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Dienstag, 25. Juli 2017 #NEMEQUITTEPAS 2 Der Hahn kräht auch noch auf dem Mist Im Wahlkampf veröffentlichte Emmanuel Macron sein Programm in einem Buch mit dem Titel „Revolution“. Und er wurde gewählt, weil die Franzosen sich einen Umsturz wünschten. Und für den stand der junge Mann, der zwar die Eliteschulen durchlaufen hatte, kurze Zeit auch Wirtschaftsminister war, die Krise in Frankreich erkannte, aber trotzdem ganz unideologisch Lösungen vorschlug. Deshalb hat es mich auch nicht überrascht, dass er – nachdem Fillon wegen der Korruptionsvorwürfe keine Chancen mehr hatte – zum Präsidenten gewählt wurde. Denn anders als seine Vorgänger François Hollande oder Nikolas Sarkozy kennt er die tiefe Seele der Franzosen, ist nicht mit sich selbst und seinem Erscheinungsbild beschäftigt, sondern will wirklich Frankreich revolutionieren. Es kann ihm gelingen, daran zweifele ich nicht. Ich liebe Frankreich, denn es ist mir eine Heimat geworden. Dennoch kenne ich Leute, die sich kritisch gegenüber den Franzosen äußern, weil sie sich bei ihnen nicht wohlfühlen. Sie halten die Franzosen für arrogant. Da hat ein Deutscher in holprigem Französisch – immerhin! – nach dem Weg gefragt, aber der angesprochene Franzose geht schnellen Schritts des Wegs, so als nähme er niemanden wahr. Doch ist dieser Franzose nicht arrogant, sondern eher verwirrt. Er könnte zwar holprig auf Deutsch antworten, weil er es in der Schule gelernt hat, aber das verbietet ihm seine Identität. Denn wie soll er auf jemanden reagieren, der ziemlich unverständliche Töne von sich gibt? So denkt der Franzose, weil die Sprache in Frankreich eine besondere Rolle spielt. Sie dient nicht nur der Kommunikation wie in Deutschland, sondern sie ist ein bewusster Teil der kulturellen Identität. Und diese Identität fürchtet ein Franzose unbewusst aufzugeben, wenn er in eine andere Sprache wechselt, die er nicht perfekt beherrscht. Durch die Sprache vermittelt sich Autorität. Die Franzosen würden keinen Staatspräsidenten wählen, der nicht über eine geschliffene Sprache und eine vollendete kulturelle Bildung verfügt. Und dafür steht Emmanuel Macron. In einer Fernsehsendung reichte ihm der Moderator den Text eines Stückes von Molière, um daraus eine Szene nachzuspielen. Macron wies das Buch zurück. Er konnte den Text auswendig. Um die französische Sprache in all ihren Feinheiten zu nutzen, lernen die Schüler Literatur auswendig. Während meiner französischen Schulzeit in Paris mussten wir im Alter von vierzehn Jahren vo n einer Französischlektion zur nächsten jeweils zehn Zeilen memorieren. Den Autor konnten wir aus dem Schulbuch frei wählen. Wer also Meister im Umgang mit der Sprache ist, wer Autorität hat, kennt die Literatur, ist Herr über Kultur und „Stil“. Aber diese Autorität fehlt dem radebrechen-den Ausländer, der nach dem Weg fragt. Wenn es die exception culturelle, die kulturelle Besonderheit ihres Landes zu verteidigen gilt, gehen die Franzosen sogar auf die Barrikaden, während die Deutschen hoffen, ihre eigene kulturelle Besonderheit möge sich möglichst schnell in Europa auflösen. Die exception culturelle als Lebensentwurf stellt sich gegen jene Gesellschaften, die sich nicht kulturell, sondern wirtschaftlich definieren, die sich im Zeichen der Globalisierung das Leben dem freien Wettbewerb der Kräfte unterwerfen und um die Deregulierung wie um ein goldenes Kalb hüpfen. Man sollte jedoch nicht glauben, die exception culturelle ließe sich mit einem Wort erklären oder in einem einzigen Gedanken zusammenfassen. So ist es auch kein Wunder, dass sich Frankreich bis hinein in die Staatssymbole von anderen großen Nationen Europas unterscheidet. Britannia oder Germania sind Machtfiguren. Aber Marianne entblößt ihren Busen. Ist das nicht entwaffnend? Man soll das Vaterland wie eine Frau lieben – mit all dem Ach und Weh, das solch eine Gefühlsaufwallung mit sich bringt. Humor ist laut französischem Lexikon eine Geistesform, die darin be-steht, die Wirklichkeit so darzustellen, dass ihre lustigen Seiten hervorkommen. Pauline Bonaparte heiratete einen Italiener. Sie zog nach Rom und stand einem berühmten Bildhauer Modell für eine wunderschöne Marmorstatue. Die schöne Pauline liegt mit formvollendeten Brüsten völlig bloß, nur mit einem Tuch um die Hüften bekleidet auf einer Chaiselongue. Von einer prüden Italienerin gefragt, weshalb sie nackt posiert habe, antwortete Pauline: „Weshalb hätte ich es nicht tun sollen. Das Zimmer war geheizt.“ Das deutsche Lexikon definiert Humor so, dass nicht nur Paulines Antwort, sondern ihr ganzes Verhalten unziemlich erscheint: Humor ist danach die Gabe, der Unzulänglichkeit der Welt mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. Französischem Humor entspricht es auch, wenn mir mein Metzger in Paris erklärt, weshalb das Wappentier der Franzosen kein Adler, sondern ein Hahn ist: Der Hahn ist das einzige Tier, dass selbst dann noch hurra schreit, wenn es mit den Füßen im Mist steckt. Und diesen Mist will Emmanuel nun fortschaffen. Es wird nicht einfach, denn die Macht der Straße wird sich einigen Reformen entgegenstellen. Aber ich glaube, dass Präsident Macron den Mut hat, seine Revolution zu verwirklichen. Von Ulrich Wickert Stefan Schröder ist Chefredakteur des Wiesbadener Kurier. Foto: Harald Kaster Impressum Verlag und Herausgeber VRM GmbH & Co. KG, Erich-Dombrowski-Str. 2, 55127 Mainz, Postfach 3120, 55021 Mainz Telefon: 0 61 31-48-30 Telefax: 0 61 31-48-5868 Amtsgericht Mainz, HRA0535 (zugleich auch Anschrift für alle im Impressum genannten Verantwortlichen), vertr. d.d. phG VRM Verwaltungs- Gmbh Geschäftsführung Hans Georg Schnücker (Sprecher) Dr. Jörn W. Röper, Mainz Redaktionell verantwortlich Stefan Schröder, Wiesbaden Redaktion Sina Schreiner Gestaltung Sabine Bartsch Anzeigen Gerhard Müller (verantw.) Druck Druckzentrum Rhein Main GmbH & Co. KG, Alexander-Fleming-Ring 2, 65428 Rüsselsheim Vorwort Liebe Leserinnen, liebe Leser, diese Sonderausgabe ist eine einzige Liebeserklärung auf 24 Druckseiten. Von einer Tageszeitung erwartet man gemeinhin etwas anderes: kritische Worte, Tadel, Distanz; aber Lob, Anerkennung, Komplimente? Und das auch noch von Amateuren, von nicht geschulten Autoren – was zumindest für die meisten in dieser Ausgabe gilt. Wir dachten uns, besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Und vergessen Sie bitte nicht, dass damals im Februar, vor noch nicht einmal einem halben Jahr, die europäische Gemeinschaft am Abgrund stand. Großbritannien stand (und steht) vor dem Austritt aus der Europäischen Union, Donald Trump kündigte der EU brüsk die Freundschaft. Der heute scheinbar unangefochtene Polit-Star Emmanuel Macron war eher noch ein Macrönchen, und Marine Le Pen, die Europahasserin und Euro-Vernichterin, pochte an die Pforte des Elysee-Palastes. Es war also an der Zeit zu dokumentieren, dass weder Deutsche noch Franzosen gewillt waren, die nach dem Krieg so mühsam aufgebaute Freundschaft zwischen diesen beiden Völkern so einfach wegzuschenken. Keiner konnte mit Bestimmtheit sagen, dass am Ende die Wahl zum Präsidenten der Republik so eindeutig für Europa und die Freundschaft ausging. Und wer anschließend die Wahlbeteiligung zur Nationalversammlung gesehen hat, weiß, dass noch immer nicht alles in Ordnung ist mit der demokratischen Stabilität in Frankreich. Auch wir Deutschen sollten uns unserer Sache nicht so sicher sein. Eine längere Wirtschaftskrise würde die Liebe der Deutschen zur Demokratie womöglich rasch abkühlen lassen. Sicher ist nur, dass wir länderübergreifend für diese Regierungsform kämpfen müssen. Warum nicht mal mit dem Stift? Doch unsere Kampagne „ne me quitte pas“ (verlass mich nicht) – entlehnt war der Titel einem Lied des belgischen Sängers Jacques Brel – brachte wesentlich mehr hervor als getragene Dialoge zum modernen Demokratieverständnis. Wie Sie, liebe Leser, beim Nachlesen und Nachschauen bald erkennen werden, behandelt nahezu jede Korrespondenz einen anderen Schwerpunkt. Es kreuzen sich die Gedanken der Wissenschaftler, deren Arbeit seit jeher nur grenzüberschreitend funktioniert. Das gilt ebenso für den christlichen Glauben, über den sich zwei Geistliche unterhalten. Immer wieder fesseln einen die innigen Beziehungen – zwischen Vereinen, zwischen Gemeinden, zwischen Menschen. Worte voller Achtung, Respekt, aber auch Humor und Ironie prägen die Zeilen. Man ertappt sich dabei, wie die Augen feucht werden, mal vor Rührung über den französischen Kriegsveteranen, der Jahre nach dem Krieg zum ersten Mal wieder einem jungen Deutschen die Hand schüttelt. Ein anderes Mal rollen Lachtränen, weil sprachliche Missverständnisse oder Berichte von ersten zarten, aber ungeschickten Annäherungsversuchen einfach nur komisch sind. Der Leser ist verblüfft, wie selten die Brieffreunde Unterschiede zwischen den Nationen hervorheben. Weder die Staatsschulden der Franzosen noch die Handelsüberschüsse der Deutschen spielen eine Rolle. Keinen interessiert, wie häufig die Gewerkschaften in Paris auf die Straße gehen oder dass die Deutschen weniger Kinder bekommen. Das ist eben nur Statistik oder einfach Zahlensalat. Das Leben spielt sich aber auf dem Marktplatz ab, wo Menschen aus Fleisch und Blut sitzen, schunkeln oder miteinander tanzen. Dort beim Wein entstehen die Freundschaften fürs Leben, vielleicht über Generationen, vor allem aber über Grenzen hinweg. Also: vive la France et vive l‘amitié! Herzlichst, Ihr Unser Gastautor Ulrich Wickert Journalist und Autor 1978 ging Wickert für die ARD als Korrespondent nach Paris, 1984 übernahm er die Leitung des dortigen Studios. Von 1991 bis 2006 moderierte er die Tagesthemen. Der 74-Jährige hat zahlreiche Bücher über Frankreich und seine Hauptstadt geschrieben. Solidarität unter Freunden: Der Pariser Eiffelturm erstrahlt nach dem Amoklauf in München im Juli 2016 in den Farben der deutschen Flagge. Foto: pio3 - Fotolia Deutschland trauert mit Frankreich: Das Brandenburger Tor wird nach den Attentaten in Paris im November 2015 in den Farben Frankreichs angestrahlt. Foto: dpa Foto: dpa


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