewig existieren wird. Das ist ein Fehler. Der Brexit, der antieuropäische Populismus, Kriege vor unseren Haustüren beweisen uns das Gegenteil. Ich sage immer, dass Europa wie elektrischer Strom ist: Man braucht ihn unbedingt, jeden Tag, aber niemand macht sich Gedanken darüber, denn es ist so selbstverständlich für jeden geworden, Wasser zu kochen oder Licht anzuschalten. Für die Pendler in Lothringen, die in Luxemburg arbeiten, oder für die italienischen Studenten, die ihr Erasmussemester in Paris verbringen, ist es genauso. Sie atmen jeden Tag Europa, aber vergessen manchmal, dass es nur dank Schengen, dem Euro oder dem Europaparlament möglich ist. Ohne ein Minimum an Mut könnte man diesen Schatz verlieren. Sie haben Recht. Man muss unbedingt diese Realität immer wieder aussprechen. Und wir müssen noch viel mehr tun. Ich bin deshalb auch den vielen Menschen dankbar, die sich aus der Zivilgesellschaft heraus einbringen und wichtige Arbeit für Europa leisten. Ich denke da beispielsweise an das partnerschaftliche Engagement, das mir auf meinen vielen Reisen immer wieder begegnet. Ich bewundere das. Aber was heute fehlt, ist ein politischer Wille. Unsere Regierungen haben zu oft die Verantwortung für ihre eigenen Irrtümer auf Europa verschoben. Sie waren oft zu zurückhaltend und haben zu lang gewartet, um die nötigen Reformen einzuleiten. Nur wenn unsere europäischen Institutionen demokratischer und effizienter werden, können wir die Euroskeptiker überzeugen und unsere gemeinsamen Werte schützen. Ich habe mich für politisches Engagement entschieden, damit auch meine Enkelkinder die Chance haben, in einem offenen, demokratischen und wohlhabenden Europa zu leben, so wie ich es hatte. Mit herzlichen Grüßen Philippe Gustin Julia Klöckner, CDU Landes- und Fraktionsvorsitzende Rheinland-Pfalz Ne me quitte pas Philippe Gustin, Präfekt Botschafter a.D. Neues Vertrauen nötig In Sorge um den Freund Hochverehrter, lieber Herr Grosser, wir haben lange nicht mehr miteinander gesprochen. Umso mehr freue ich mich zu hören, dass es Ihnen nach wie vor gut geht und dass Sie weiterhin an den in der Tat beunruhigenden Turbulenzen der internationalen Politik regen Anteil nehmen. Verständlicherweise treibt mich im Augenblick die Sorge um den Ausgang der französischen Präsidentschaftswahl am 23. April besonders um. Das für die Zukunft unser beiden Länder wohl wichtigste Datum dieses Jahres. Bei unserem letzten Gespräch meinten Sie, die deutschfranzösischen Beziehungen hätten sich so gut entwickelt, dass Sie sich in Zukunft ganz auf die Probleme Israels konzentrieren könnten. Jetzt aber sollten Sie sich bitte wieder unseren beiden Ländern und vor allem der Zukunft der Europäischen Union zuwenden. Denn Sie sind trotz, ja wegen Ihres eigenen persönlichen Schicksals zu einem der Mittler zwischen Frankreich und Deutschland geworden. Sie waren einer der intellektuellen Wegbegleiter des Élysée-Vertrages. Die Krise der EU muss überwunden werden. Davon hängt unsere gemeinsame Zukunft ab. Mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor sechzig Jahren begann die längste Friedensperiode unserer Geschichte. Nur mit einem geeinten Europa werden wir unseren Wohlstand sichern und die Konkurrenz mit China, Indien, den USA und Russland in Zukunft bestehen können. Die EU muss neues Vertrauen und neue Glaubwürdigkeit gewinnen. Dafür muss sich Europa ändern. Es muss unbürokratischer werden. Brüssel darf sich nicht in Kleinigkeiten verlieren. Die Verordnungs- und Regelungsflut muss gestoppt werden. Vieles lässt sich in Paris oder Berlin, in Dijon oder Mainz besser regeln. Europa muss sich auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren: Auf eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, auf Währungs- und Wirtschaftsfragen, auf die Flüchtlingsfrage. Wenn wir uns auf unseren großen Bruder in den USA nicht mehr so selbstverständlich wie in der Vergangenheit verlassen können, ist unsere eigene Geschlossenheit umso notwendiger. Wir müssen unsere Bürger von der Bedeutung der europäischen Institutionen überzeugen und die in Zukunft nur noch 27 Mitgliedsstaaten davon, dass sie Europa zu ihrem Wohl in Anspruch nehmen dürfen, dass sie aber auch Pflichten Europa gegenüber haben. Trotz aller Sorgen, ich wünsche Ihnen, ich wünsche Frankreich und Deutschland, dass ein Freund Europas zum nächsten französischen Präsidenten gewählt wird. In alter Verbundenheit Bernhard Vogel Hochverehrter, lieber Herr Vogel, auch ich wünsche mir einen Freund Europas im Élysée- Palast. Zugleich teile ich Ihre Sorge, dass wir am Tag nach dem 23. April aufwachen und kein solcher Freund mehr im Rennen um das Präsidentschaftsamt verblieben ist. Ich erlaube mir jetzt schon einen Rückblick auf die vermeintlich aussichtsreichsten Kandidaten: Auf der Linken schien der offizielle Kandidat der Sozialistischen Partei, Benoît Hamon, im Voraus geschlagen, weil zu utopistisch, vor allem seitdem der Besiegte in der sozialistischen Vorwahl, der vorige Premierminister Manuel Valls, verkündet hatte, er würde für Emmanuel Macron stimmen. Jean-Luc Melanchon, unbarmherziger Gegner Europas und talentierter Redner, konnte hoffen, „harte“ linke Stimmen so stark anzuziehen, dass andere geschlagen werden könnten. Noch heftiger gegen Europa war Marine Le Pen. Ihr Vater war 2002 in die Stichwahl gekommen, wurde dann von Jacques Chirac 20 zu 80 Prozent geschlagen. Marine ist (leider) nicht nur die Tochter ihres Vaters. Den Antisemitismus des Vaters gibt es nicht mehr. Man braucht sowieso die Juden nicht, denn man hat ja die Moslems. Und weil viele von diesen, in Kleidung und Essgewohnheiten, keine „echten“ Franzosen sind, wird der Front National Verteidiger von la République, deren Gesetze und Gewohnheiten zu beschützen sind. Marine antwortet nicht auf die Analysten, die zeigen, was jeder Franzose verlieren würde, träte Frankreich aus dem Euro aus. Wie Trump verkündet sie Unwahrheiten, die von den Anhängern geglaubt werden. Auch lässt sie sich nicht von Polizei und Richtern einschüchtern. Alle Beweise von Straftaten sind nur politische Manöver, um ihren Sieg zu verhindern. Das Gleiche gilt für François Fillon, dessen Gattin nun auch als Angeklagte dasteht. Aber die vielen Geld-Affären haben ihm doch geschadet. Jedoch ist er Kandidat geblieben und die Mitglieder der Parti Républicain müssen ihn zähneknirschend unterstützen, wobei es doch klar war, dass Dinge wie das angenommene Geschenk teurer Anzüge sein Image als arm gebliebener Verteidiger der kleinen Leute beschädigte. Europa gegenüber zeigte er sich immer zumindest zurückhaltend. Er hatte gegen den Maastricht-Vertrag gestimmt. Der einzige „Europäer“ unter den Kandidaten war Emmanuel Macron, der sich auch in Buch und Wahlkampf für die ständige Vertiefung der Deutsch-Französischen Zusammenarbeit einsetzte. Nicht erstaunlich waren die deutschen Hoffnungen und Erwartungen, er würde siegen. In alter Verbundenheit Alfred Grosser Dr. Bernhard Vogel, Ministerpräsident a.D. Rheinland-Pfalz Ne me quitte pas Prof. Dr. Alfred Grosser, Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler Fotos: Trüffelpix.Adobe Stock.com, moloko.adobe


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