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azrepo.22 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 22 Dienstag, 25. Juli 2017 Foto: romanya - Fotolia Frankreich war immer ein Sehnsuchtsziel Chère Marie-Geneviève! Im November haben wir uns bei „60 Jahre Länderpartnerschaft Rheinland Pfalz – Burgund, 25 Jahre deutsch-französische Studiengänge“ in Dijon kennengelernt. Du bist als ESPE-Direktorin für die Lehrerausbildung zuständig und ich bin gewissermaßen dein Pendant an der Mainzer Uni. Mir hat es gut gefallen, wie wir das Jubiläum bei euch begangen haben: ordentlich gefeiert und dann ran an die Arbeit! In unserem gemeinsamen Projekt deutsch-französische Lehrerausbildung ist zwar schon viel passiert, das sah man zum Beispiel an den vielen Mainzer Lehramtsstudenten, die in Dijon zur Feier gekommen sind, aber es gibt noch viel zu tun. Im Moment grübeln wir hier in Rheinland-Pfalz und ihr in Burgund (beziehungsweise in Bourgogne Franche-Comté, wie eure Region seit vergangenem Jahr heißt) darüber, ob wir sogar so etwas wie ein deutsch-französisches Referendariat hinbekommen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man gesagt: Klar doch! Europa wächst immer mehr zusammen, da ist es doch naheliegend, dass Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden, die in zwei Ländern und deren Schulsystemen zu Hause sind. Gut, es ist sicher knifflig, deutschen Bildungsföderalismus mit französischem Zentralismus zusammenzubringen, aber das lässt sich lösen, weil die europäische Integration immer weitergeht. Europa, EU – das war schon fast ein bisschen langweilig, weil alles so erwartbar schien. Das ist innerhalb kurzer Zeit ganz anders geworden. Wir merken: So gut wie nichts ist selbstverständlich und die Zukunft ist offen. An die Stelle vermeintlicher Sicherheit ist etwas Doppeldeutiges gerückt: einerseits Sorgen darüber, wie und wohin das weitergeht, andererseits die Klarheit, dass wir uns anstrengen müssen, wenn Europa weiterkommen soll. Deshalb freue ich mich, dass wir uns im Juni hier in Mainz treffen, um unsere deutsch-französische Lehrerausbildung voranzutreiben. So viel für heute, Marie- Geneviève. Ich kann jetzt nicht weiterschreiben, ich muss die Hände frei haben. Fürs Daumendrücken. Für euch. Für uns. Amicalement Markus Habe Glauben an mein Land nicht verloren Lieber Markus! Der Doppelstudiengang Mainz-Dijon hat sich in über 25 Jahren immer wieder den wechselnden Uni-Regelungen angepasst, sich selbst infrage gestellt und sich immer wieder neu erfunden. Das ist dank der vielen tatkräftigen Menschen auf beiden Seiten gelungen, die im Laufe der Jahre immer wieder bereit waren, neue Wege zu finden, damit dieser Doppelstudiengang weiterleben kann. Auch wenn die politischen Umstände mal nicht günstig waren, haben wir es trotzdem geschafft. Nun steht uns eine neue Herausforderung bevor, insbesondere uns beiden als Leiter beziehungsweise Leiterin der Hochschuleinrichtungen, die zukünftige Lehrkräfte ausbilden. Beim Arbeitstreffen in Dijon über die Doppelstudiengänge saßen wir nebeneinander und du hast mich nach dem kleinen Mädchen gefragt, das einen auf meinem Handy- Display anlacht. Über die Arbeit hinaus hat uns dann unser frischer Ehrentitel als Großeltern einander nähergebracht. Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war ich zwölf Jahre alt. Es war damals eine richtige Expedition, über den Rhein zu gelangen. Jetzt können wir spontan reisen, es gibt keine Zollkontrolle am Rhein und keinen Geldumtausch mehr. Diese Normalität ist schön, aber auch ein bisschen riskant. Auf beiden Seiten braucht man nicht mehr Vorurteile zu überwinden oder an dunkle Phasen unserer Vergangenheit zu denken. Eine Gefahr kann aber eine gewisse Gleichgültigkeit, ein pflichtgemäßes formelhaftes Feiern der deutsch-französischen Freundschaft sein, die das Besondere an unserem deutsch-französischen Verhältnis vergessen lässt. Deshalb sind immer wieder Begeisterung und Engagement notwendig, damit wir unseren gemeinsamen Weg weitergehen, sodass sich auch unsere Enkel als bewusste Europäer fühlen. Europa darf für sie kein abstrakter, leerer Begriff sein, sondern etwas Kraft- und Sinnvolles, das ihnen Demokratie und Freiheit sichert. Recht vielen Dank fürs Daumendrücken: Ich bin sehr gespannt auf die Wahlergebnisse am 7. Mai und wünsche uns allen, dass sich unser nächster Präsident dessen bewusst wird, wie wichtig es ist, euch nicht zu verlassen – de ne pas vous quitter. Es lebe die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich! Ganz liebe Grüße Marie-Geneviève Prof. Dr. Markus Höffer-Mehlmer, Leiter Zentrum für Lehrerbildung der Johannes Gutenberg- Universität Mainz Ne me quitte pas Nichts ist mehr selbstverständlich Gleichgültigkeit kann eine Gefahr sein Marie-Geneviève Gerrer, Leiterin Lehramtshochschule ESPE in Dijon Chère Gladys! In diesen Tagen kurz vor eurer Präsidentschaftswahl denke ich oft an dich. Wir hatten so viele Diskussionen, auf unseren gemeinsamen Wanderungen in Kap Verde, Diskussionen über den Zustand der Welt, Europas und Frankreichs. Vor allem auf dein Heimatland warst du nie sehr gut zu sprechen, hast temperamentvoll geschimpft auf die korrupte Polit-Elite, über Bürokratie und ungerechte Steuerbelastungen und eine mangelhafte Integrationspolitik. Für mich war Frankreich immer ein Sehnsuchtsziel, „terre promise“ vor allem in jungen Jahren. Sommer für Sommer reisten meine Eltern mit mir, meinen vier Geschwistern, der Großmutter, Zelten und Segeljolle in die Provence. Diese langen, abenteuerlichen, unwiederbringlich schönen Ferienwochen prägten meine Teenagerzeit. Zumal ich dort, an den abendlichen Lagerfeuern mit meinen copains und copines auch die französischen Chansons kennen und lieben und singen lernte, die dann den Grundstock meiner Sangeslaufbahn bildeten. Neben den Sommerferien en famille durfte ich als Gymnasiastin und Kunststudentin von zahlreichen Austauschprojekten profitieren – vom Konzert mit dem Schulorchester in Châlons-sur-Marne bis hin zur Studienreise nach La Bégude-de-Mazenc. Die deutsch-französische Freundschaft, Resultat einer großartigen zivilisatorischen Leistung - der Versöhnung der beiden „Erbfeinde“ nach den Weltkriegsdesastern – ist doch aus unser aller Leben gar nicht mehr wegzudenken! Nach wie vor ist sie das Herzstück eines vereinten Europas, dieses unverzichtbaren Bollwerkes westlicher Werte. Ein Garant für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, ein Erfolgsprojekt, bei aller zum Teil berechtigten Kritik an den Institutionen. Und nun müssen wir tatsächlich erleben, dass diese Wertegemeinschaft ins Wanken gerät – auch durch islamistischen Terror und ungeregelte Immigration, weit mehr aber noch durch die einschlägigen Populisten, Rassisten, Nationalisten, die Ängste schüren, das Rad der Geschichte zurückdrehen und die EU zertrümmern wollen. Wer dieses Geschäft bei euch in Frankreich betreibt, und zwar erschreckend erfolgreich, weißt du nur zu gut und bist genauso entsetzt darüber wie ich. Liebe Gladys, liebe Franzosen, am 23. April habt ihr eine veritable Chance, diesen Rattenfängern das Handwerk zu legen. Wem wirst du deine Stimme geben? Wie oft hast du gesagt, Frankreich braucht dringend Erneuerung, moralisch, politisch, ökonomisch. In meinen Augen gibt es eigentlich nur einen, dem man das derzeit zutrauen kann: eurem Überraschungskandidaten Emmanuel Macron. Ich glaube nicht an Heilsbringer, aber ich sehe da ganz viele Qualitäten: Er ist jung, unverbraucht und smart. Parteiunabhängig und reformfreudig. Und er bekennt sich als einziger der Kandidaten voll und ganz zu Europa! Feststeht: Eine schwache Wahlbeteiligung nützt vor allem den Europagegnern Le Pen und Co. Deshalb: an die Urnen, citoyens! En marche! Je t’embrasse Nanette Liebe Nanette, wie du weißt, bereiten mir deine Briefe stets Freude! Im Laufe unserer jährlichen Begegnungen erzählte ich dir oft, welche Erregung mein geliebtes Land Frankreich in mir hervorrief! Bei dieser Wahl stehen so viele Bürger vor einer quälenden Entscheidung: Soll man überhaupt wählen? Und wenn, wen und wozu? Soll man gegen jemanden oder für jemanden stimmen? Soll man wählen, nur um Marine Le Pen und ihre rechtsextreme Partei daran zu hindern, an die Spitze dieses Landes zu gelangen? Wir wählen und legen dann unsere Schicksale in die Hände jener, die wir wählen ... Soll man nun also für jemanden stimmen? Für denjenigen oder diejenige, der oder die eine Rückkehr zu einer „Demokratie“ verkörpert und diesem Wort wieder Sinn verleihen könnte? Saint- Exupéry schrieb: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Wie du weißt, durfte ich berufsbedingt viele Menschen aller Horizonte begrüßen. Ich habe ein recht gutes Urteilsvermögen, das sich häufig bestätigt. Benoît Hamon hat mich in seinen Bann geschlagen. Letztendlich hat mich sein Programm für sich eingenommen, aber auch der Mann selbst: Es ist innovativ und berücksichtigt die aktuellen Wirklichkeiten unseres Landes und der Welt; man wird sich ihm nicht dauerhaft verschließen können. Ich werde dir sein Programm nicht im Detail darlegen – du kannst es selbst zur Kenntnis nehmen –, aber er will mit innovativen, wirkungsvollen Lösungen ein neues Kapitel aufschlagen. Schau oder hör dir die Präsentation seines Reformentwurfs an; mit einfachen Worten und Sätzen erklärt er, wie er regieren will. Ich mag seine respektvolle Haltung, die „links sein“ wieder Sinn gibt. Allerdings erlaubt es die mangelnde Vertrauenswürdigkeit der übrigen Kandidaten, von denen einige nicht über die offenen Vorwahlen hinausgekommen sind, nicht, grundsätzlich Vorzeichen für eine respektvolle Haltung gegenüber den Bürgern zu sehen! Ich bin, das weißt du, eher links als rechts gesinnt. Ich sähe lieber eine besser ausgeglichene Welt, und, weißt du, ich habe den Glauben an mein Land (das Land der Menschenrechte), das, so scheint es, eine Rolle in dieser „Utopie“ spielen könnte, nicht vollends verloren. Und schlussendlich, liebe Nanette, gefällt mir auch Benoît Hamons Frau: Sie ist diskret, intelligent und zeigt eine elegante Haltung. Sie muss „Klasse“ haben, echte Klasse. Gabrielle Guallar ist die Frau, die Frankreich und die Französinnen am besten verkörpert! Meiner Ansicht nach sind Benoît Hamon und seine Lebensgefährtin Gabrielle zwei „Wesen“, die würdig sind, an der Spitze des Staates zu stehen. Ah, noch eines zum Schluss: Ich bin zutiefst europäisch, trete aber für ein Europa im Einklang mit seinen Bürgern ein! Ich weigere mich, als Geisel genommen zu werden! Wir werden ganz bald noch einmal über all das sprechen, nicht wahr? Bis dahin sei umarmt! Gladys Nanette Scriba, Songpoetin und Malerin, lebt im Rheingau und auf Kap Verde Ne me quitte pas Gladys Robert, Hotelbesitzerin aus der Aquitaine


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