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20170724_nemequittepas

azrepo.16 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 16 Dienstag, 25. Juli 2017 Tradition aufgegriffen Frieden gehört zum Leben Bonjour und Hallo, liebe Nichte! Ich komme auf dich zu wegen eines Projekts, das die Allgemeine Zeitung kurz vor der Wahl in Frankreich in die Wege geleitet hat. Es geht um Europa und gab mir Anlass zum Überlegen, was unsere Familie ohne Europa wäre. Wir sind in den letzten 40 Jahren eine typisch europäische Familie! Kannst du dich an deinen Urgroßvater Gaston Durand erinnern? Du warst knapp 10 Jahre alt, als er 1989 verstarb. Er wurde 1898 geboren und hat entsprechend sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg hautnah erlebt. Beim ersten Weltkrieg verlor er einen Bruder, seine Schwester „Tante Alice“ verlor außerdem ihren Mann und war bereits mit 24 Jahren Witwe! Zwischen beiden Weltkriegen wurde er Vater von zwei Kindern und hatte später vier Enkelkinder, von denen zwei – zufällig – in Deutschland geheiratet haben: mein Cousin Philippe heiratete in Saarbrücken und ich in Mainz. In den achtziger Jahren hielt Gaston, der zweimal gegen den deutschen Erbfeind hatte kämpfen müssen, vier deutsch-französische Urenkel in seinen Armen, darunter dich, liebe Anne! Wenn ich aus beruflichen Gründen eine Schülergruppe aus Rheinland- Pfalz und Burgund begrüße, erzähle ich immer wieder „l’histoire de mon grand-père, die Geschichte Gastons“ und kommentiere sie nur mit folgenden Worten: „Voilà… das war eine Zusammenfassung der deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert!“ Ich habe immer wieder das Gefühl, dass es den Kindern mehr sagt als die Zahl der Menschen, die aufgrund der deutsch-französischen Kriege ihr Leben lassen mussten! Du weißt, dass ich seit 15 Jahren beim Partnerschaftsverband Rheinland- Pfalz/Burgund arbeite. Es gibt 146 Städte- und Gemeindepartnerschaften zwischen der französischen Region (heute Bourgogne – France-Comté) und dem deutschen Bundesland. Diese Regionalpartnerschaft, deren Weichen bereits in den 50er Jahren gestellt wurden, ist noch älter als der Elysée- Vertrag, der am 22. Januar 1963 von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, unterzeichnet wurde, um die Freundschaft zwischen den beiden Ländern zu versiegeln. Unzählige Menschen arbeiten aktiv und intensiv an und in diesen Städtepartnerschaften: sie besuchen einander, lernen einander wirklich kennen, tauschen sich aus, beteiligen sich an Feierlichkeiten… es ist gelebtes, menschliches Europa, weil fernab von Klischees und Stereotypen! Bei Grußworten anlässlich von Beurkundungen neuer Jumelages zwischen Rheinland Pfalz und Burgund oder bei Jubiläumsveranstaltungen erzähle ich auch oft unsere Familiengeschichte, weil sie in meinen Augen eine europäische Familiengeschichte ist. Du hast die Familientradition aufgegriffen, hast an der Sorbonne in Paris und an der Humboldt- Universität in Berlin studiert, deine Diplomarbeit in Philosophie geschrieben und nun unterrichtest du Deutsch in der Nähe von Paris... Compliments, Komplimente! Ich bin stolz darauf, dass meine junge Nichte die Familientradition aufgegriffen hat und die deutsch-französischen Beziehungen – und damit den europäischen Gedanken – bei jungen Franzosen voranbringt: Europa ist die Zukunft der kommenden Generationen! Amicalement, deine Tante Martine Liebe Tante, danke für deinen Brief und deine Betrachtungen über Europa und unsere deutsch-französische Familie. Das Erste, was mir zum Thema „Europa“ einfällt, sind eigentlich die Kurse über die „Construction européenne“ – den europäischen Aufbauprozess, die wir in der Schule über uns ergehen lassen mussten, oder die Fernsehsendungen über die gemeinsamen europäischen Bestimmungen… ehrlich gesagt nichts, was mich damals vom Hocker gerissen hätte. Im Gegensatz zu meinem Vater kann ich nicht sagen „Wir sind die erste Generation, die nicht in den Krieg ziehen musste“. Frieden gehört schon immer zu meinem Leben. Das ist in meinen Augen der erste und wichtigste Punkt: Als Kind oder Jugendlicher sieht man zuerst das eigene alltägliche Leben, die Eindrücke, die man hat oder die Erfahrungen, die man macht: es gibt keine Grenzen mehr, die Autoscheinwerfer haben alle dieselbe Farbe... Als ich vor ein paar Jahren einen Teil meines Studiums in Münster absolvierte, haben sich französische Freunde über meinen Wunsch gewundert, in einer WG mit Deutschen zu wohnen, um das deutsche Leben richtig kennen zu lernen. Es fiel mir schwer, ihnen zu erklären, dass die Lebensweisen so ineinander verflochten sind, dass man nicht mehr weiß, was woher kommt, dass es selbstverständlich wird, das Frühstück „deutsch“ und das Abendessen „à la française“ einzunehmen. Das ist gelebtes Europa! Eine französische Freundin meiner Mutter lebt in Madrid. Mein Vater hat in Frankreich für eine italienische Firma und später in Italien gearbeitet. Du hast in Deutschland geheiratet, mein Cousin und meine Cousine sind zugleich Deutsche und Franzosen, ihre Kinder haben ebenfalls die doppelte Staatsangehörigkeit. Ich bin praktisch schon in eine deutsch-französische Familie hineingeboren, das gehört von jeher zu meinen Leben. Jahre später habe ich einen Teil meines Studiums in Berlin und Münster absolviert, meine Doktorarbeit über Feuerbach mit „Co-tutelle-Betreuung“ (d. h. mit deutscher und französischer universitärer Betreuung) geschrieben, heute unterrichte ich Deutsch an einer französischen Schule. Das alles war nicht vorhersehbar und doch selbstverständlich. Ich möchte eine deutsche Freundin zitieren, die mir kurz nach meiner Rückkehr aus Münster schrieb „Herzliche Grüße aus deiner zweiten Heimat!“. Damit hat sie eigentlich das Wesentliche ausgedrückt: man kann in einem Land geboren sein aber für mehrere Länder heimatliche Gefühle entwickeln und empfinden und mit Freude eine Kultur vermitteln, die zwar nicht die eigene aber auch nicht fremd ist. Wer könnte mir heute sagen, was in mir „rein französisch“ oder „richtig deutsch“ ist? Ich wüsste es selber nicht, und ehrlich gesagt, die Frage wäre auch irrelevant. Ich bin ein Kind Europas und bin glücklich und dankbar, dass die Errungenschaften der vorigen Generationen mir dieses europäische Leben ermöglicht haben. Meine Wahl steht fest: Weiter so, on continue, damit deine eigenen deutsch-französischen Enkelkinder in 20 Jahren auch noch stolz auf Europa sein können! Bis bald, Anne Martine Durand-Krämer, Generalsekretärin Partnerschaftsverband RLP/Burgund Ne me quitte pas Anne Durand, Deutschlehrerin, lebt in der Nähe von Paris Frankreich hat ein wenig Lieber Jean-Bernard, liebe Marie- France, was wird aus Frankreich? Kannst du dich erinnern, Jean-Bernard, als du mir kurz nach eurer Hochzeit 1969 geschrieben hattest, um mich zu fragen, ob du meine Adresse in Paris an deinen deutschen Freund Stefan Ress weiterreichen dürftest? Und dies, „um eine bestimmte Idee von Europa“ zu fördern! Tatsächlich war es „Liebe auf den ersten Blick“ bei der zufälligen Begegnung auf eurer wunderschönen Hochzeit mit einem bestimmten Stefan Ress, die eine andere Hochzeit hervorgebracht hat und zwei Kinder mit doppelter Staatsbürgerschaft sowie drei Enkelkinder mit drei Nationalitäten, in der Schweiz lebend. Wohl auf kleiner Ebene wurde so ein Stein zum weiteren Ausbau von Europa gelegt, der ein weiteres Aufeinanderzugehen von Frankreich und Deutschland erlaubt. Wenn ich aber jetzt den französischen Wahlkampf beobachte, werde ich nicht das Empfinden los, dass Frankreich ein wenig von seiner Größe verloren hat: die Abfolge von unfairen Schlägen und niveaulosen Argumenten inmitten von Beschreibungen von Skandalen. Davon scheint vor allem die populistisch auftretende Rechte unter Le Pen zu profitieren, indem sie die Proteste aller Couleur aufnimmt und mit dieser Mixtur in fanatischer Weise die Frustration ihrer Anhänger befriedigt. Utopische Programme ohne wirklich realistische Perspektive: Frankreich in seinen Grenzen eingemauert, gleicher Lohn für alle, Lernen von Fremdsprachen in Schulprogrammen reduziert oder abgeschafft… Das würde das Land isolieren, das Gegenteil von dem, was meiner Idee vom offenen Frankreich entspricht; in einer Zeit, in der für Brexit votiert wurde und weitere schwierige Wahlen anstehen. Hoffentlich ist das Beispiel des Regierungswechsels in den USA für manchen Wähler ein Grund zum Nachdenken. Was mich betrifft – mit einem Vater, der in hohen Positionen in Finanzministerium und Matignon, zeitweise auch in die damaligen Kolonien von Afrika und Indochina abgesandt (wo ich selbst einen Teil meiner Kindheit verbracht habe), mit einem Rheingauer Ehemann, dessen Weine in mehr als 30 Ländern vertrieben werden, mit Kindern, die sich in Schule und Beruf auch im Ausland betätigt haben – ich bin von Natur aus und mit Erfahrung in fremden Kulturen und Sprachen seit der Kindheit für ein offenes Frankreich. Deshalb, und auch weil ich zwei Drittel meines Lebens außerhalb Frankreichs gelebt habe, sage ich aus vollem Herzen, mit Nostalgie zu Frankreich: „Ne me quitte pas.“ Mit herzlichen Grüßen Catherine Liebe Catherine, dein Brief hat uns sehr bewegt. So viele enge Verbindungen haben wir zu Deutschland, neben den familiären auch so zahlreiche freundschaftliche Kontakte, dazu gehört die 25-jährige Präsidentschaft in der Partnerschaft zwischen unserer Gemeinde Barsac und dem schönen Wöllstein (Rheinhessen). Wir teilen Eure Sorgen und bangen, denn Frankreich ist in seinen Grundfesten beschädigt. Dennoch glauben wir an die feste Bindung von Frankreich an Europa und, dass die Franzosen, im Moment der Wahl, mit nüchterner Überlegung und rationaler Intelligenz die Entscheidung treffen. Dann kann sich Europa weiter in seiner Größe entwickeln, nachdem es doch mit so viel Geduld und Ausdauer aufgebaut worden ist. Lasst uns Vertrauen bewahren! Mit besten Grüßen, auch an Stefan, und bis bald, im Juni zur nächsten Familienfeier im Bordelais, Jean-Bernard & Marie France Catherine Ress aus Hattenheim Ne me quitte pas an Größe verloren Wir teilen Eure Sorgen und bangen Jean-Bernard und Marie France aus dem Département Gironde Kinderbetreuung Anteil der Kinder in Prozent, die im Jahr 2015 außerhäuslich betreut wurden: 42 Frankreich 26 Deutschland Quelle: Eurostat TEILZEIT- BESCHÄFTIGUNG Anteil teilzeitbeschäftigter Eltern mit zwei Kindern in Prozent im Jahr 2016: Insgesamt 19 Frankreich 39 Deutschland Frauen 33 Frankreich 72 Deutschland Quelle: Eurostat


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