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Dienstag, 25. Juli 2017 19 Davon will der Bürgermeister von Verdun, Samuel Hazard, nichts wissen. 12 Prozent, lautet die Arbeitslosenquote, die er nennt. Ja, bekundet er zerknirscht, das liege über dem nationalen Schnitt. Aber Verdun sei dynamisch, „es werden neue Arbeitsplätze entstehen“. Samuel Hazard ist noch keine 40, geachtet und beliebt in Verdun, einst Geschichtslehrer, lebhaft, temperamentvoll, impulsiv, durchaus extrovertiert. Stolz zeigt er die Schatzkammer des Rathauses, das Trauzimmer, unter Glas das Goldene Buch mit den Unterschriften der Mächtigen der Welt, die Orden, die Würdigungen für die Stadt, die Bilder, in Sonderheit das historische von Mitterrand und Kohl. Samuel Hazard war Austauschschüler in Oberndorf am Neckar, „j‘adore l‘Allemagne“, ruft Monsieur Le Maire, „j‘adore“ ist die Steigerung von „j‘aime“. „Wir sind überzeugte Europäer“, betont Samuel Hazard. Er ist Mitglied der Sozialistischen Partei, aber ein Unterstützer des nicht mehr für die Sozialistische Partei engagierten Emmanuel Macron. Der hohe Zuspruch für Le Pen resultiere vor allem daraus, dass die französischen Regierungen der vergangenen 40 Jahre (also auch „seine“ sozialistischen!) unfähig gewesen seien, die Probleme der Menschen zu lösen, analysiert der Bürgermeister knochentrocken. Dann nimmt er seine Brille ab, beugt sich nach vorne, dem Reporter entgegen und sagt, fast verschwörerisch: „Eines der allergrößten Probleme Frankreichs besteht im Pessimismus der Franzosen, in ihrer Neigung, über alles Mögliche zu schimpfen und zu spotten.“ Im „Resto Rallye etc.“ trifft Michelle Dreis eine langjährige Freundin: Chantal Fenot. Die pensionierte Deutschlehrerin Fenot nimmt, charmant, kultiviert, illusionslos, kein Blatt vor den Mund. Sie beschreibt ihre Landsleute so: „Viele wollen die Butter – und gleichzeitig das Geld für die Butter“. Das „Resto Rallye etc.“ liegt am Quai de Londres, nahe dem Monument à la Victoire, eingeweiht 1929: 73 Stufen über der Stadt, eine 30 Meter hohe Säule, in einer Krypta das Goldene Buch, das alle an der Schlacht um Verdun beteiligten Soldaten namentlich nennt. Die Aufgabe Verduns besteht nicht zuletzt darin, den Alltag in Relation zur Monumentalität der Historie und der Verantwortung angesichts hunderttausender Tote nicht banal oder jämmerlich erscheinen zu lassen, ihm seinen Stellenwert zuzubilligen. „Die Leute sind unzufrieden, das BUCH Ergebnis ist Le Pen“, erklärt Madame Fenot enttäuscht, aber sachlich. „Der Staat gibt viel, aber dann sagen manche: ‚Wenn ich arbeiten würde, bekäme ich nur 200 Euro mehr, als ohne zu arbeiten‘.“ Das Departement werde ärmer, es fehlten Industriejobs, seit 15 Jahren gebe es kaum noch Garnisonen, „wir waren mal 25 000 Einwohner, jetzt gehen junge Leute nach Metz oder Nancy zum Studium.“ Die Deutschen lieben die Franzosen, und die Franzosen achten oder bewundern die Deutschen, das ist, trotz schriller Einzeltöne, die Grundstimmung – so ist es oft zu hören in Verdun. Madame Fenot begann vor 30 Jahren, sich für die Partnerschaft zwischen der Groupe Scolaire Sainte-Anne und der Alfred-Delp-Schule im Kreis Bad Kreuznach zu engagieren. Louise Dumaire, eine Bekannte von Madame Fenot, erzählt von rauschenden Winzerfesten im rheinhessischen Osthofen, das mit dem Canton Mirebeau-sur-Bèze verschwistert ist. „Ich habe die deutsche Sprache im Herzen“, erzählt Madame Dumaire feurig, „die Sprache meiner Großmutter.“ Und dann rezitiert sie, auf Deutsch, alle Strophen der „Loreley“. Es klingt nicht nostalgisch, schon gar nicht kitschig, sondern einfach fröhlich. Alles gut? Michelle Dreis erzählt besorgt, sie höre, viele Franzosen wollten in der zweiten Runde gar nicht wählen. „Dann sag‘ ich denen: ‚Wenn ihr nicht wählt, wählt ihr Le Pen!‘“, sagt sie zornig. Fahrt Richtung Metz, an einstigen Schlachtfeldern vorbei, Mars La Tour, die „Bar Tabac La Poste“, ein kleines einfaches Landgasthaus. Eine freundliche Frau, Mitte Vierzig, bringt das Essen. Blick auf die Zeitung, auf der Titelseite Macron und Le Pen. Wen sie wählt? Sie deutet auf Le Pen. Und warum? „Der Chef hat es gesagt. Ich verstehe nichts von Politik.“ Mehrfache Nachfragen, ob man das richtig verstanden hat. Ja, es ist so, ganz ernsthaft. Die 16-jährige Lisa Dreis, und nicht nur sie, ist ziemlich entsetzt. „Es ist wichtig, dass Marine Le Pen nicht gewählt wird,„ sagt sie, „sonst ist alles in Gefahr, die Reisemöglichkeiten, die Freundschaften, das trifft doch alle Generationen.“ „Es wird viel enger, als wir jetzt glauben“, hatte Bürgermeister Hazard mit Blick auf die Wahl erklärt. Und: „Wenn Le Pen gewinnt, gibt es Bürgerkrieg.“ Chantal Fenot sieht es optimistischer: „Wenn es wirklich darauf ankommt, wählt Frankreich keine Extremisten.“ Von Reinhard Breidenbach Gedenken an Soldatengräbern nahe Verdun: Michelle und Lisa Dreis (oben). Unten von links: Das Beinhaus von Douaumont, ein demoliertes Wahlplakat von Marine Le Pen, der Innenraum des Beinhauses mit Namensinschriften gefallener Soldaten. Rechts, von oben: Samuel Hazard, Stadtoberhaupt von Verdun, die Deutschlehrerin Chantal Fenot vor dem Monument à la Victoire, Élodie Farcage, Kommunikationschefin der Gedenkstätten. Fotos: Harald Kaster . Eine deutsch-französische Familie, bestes Sinnbild für Frieden und Aussöhnung zwischen Völkern: Michelle Dreis hat ihre Geschichte in dem zweisprachigen Buch „Ein Kind aus Verdun – Un enfant de Verdun“ festgehalten. Es wurde mit dem Prix de l‘Amitié franco-allemande ausgezeichnet. Informationen: AMDreis@t-online.de


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