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azrepo.23 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 23 Dienstag, 25. Juli 2017 Neue Freundschaften über Grenzen hinweg Lieber Fabien, bald wirst du einen neuen Präsidenten wählen. Europa befindet sich derzeit – sportlich gesprochen – nicht gerade in Topform, das Team droht auseinanderzufallen. Es gibt wirklich viele Dinge, die mir Sorgen bereiten, ich denke insbesondere an den Brexit, die Terroranschläge in Deutschland, Frankreich, Belgien oder England, an Migrationswellen und nationalistische Eitelkeiten. Diese Verwirrung ist kein guter Ratgeber für die Zukunft. Wie erwartet hat es Marine Le Pen in die Stichwahl geschafft und jetzt wird es spannend, denn sie und ihr Front National wollen ihr Land klar gegen die Europäische Union positionieren, möglicherweise sogar den Austritt herbeiführen. Gerade jetzt, in diesem aktuellen Kontext, müssen wir eine stabile Basis für die Zukunft schaffen. Dabei denke ich an die Verstärkung des deutsch-französischen Jugendaustauschs, mit dem Ziel, die deutsch-französischen Beziehungen nachhaltig zu sichern. Deutschland und Frankreich sind zwei wichtige Säulen der Europäischen Union, beide Länder vermitteln Kompetenz in allen gesellschaftlichen Bereichen. Aus diesem Grund freue ich mich besonders über die deutschfranzösischen Begegnungen, die ich mit dir und den jungen Sportlern deines Vereins in den vergangenen Jahren organisiert habe. Ich denke insbesondere an die Begegnung im Vorjahr in den Französischen Alpen, wo wir mit unserem Sportprogramm und den interkulturellen Aktivitäten dazu beigetragen haben, dass neue Freundschaften zwischen den Sportlern, Trainern und Eltern entstehen konnten. Da diese Begegnungen abwechselnd stattfinden, konnten wir im darauffolgenden Jahr eure Gastgeber in Kaiserslautern sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Deutschen und Franzosen die Werte wie Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Einheit und Gerechtigkeit vermitteln. Einer allein kann nichts bewegen, aber gemeinsam schaffen wir das! Ne me quitte pas! Verlasst uns nicht! Dein Thomas Auf dem Rad teilen alle dieselbe Leidenschaft Hallo Thomas, in der Tat könnte man sagen, dass Europa eine Krise durchlebt, dass die einst so gut eingespielte Mannschaft kein Team darstellt. Europa ist kein Traum mehr und seine Identität wird infrage gestellt. Wie bereits erwähnt, gab es den Brexit, aber auch die steigenden Ergebnisse der unterschiedlichen nationalistischen Parteien wie die von Marine Le Pen. Hinzu kommt die Angst vor dem Fremden und damit verbunden die Frage der Sicherheit in Europa. Unmittelbar vor der Wahl unseres neuen Präsidenten stellt sich die Frage im Hinblick auf das Europa von morgen. Was können wir als Bürger, Sportler und Trainer machen, um unsere Sportbeziehung zu stärken? Ich denke, dass man den Kopf nicht in den Sand stecken sollte. Die nationalistische Versuchung, sich wirtschaftlich, kulturell und sozial vor unseren Nachbarn zu schützen, ist keine dauerhafte Lösung. Wir brauchen den Austausch, sei er wirtschaftlich, kulturell, sportlich oder politisch, da er eine Bereicherung für unsere beiden Länder ist. Selbstverständlich sollten wir dabei unsere regionalen Besonderheiten in dieser von den wirtschaftlich starken Großmächten regierten Welt nicht verlieren. Aber um diese Besonderheit hervorzuheben, muss man im Dialog bleiben. Meiner Meinung nach ist der Sport besonders geeignet, um die Menschen zusammenzubringen. Es ist unsere Aufgabe, mit gutem Beispiel voranzugehen. In unserem besonderen Fall war der kulturelle und pädagogische Austausch für mich besonders lehrreich. Als Pädagogen müssen wir uns ständig infrage stellen und die Inhalte unserer Begegnung anpassen, um den Bedürfnissen der jungen Sportler gerecht zu werden. Ich war besonders beeindruckt, wie rasch die jungen Sportler die kulturellen Grenzen überwinden. Auf dem Rad teilen sie die gleiche Leidenschaft, ihr Sport ist der gemeinsame Nenner. Unsere Aufgabe als Erzieher ist es, dieser neuen Generation die Schlüssel zu geben, damit sie zusammenarbeitet und sich gegenseitig bereichert. Sie sind nicht nur Sportler, sondern auch Bürger des Europas von morgen. Die Wiederherstellung einer europäischen Identität geht über das Übertragen von Verantwortung an die jüngeren Generationen, die unsere beiden Länder verbinden. Aber diese brauchen Unterstützung und sollen wissen, wofür sie sich engagieren. Der Sport ist dafür prädestiniert, ihrem Engagement einen Sinn zu geben. Dein Fabien Thomas Freienstein, Radsportverband Rheinland-Pfalz Ne me quitte pas Fabien Breynat, Radsportverein VTT Pommiers Lieber Léo, zuletzt trafen wir uns in Besançon bei der Sportpartnerschaftsbörse zwischen dem Landessportbund Rheinland-Pfalz und dem Europäischen Sportverband Burgund – Franche-Comté, nach der Fusion beider Regionen. Wir haben es wieder geschafft, zahlreiche Vertreter von deutschen und französischen Sportvereinen zusammenzubringen. Seit nun 55 Jahren lebt unsere Sportpartnerschaft. Tausende junge Franzosen und Deutsche sind sich seitdem begegnet und Freundschaften entstanden. Auch wir beide kennen uns seit rund 30 Jahren, leiten seit Langem diesen Austausch mit selbstverständlichem Vertrauen. Auf der Grundlage dieser deutschfranzösischen Freundschaft haben wir im Sport das Beziehungsnetz weiterentwickelt: So nehmen heute junge Menschen aus Ungarn, Polen, Mittelböhmen an den Begegnungen teil. Nach Brexit und Trump- Wahl fragen wir uns, wie die Entwicklung weitergeht. Wie wählen die Europäer in den kommenden Monaten? Geht der Populismus weiter? Werden Xenophobie und Egoismus menschliches Handeln bestimmen? Wie steht es um die Toleranz anderen gegenüber? Lieber Léo, im Alter von 16 Jahren war ich voller Elan auf dem Weg zu meinem politischen Traum, auf der Basis einer Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland zu einem vereinten Europa. Ich engagierte mich bei den „Jungen Europäischen Föderalisten“. Tief beeindruckt habe ich persönlich die Ansprachen von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer auf dem Bonner Marktplatz verfolgt. Noch stärker geprägt hat mich mein erster Aufenthalt in einer französischen Familie. Keine zehn Worte sprach ich damals Französisch. Nach sechs Wochen träumte ich in Französisch, und einige Jahre später studierte ich Romanistik. Wir beide sind uns bewusst, dass wir seit über 70 Jahre in Frieden leben. Aber wie denkt die junge Generation? Glaubt sie genauso wie wir an Europa? Wird sie sich bei negativen Veränderungen der persönlichen Lebensqualität von Europa ab- und Populisten zuwenden, die außer Parolen kein Programm haben? Nur unsere gemeinsame Solidarität in Europa wird auf Dauer helfen. Nationale Tendenzen wie in Ungarn oder Polen helfen der Jugend nicht weiter. Deswegen freue ich mich, dass wir ein gemeinsames Projekt mit jungen Europäern auf den Weg gebracht haben, um zu erfahren, was junge Menschen heute in Europa bewegt und was sie von Europa erwarten. Vielleicht finden wir neue Wege des Miteinanders, und ich hoffe, mein lieber Léo, wir tragen dazu bei, junge Menschen an die Wahlurnen zu bringen, überall in Europa, gegen Populismus, für ein solidarisches Europa. Dein Helmut Loenenbach Mein lieber Helmut, ich teile deine Sorgen im Hinblick auf den Ausgang der Wahlen in Frankreich und in Deutschland und die möglichen Auswirkungen auf die Weiterentwicklung der Europäischen Union. Seit Jahrzehnten sind wir Verfechter des internationalen Sportaustauschs und auch dadurch der Schaffung einer europäischen Identität, die basierend auf unseren deutsch-französischen Erfahrungen den Frieden zwischen den Nationen Europas gewährleisten kann. Wir beide hatten das Glück, als junge Menschen eine andere Kultur in einem anderen Kontext zu entdecken. Ehrlich gesagt, ging es damals nicht um Freundschaft, sondern um Versöhnung. Diese Zeit gehört der Vergangenheit an, dennoch sollte man sie aber nicht vergessen. Jeder weiß, dass es weniger Zeit braucht, zu zerstören als aufzubauen. Und wir befinden uns in einer Phase des Aufbaus, die wie man mit dem Brexit feststellen konnte, nicht linear verläuft. Unser Anspruch ist es, am Aufbau eines Europas der Bürger teilzuhaben. Manche werden unser Ziel etwas anmaßend finden. Und dennoch, welcher andere Bereich als der Sport kann dieses universale Ziel erreichen? Keiner wird widersprechen, dass Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen, die nur ihre Muttersprache sprechen, ganz selbstverständlich miteinander Sport treiben. Der Sport ist ein wunderbarer Mittler, um dem „anderen“ zu begegnen, ihn kennenzulernen, um ihn zu verstehen. Der Sport ist kein Selbstzweck. Er ist vielmehr eine wesentliche Motivation für alle – junge und weniger junge – über den eigenen Tellerrand zu schauen. Es bleibt uns zu wünschen übrig, dass die Mehrheit der jungen und weniger jungen Wähler bei den bevorstehenden Wahlen in unseren beiden Ländern dem Ruf der nationalistischen und populistischen Sirenen widersteht. Seitdem wir zusammenarbeiten, teilen wir die gleiche humanistische Vision der (Sport-)Beziehungen zwischen den Bürgern der Regionen Europas. Aber nicht nur das, denn wir haben beide noch Kontakte mit den afrikanischen Ländern Tunesien, Marokko und Ruanda. Dabei geht es vor allem darum, Erfahrungen gemeinsam zu erleben und zu teilen, im Sinne einer Kooperation und nicht einer reinen Sportkonfrontation. In aller Freundschaft Dein Robert „Léo“ Lacroix Helmut Loenenbach, Landessportbund Rheinland-Pfalz Ne me quitte pas Nur Solidarität hilft der Jugend Der Sport ist ein wunderbarer Mittler Robert „Léo“ Lacroix, Assoc. Européenne des Sports Burgund Franche-Comté Foto:JoyImage- Adobe Stock.com


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