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#NEMEQUITTEPAS Wählt ausgerechnet Verdun Le Pen? DEUTSCHLAND - FRANKREICH Partenheim im Kreis Alzey-Worms und Verdun – sie sind ganz nah beieinander, mit dem Herzen. Michelle Dreis wurde in Verdun geboren, lebt mit ihrer Familie seit Jahrzehnten in unserer Region. Mit Enkelin Lisa reiste sie nun in ihre Geburtsstadt. Wie so oft zuvor. Doch etwas ist anders, dieser Tage. Frankreich wählt. Was wird sein? Franzosen und Deutsche, mahnt Michelle Dreis, müssen sich einer gemeinsamen Zukunft vergewissern in diesen Tagen – und bangen, ob extreme Kräfte ein Friedenswerk gefährden. „Auf der anderen Seite des Schützengrabens sah ich deutsche Soldaten ... Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und verließ unbemerkt meine Kompanie ... Nachdem ich den Schützengraben überquert und mein weißes Taschentuch aus der Jackentasche geholt hatte, saß ich neben ihnen ....“ Dies berichtete der Soldat Henri Aubert, der Großvater von Michelle Dreis, seiner Familie. Lebendig ist er aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause gekommen, lebendig aus der Hölle von Verdun. Die Soldaten dort trugen stundenlang Gasmasken, tranken verseuchtes Regenwasser aus Granattrichtern oder ihren Urin. Die Schlacht um Verdun beginnt am 21. Februar 1916 und endet am 19. Dezember desselben Jahres. Historiker können die Zahl der Toten nur schätzen: etwa eine Million. 10 000 Granaten gehen auf die Region Verdun nieder – in jeder Stunde. Millionen von Granaten. April 2017. Michelle Dreis (69) und ihre Enkelin Lisa stehen am Gräberfeld vor dem Beinhaus von Douaumont. Mehr als 16 000 letzte Ruhestätten sind hier angelegt, würdevoll, weiße Kreuze so weit das Auge reicht inmitten einer friedlich grünen Hügellandschaft; ein paar Steinwürfe weiter erzählen Erdwälle und schroffe Bunkerreste davon, wie zerschunden diese Landschaft war, jahrzehntelang. François Mitterrand und Helmut Kohl standen hier über dem Gräberfeld, Hand in Hand, am 22. September 1984. Verdun steht für die mörderischen Schrecken des Krieges und zugleich für Versöhnung in Europa. Hoffnung – die Geschichte der Familie Aubert aus Verdun macht Mut. Henri Aubert überlebt den Ersten Weltkrieg, Michelles Vater René den Zweiten. Er geriet in ein Gefangenenlager bei St. Pölten, ein deutscher Hauptmann holt ihn als Gehilfen in die Schreibstube. Ein Privileg, vielleicht eine Rettung. Dass der Wehrmachtsoffizier ihm später, 1944, vielleicht angesichts des nahen Untergangs des Tausendjährigen Reiches, mit einem schmiedeeisernen Tor die Hand zerquetscht, zerstört Renés Glauben an den Frieden nicht. „Er hat uns Kindern Toleranz und Nächstenliebe nahegebracht“, sagt Michelle Dreis heute. Er übt mit seiner Tochter Michelle deutsche Vokabeln. Später wird sie Lehrerin. Mitte der sechziger Jahre lernt sie bei einer Gastfamilie in Lorch im Rheingau ihren Albert kennen. Sie erinnert sich an bedrohlich klingende Worte einer Kollegin: „Fräulein Aubert, ist Ihnen wirklich bewusst, dass Sie einen D e u t s c h e n heiraten?“ Die kirchliche Trauung findet am 6. August 1966 in Verdun statt. Am folgenden Morgen sind die Reifen an den Autos der deutschen Hochzeitsgäste zerstochen. Aber was für Michelle Dreis, geborene Aubert, zählt, sind die Worte ihres Vaters: „Du musst eines Tages die deutsche Sprache so gut wie deine Muttersprache beherrschen, damit es zwischen beiden Ländern keine Kriege mehr gibt.“ Das Paar lebt fortan in Deutschland, zunächst in Rüdesheim, dann in Ingelheim, schließlich, seit 1976, in Partenheim. In Deutschland sei sie immer mit offenen Armen aufgenommen worden, betont Michelle Dreis. Über Partenheim schrieb sie eine Chronik. Sie spricht von ihren beiden Heimaten: Frankreich und Deutschland, „beide gehören gleichermaßen zu mir“. Sie begleitet deutsche Gruppen nach Frankreich. Dass die Freundschaft der beiden Länder gedeiht – dafür kämpft sie, auf liebenswerte Weise couragiert, versiert und mit Herzblut. April 2017. Das Beinhaus von Douaumont wurde 1932 eingeweiht. Es birgt die sterblichen Überreste von 130 000 französischen und deutschen Soldaten. Ein 137 Meter langes Tonnengewölbe, überragt von einem 46 Meter hohen Turm mit einer zwei Tonnen schweren Glocke. Die Szenerie ist gewaltig, monumental, an Pharaonengräber erinnernd, auch an einen Schutzwall, eine Trutzburg. Mit dem ersten Atemzug fast ein wenig bedrückend – und dann doch friedvoll und vertrauenerweckend durch Stärke und Stille. Die Fenster spenden orange-gelbes, freundliches Licht. In die Wände und ovalen Deckenbögen sind Namen gefallener Soldaten eingraviert, ihr militärischer Rang, das Geburts- und das Todesdatum. Der erste Name, der eingraviert wurde, ist der des deutschen Unteroffiziers Peter Freundl, geboren am 26. Mai 1895, gefallen am 28. Mai 1916. Jede Familie war vom Krieg betroffen Große, kunstvoll mit wertvollem Glas gestaltete Fenster zeigen bewegende Szenen: Jesus am Kreuz, umschlungen von einem verzweifelten Soldaten; eine Krankenschwester, die mit ansieht, wie eine andere von einer Granate zerrissen wird. Nur von der Außenmauer her, durch kleinere Fenster, sind menschliche Knochen und Totenschädel im Untergeschoss des Gebäudes zu sehen: die Gebeinekammern. Früher gab es auch Grabräuber; die Gebeine hätten einen hohen Marktwert, ist zu hören. Ein Beweis mehr für die These, der Mensch sei der schlimmste Feind des Menschen. Michelle Dreis war in ihrer Kindheit oft hier, auch in den Gottesdiensten in der Kapelle seitlich des Haupttraktes. Die Messen sind jetzt seltener geworden, es herrscht Priestermangel. „Was man hier sieht“, sagt Michelle Dreis, „nimmt man im Herzen mit.“ Was lebe, sei zum einen das Trauma: „Jede Familie war vom Krieg betroffen.“ Zum anderen aber Hoffnung, Verpflichtung: „Frieden finden“. Für die 16-jährige Lisa Dreis ist die Gedenkstätte „überwältigend“, wie sie sagt; es sei gut, dass so an Krieg und Versöhnung Herinnert werde. offnung – Élodie Farcage ist Kommunikationschefin der Gedenkstätte, ganze 24 Jahre alt, sie stammt aus dem Argonner Wald, Schauplatz vieler Schlachten. „Von den Großeltern habe ich viel erfahren“, berichtet Élodie, „es ist ein großes Glück für mich, hier zu arbeiten.“ Es sei wichtig, dass auch kommende Generationen das Versöhnungsdenkmal verinnerlichten – aber da mache sie sich, ehrlich gesagt, ein bisschen Sorge. Sie erfülle ihre Aufgabe mit ganzem Herzen, „avec mon coeur“. Sie ist beeindruckend, diese schöne, sehr junge, sehr ernsthafte und nachdenkliche Frau, die Erinnerungen weckt an „Nathalie“, jene Fremdenführerin auf dem Roten Platz in Moskau, am Grab Lenins, die der unvergessliche Gilbert Bécaud in einem Chanson verewigte. Élodie möchte nicht über Politik reden, darf es nicht, weil die Statuten der Gedenkstätte keinen Raum geben für Tagespolitik – aus Respekt vor den gefallenen Soldaten, wie es heißt. Doch jedem in Verdun steht klar vor Augen: Frieden und Freiheit und die Würde des Menschen haben natürlich immer mit Politik zu tun. In Verdun hat Marine Le Pen den ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl gewonnen, deutlich mit 25,6 Prozent, vor Emmanuel Macron mit 23,1 und François Fillon mit 21,4. Verdun hat rund 19 000 Einwohner. Auf Entdeckungsreise durch die Stadt, an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag. Der Fluss Meuse, der als „Maas“ in der von Rechtsnationalen allzu gerne reanimierten ersten Strophe des Deutschlandliedes vorkommt („...von der Maas bis an die Memel....“) – er nimmt pittoresk seinen Lauf. Immi granten, Muslime gar, gegen die Marine Le Pen kämpfen könnte, sind nicht zu sehen. Auch keine Hooligans. Auch keine Bettler. Auch keine lustigen flippigen jungen Leute. Der Tourismus ist wichtig für Verdun. Die Garnisonen haben auch ökonomisch eine überragende Rolle gespielt, früher. Davon ist wenig geblieben. Es gibt kaum Industrie. Eine kleine liebenswürdige Stadt, die den Alltag meistern muss; die aber stolz und mit Würde das Vermächtnis erfüllt als einer der weltweit bedeutendsten Orte, der für den Wandel von mörderischem Krieg zu Frieden und Freundschaft steht. Und die Le Pen in Front sieht. Wie passt das zusammen? Der Sender France 3 nennt in einer Analyse eine Arbeitslosenquote von 17 Prozent für Verdun, weit über der nationalen Quote von gut 9 Prozent; dies sei ein Hauptgrund für den hohen Le Pen-Zuspruch. Von Reinhard Breidenbach Ne me quitte pas


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