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azrepo.14 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 14 Dienstag, 25. Juli 2017 Beunruhigt, aber Liebe Mélita! Der Kampf um die französische Präsidentschaft ist in vollem Gange. Und ich bin ziemlich verstört. Deutschland, Frankreich, Europa – das wichtigste Projekt meiner Generation droht im französischen Wahlkampf den Bach runterzugehen. Leider haben die Vorwahlen im rechten und linken Lager Frankreich keine Klarheit gebracht. Nach wie vor erreicht vor allem Nebensächliches die Ohren des Wahlvolks. Der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon hat sich seine teuren Maßanzüge bezahlen lassen, der Sozialist Benoît Hamon hat eine miserable Redetechnik, Linksaußen Jean-Luc Mélenchon ist dank der Technik des Hologramms in der Lage, gleichzeitig in zwei Städten Wahlkampf zu machen, und der Liberale Emmanuel Macron ist nicht nur talentiert, sondern vielleicht auch homosexuell. Vom Entscheidenden aber wissen wir so gut wie nichts: Was sagen die Wahlprogramme der Kandidaten tatsächlich aus? Wirklich bekannt ist nur das Programm der rechtsextremen Marine Le Pen. Sollte sie Präsidentin werden, dann wäre der Frexit sicher. Frankreich wäre nicht mehr Teil der europäischen Union, die deutschfranzösische Achse zerbrochen. Dass Le Pen im ersten Wahlgang die meisten Stimmen auf sich vereinen wird, gilt als ausgemacht. Alle anderen Kandidaten konkurrieren deswegen darum, wer von ihnen Le Pen in der Stichwahl am 7. Mai die Stirn bieten kann. Die seit über 60 Jahren gewachsene deutschfranzösische Communauté in Frankreich sollte an diese Kandidaten eine klare Message richten: „Wir unterstützen sie, wenn sie sich für Europa einsetzen und dafür sorgen, dass die französische Marianne die Hand des deutschen Michels nicht loslässt!“ Einen guten Anfang für ein solches Engagement der Zivilgesellschaft macht die Initiative des Frankfurter Anwalts Daniel Röders. Sein Pulseofeurope.eu demonstriert seither für Europa in deutschen, französischen, belgischen und englischen Städten. Die über 180 Partnerstädte aus Rheinland-Pfalz und der Bourgogne- Franche-Comté sollten da mitmachen. Auch wir beide, übrigens! Natürlich gemeinsam! Was hältst du davon? Beunruhigt, aber tatenfroh, freut sich auf deine Antwort aus Mainz Till Lieber Till, gerade haben die Wahlen in den Niederlanden stattgefunden – und findest du nicht auch, dass das Ergebnis Mut macht? Die Wähler haben sich dafür entschieden, Europa nicht aufzugeben, und das ist eine erfreuliche Nachricht! Denn nur ein starkes Europa ist der Garant für ein weiteres friedliches Miteinander der naturgemäß unterschiedlichen Mitgliedsländer. Ja, die französischen Präsidentschaftskandidaten bringen viel Verwirrung in die Köpfe der Menschen. Fast täglich erschrecken uns neue persönliche Enthüllungen, die die Kandidaten aller Parteien gleichermaßen betreffen. Viele Wähler wissen nicht mehr, woran sie sich orientieren sollen, denn es fehlt die inhaltliche Auseinandersetzung. Diese Situation ist enttäuschend. Und dennoch – ich habe das Vertrauen in meine Landsleute, dass sie wie die Niederländer um die Bedeutung der Wahl wissen und den Ernst der Lage sehen. Schließlich geht es um unser aller Zukunft. Deshalb werden hoffentlich viele wählen gehen und nicht aus Politikverdrossenheit der Wahlurne fernbleiben – wohin das führen kann, sieht man an Großbritannien. Gerade die jungen Pro-Europäer, die von vielen europäischen Austauschprogrammen wie zum Beispiel Erasmus profitieren können, haben dort nicht gewählt. Nun ist der Schritt gemacht und es gibt kein Zurück. Ich hoffe, dass viele meiner Landsleute wie ich auf Europa setzen. Ich selbst fühle mich als Europäerin und möchte diesen Brief deshalb mit den Worten von Victor Hugo, der in Burgund-Franche- Comté geboren ist, beenden: „Es leben die Vereinigten Staaten von Europa!“ Liebe Grüße Mélita Till Meyer,Leiter „Haus Rheinland- Pfalz“ in Dijon Ne me quitte pas tatenfroh Ich habe Vertrauen in meine Landsleute Mélita Soost, Leiterin „Haus Burgund“ in Mainz Am europäischen Haus als Forscher mitgebaut Lieber Hervé, war das nicht eine glückliche Stunde, als wir uns bei einer europäischen Chemiker-Tagung in Krakau begegneten? Ich hatte mich als Leser und Nutzer deiner Bücher zur Chemie der Küche darauf gefreut, und die „Chemie“ zwischen uns hat gleich gestimmt. Seither haben Studenten meiner Hochschule Fresenius jeweils fünf Monate in deinem Labor bei Paris Agrotech im 5. Arrondissement in Paris ein Praktikum gemacht. Bei Besuchen habe ich erleben dürfen, mit wieviel Engagement du dich um sie kümmerst und sie wissenschaftliche Experimente und ihre Auswertung lehrst. Seit 1983 baute ich für meine Studierenden ein internationales Netzwerk auf, das Hunderten von ihnen Praxiszeiten im Ausland ermöglichte. Es reicht von Estland bis Spanien, von Irland bis Griechenland und von Schweden bis Malta. Wir und alle europäischen Steuerzahler haben das über Programme wie Leonardo und Erasmus mitfinanziert. Du bist seit 2007 ein Teil dieser Partnerschaft. Die Studierenden erwerben oder verbessern dabei ja nicht nur ihre Sprachkenntnisse! Wenn ihr Franzosen von „se dépayser“ sprecht, meint ihr damit natürlich nicht nur ins Ausland reisen, sondern auch das Eintauchen in die Kultur, die Lebens- und Arbeitswelt eines Landes. Da haben sich die Horizonte meiner Studierenden erweitert, es entstanden Freundschaften und sogar Lebenspartnerschaften über die Ländergrenzen hinweg. Einige haben in ihrem Gastland auf Dauer Wurzeln geschlagen, Arbeit und sogar Ehepartner gefunden. Am 20. Mai feiern wir mit unserer Partnerschule HBLVA in Wien 20 Jahre Zusammenarbeit – über 160 Studierende von dort machten bei Fresenius ein deutsches Examen. So, dachten wir, kann man am „europäischen Haus“ mitbauen. Mit Sorge nehme ich wahr, dass der „Mehrwert“ der europäischen Zusammenarbeit mit Frankreich im Präsidentschaftswahlkampf bestritten und schlechtgeredet wird. Lieber Hervé, ich finde auch nicht alles gut, was in der europäischen Politik geschieht. Der Nutzen und vor allem die Freude an offenen Grenzen, am gemeinsamen Forschen und Lehren, am wissenschaftlichen und kulturellen Austausch und am Teilen unserer jeweiligen geschichtlichen, politischen und (ja, das natürlich auch) kulinarischen und vinologischen Genusserfahrungen können uns allen Antrieb sein, Freunde und Partner zu bleiben. Was können wir Hochschullehrer in diesem Sinn tun? Mit herzlichen Grüßen nach Paris, dein Leo Licht der Aufklärung Lieber Leo, darf ich deine Sorge mal nicht mit politischen Aussagen beantworten? Vor Jahren habe ich beschlossen, mich von der Nachrichtenwelt zu verabschieden. Ich will nicht den Verfall der Welt und Fehlentwicklungen in meinem Land beklagen. Ich will helfen, die Welt besser zu machen. Wie geht das? Wir müssen feststellen, dass das Zeitalter der Aufklärung noch nicht zu Ende ist, ganz im Gegenteil! Der Same der Vernunft ist ausgesät, aber noch nicht vollständig aufgegangen. Gegen die Nationalismen, gegen den Missbrauch von Macht, gegen aufklärungsfeindliche Gedanken müssen wir kämpfen. Wie sagt Voltaire so richtig? „Ist es nicht beschämend, dass die Fanatiker mit Feuereifer bei der Sache sind und die Weisen nicht? Wir müssen umsichtig sein und keinesfalls furchtsam.“ Heute wie gestern müssen wir kämpfen und dabei eingedenk sein, dass die germanischen Mythen vielleicht interessanter sind als die griechischen oder römischen: Statt fauler Götter auf dem Olymp gibt es da einen fortwährenden Kampf gegen die Riesen. Dieser nie endende Kampf ist es, der das Chaos, den Untergang verhindert. Wir in Frankreich nennen die Zeit der Aufklärung auch „Siècle des Lumières“. Wie verbreiten wir Licht? Erklären wir unseren Mitmenschen, dass es kein Elmsfeuer, keine vom Teufel gemachten Krankheiten und keine Irrlichter gibt! Es sind Funken in elektrisch aufgeladener Luft, von Getreidepilzen abgesonderte Giftstoffe und Gärgase in den Sümpfen, die uns diese Erscheinungen bescheren! All das haben die Naturwissenschaften uns schrittweise enthüllt. Deshalb müssen wir sowohl ihre Erklärungen verbreiten als auch die Methoden, mit denen sie diese Erkenntnisse gewonnen haben. Siehst du – da engagiere ich mich! Ich erkläre, dass die Naturwissenschaften nichts erdichten. Sie entspringen vielmehr dem methodisch vorgehenden Willen, die Welt immer präziser zu beschreiben. Dabei haben sie nicht die Absicht, „Wahrheit“ hervorzubringen. Zu gut wissen sie, dass unsere Theorien Annäherungen an die Wirklichkeit sind und bleiben, auch wenn sie beständig weiterentwickelt werden. Zur wissenschaftlichen Arbeit gehört es also, bestehende Theorien zu widerlegen, um sie durch neue Theorien zu ersetzen, die uns die Welt noch besser beschreiben können. Indem wir junge Menschen anleiten zu verstehen, zu hinterfragen und vernünftig zu analysieren, wird es uns gelingen, die „Riesen“ zu verdrängen. Mehr Licht! Herzlich, dein Hervé Prof. Leo Gros, Chemiker und Weinauktionator aus Geisenheim Ne me quitte pas gegen Mythen Prof. Hervé This, Wissenschaftler aus Paris, Autor zur Chemie & Praxis der Küche Foto: naty_lee Adobe Stock.com


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