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azrepo.13 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 13 Dienstag, 25. Juli 2017 Foto: denisismagilov - stock.adobe.com Freunde im Herzen Wertvolle Erinnerungen Meine liebe Antoinette, wenn ich an Paris denke, denke ich immer auch an dich. Denn du hast mir die Seele deiner Geburtsstadt und ihrer Bewohner gezeigt. Wie verschieden wir sind – und wie nah wir uns trotzdem fühlen. Du hast mir jenseits aller Pariser Luxus-Restaurant-Klischees bei dir unterm Dach Linsen mit Knoblauch und Speck gekocht – ich habe selten besser gegessen. Du bist mit mir jenseits der teuren Feinkostläden auf den Markt im 19. Arrondissement gefahren, wo alles nur die Hälfte kostet – aber das bunte Leben brummt. Du hast mir den Picknickfimmel der Pariser gezeigt, mitten im Park von La Villette, auf einer Decke zusammen mit der Concierge aus der Pförtnerloge und ein paar Nachbarn. Du bist mit mir in gefühlt 500 kleine Theater gegangen, dazu noch mal in genauso viele Ausstellungen – so habe ich gelernt, dass die Franzosen Kultur so selbstverständlich und alltäglich konsumieren wie gutes Essen. Du hast das Klischee der angeblich arroganten Pariser komplett widerlegt. Du quatschst jeden an – und siehe da, alle quatschen zurück. Übrigens auch ausgiebig über Politik. Auch das habe ich durch dich gelernt: Wie politisch die Franzosen sind. Millionen schauen sich die großen Fernsehdebatten an, harren über viele Stunden aus – und am nächsten Tag wird mit dem Bäcker darüber diskutiert. Du hast einen klugen, kritischen Kopf hinter deiner Libération, die du jeden Morgen im Café auf Montmartre liest. Wir haben uns gegenseitig deutsche und französische Politik erklärt. Eigenheiten, Vorurteile, richtige und falsche Bilder, die wir uns voneinander als Nationen und Völker machen. Darüber haben wir gelernt, wie schön es ist, so unterschiedlich zu sein – und trotzdem das Gefühl zu haben, den anderen voll und ganz zu verstehen. Wir lachen über dieselben Dinge, wir lästern nach Herzenslust über Deutsche und Franzosen und regen uns über dieselben Missstände auf. Völlig egal, dass du in Frankreich und ich in Deutschland geboren bin. Und als du mir einmal gesagt hast: „Gut, dass du kein Dessert isst, du wirst sonst zu dick“ – da habe ich mich zum ersten Mal sogar selbst als Französin gefühlt – sowas sagen sich wirklich nur gute französische Freundinnen. Du hast ein großes Herz, liebe Antoinette – und ich fände es ganz schrecklich, wenn Politiker diese, unsere europäische Herzensbildung vergiften würden. Ne me quitte pas... Deine Freundin Evi Meine liebe Freundin, ne me quitte pas, verlass mich nicht, denn unsere Freundschaft besteht aus so vielen wunderbaren Erinnerungen. Ich erinnere mich, wie wir uns kennengelernt haben, in Deutschland. Du hattest mich, die Fremde, in Köln eingeladen. Es war ein so warmer, spontaner Empfang, der mir da von einer unbekannten Deutschen bereitet wurde. Du hast damals dafür gesorgt, dass ich mich in Deutschland wohlfühle. Ich erinnere mich daran, wie aus dieser Bekanntschaft eine deutsch-französische Freundschaft zu wachsen begann. Ich erinnere mich an deine deutsch-praktischen Outfits: Hosen, Bluse, Stiefel, Rucksack. Ich erinnere mich daran, wie du dann als Korrespondentin nach Paris umgezogen bist. Wie ernst du deinen Job nimmst, wie leidenschaftlich du arbeitest – wie du auf alles neugierig bist – und trotz des straffen Zeitplans immer Zeit für mich gefunden hast. Ich erinnere mich daran, wie wir dann gemeinsam in meiner Heimatstadt Paris gelebt haben, an unsere vielen Ausstellungsbesuche, unsere Touren zu Fuß, mit dem Fahrrad, in der Metro – und immer haben wir die ganze Zeit miteinander diskutiert. Ich erinnere mich daran, wie viel wir uns über die Politik in unseren beiden Länder unterhalten haben. Darüber, dass Angela Merkel ihren Schirm selbst trägt und relativ normal lebt, während unser Präsident seinen Schirm tragen lässt, in einem Schloss arbeitet, unter vergoldeten Kronleuchtern im Luxus – und trotzdem glaubt, das sei normal. Ich erinnere mich daran, wie empört dein kleiner Sohn war, als ich in Paris bei Rot über die Ampel gegangen bin – und wie selbstverständlich er das nach einer Weile selbst tat. Ich erinnere mich daran, wie du in Paris deinen Stil gewechselt hast. Du hast nach kurzer Zeit nur noch Röcke und Kleider getragen, nie mehr Hosen. Ich erinnere mich daran, dass du spontaner geworden bist. Statt alles gründlich zu planen, hast du lachend den Zeitplan über den Haufen geworfen und bist spontan mit mir in Paris ins Theater gegangen. Ich erinnere mich daran, wie du wieder nach Deutschland gezogen bist und mich nach Berlin eingeladen hast. Wie ich mich darüber gewundert habe, dass die Berliner brav ihre Fahrkarten entwerten, obwohl es keine Durchgangssperre gibt wie in der Pariser Metro. Ich erinnere mich daran, dass keine Mauer unsere deutsch-französische Freundschaft jemals begrenzen kann. Ich erinnere mich daran, dass wir uns in 20 Jahren an weitere schöne gemeinsame Dinge erinnern werden. Und dass wir unseren Enkeln und Urenkeln von dieser Freundschaft erzählen sollten, damit sie sie weiterführen. Lasst uns gemeinsam in Europa bleiben, ne me quitte pas, Deine Freundin Antoinette Evelyn Seibert, Journalistin und Moderatorin, ARDHauptstadtstudio in Berlin Ne me quitte pas Antoinette Marti, Pariserin, Grundschullehrerin in Rente Heimtückische Musik Flötentöne des Egoismus Cher Willi, es war sicher kein Zufall, dass wir Freunde geworden sind. Ich glaube, unsere Lebenswege und die Geschicke unserer Länder haben uns beide zu Menschen werden lassen, die sich um das Gemeinwohl sorgen. Die ihre Nachbarn respektieren und denen zutiefst dankbar sind, die bis heute den Frieden bewahren. Anders gesagt, lieber Willi: Ich habe den Eindruck, dass wir beide überzeugte Europäer sind. Hier mache ich mir für die Präsidentschaftswahlen in Frankreich die meisten Sorgen. Ich höre eine leise, heimtückische Musik, die gefährliche Ideen in die Ohren der Wähler flüstert. Nicht nur im Rechtsaußenlager, das schon immer den Unterschied zwischen Nation und Vaterland, Souveränität und Freiheit, dem Gemeinwohl und Nabelschau durcheinander gebracht hat. Nein, diese leise, beunruhigende Melodie erklingt überall, so als seien wir ein alt gewordenes Land, erschöpft und rückwärtsgewandt, ein Land, das schon alles gesehen hat, verschlissen ist, miesepetrig und sich feindselig gegen jeden Versuch neuer Einsichten stemmt. Dazu kommt, lieber Willi, dass die elf Kandidaten, die da zur Wahl stehen, uns auch nicht gerade freudig zu den Urnen eilen lassen. Da gibt es wenige Ideen oder gar keine. Persönliche Angriffe, „Affären“, Lügen – oder wie man heute sagt: „Postfaktisches“, denn die Politik gibt sich heutzutage mit vielem zufrieden. Die sozialen Netzwerke richten ihre üblichen Schäden an, ohne jede Aufsicht, und die französische Presse, sagen wir es offen, ist wahrlich nicht auf der Höhe. Meine Kollegen sind überlastet, überfordert von den Ereignissen, von den kleinen wie von den großen. Ich wünschte mir, die Medien würden ihren Nutzern, also den Wählern, die Inthronisierung einer 6ten Republik als das nationale Unglück vermitteln, das sie wäre. Ich wünschte mir, sie würden den geschichtsvergessenen Franzosen den Verdruss eines impotenten Regimes beschreiben, das korrupt ist und den Parteien ausgeliefert. Ich wünschte mir, dass ebendiese Medien die Geschichte der europäischen Einigung anders erzählten, ohne die immer gleiche Kritik an der Brüsseler Bürokratie. Ich wünschte mir, dass wir an jedem Tag, den der Herrgott schafft, vom Frieden redeten. Zum Beispiel von dem zwischen Frankreich und Deutschland. Und davon, dass dieser Frieden kein vom Himmel gefallenes Geschenk ist, sondern das Werk mutiger, visionärer Politiker. Das aktuelle Hätschelkind der Umfragen heißt Emmanuel Macron. Es sind nicht seine konkreten Projekte, die den Franzosen gefallen, denn die Umrisse seines Programms sind noch sehr verschwommen. Aber er ist jung, sieht gut aus, und ganz offensichtlich würde man ihm die Schlüssel zum Hause Frankreich lieber anvertrauen als Marine Le Pen. Reicht das, um Präsident der französischen Republik zu werden? Bräuchte es da nicht eines tieferen Verständnisses für die Geschichte, unsere Kultur und das, was man den Kampf der Kulturen nennt? Im Grunde genommen, lieber Willi, und ich muss ja den Tugendwächtern nicht gefallen, würde ich mir wünschen, dass es ein bisschen mehr wirkliche Politik und ein bisschen weniger „Moral“ in dieser Wahlkampagne gäbe. Jean Luc Hees Mon cher Jean Luc, Du hast Recht, es ist wohl kein Zufall, dass wir Freunde wurden. Wir sind beide kurz nach dem Krieg 1951 geboren und es ist uns sehr bewusst, dass unsere Väter noch Feinde waren. Der junge Leutnant Steul war sogar eine Zeit in der Normandie, in der dein Vater eine Gruppe der Resistance führte. Es bleibt für uns beide ein emotionaler Moment, als „Oncle Hubert“, wie du den fast 90-jährigen Resistance-Kameraden deines verstorbenen Vaters nennst, mir ein großes Glas Calvados mit den Worten servierte: „Auf dich, mon petit, ein großes Geschenk, dass ich heute mit dir trinken kann. Auf den letzten Deutschen, den ich gesehen habe, auf den habe ich noch geschossen.“ Wir sind, lieber Jean Luc, sicher auch deshalb Freunde geworden, weil wir beide in vielen Jahren als Korrespondenten die Welt gesehen haben. Gerade auch in Kriegen und in ihrem Elend und dabei die Großartigkeit unserer europäischen Kultur realisiert haben, aber auch die erschreckende Nabelschau unserer Gesellschaften. Ich lese in deinem Brief eine Melancholie, die ich teile und ich kämpfe dagegen. Ja, auch ich vernehme diese „kleine heimtückische Musik“, wie du so wunderbar formulierst, die sich da als Ohrwurm bei den Menschen festsetzt. Ich höre sie auch in Deutschland. Diese Flötentöne des Egoismus, die aus diffusen Ängsten erwachsen. Ich sehe zu viele, die das Geschenk Europa auf den schnellen Grenzübergang und das Billigflug-Ticket nach Riga reduzieren. Ja, auch ich verzweifle gelegentlich an unserer eigenen journalistischen Klasse, die hinter der wohlfeilen Kritik am Brüsseler Bürokratiemonster die grandiose Vision aus den Augen verliert. Du hast völlig Recht, auch die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Werk von Politikern mit Mut und Visionen. Die erhalten sie aber nicht alleine, mein Lieber, das braucht auch uns Journalisten, ja uns alle. Und da sehe ich seit Kurzem Großartiges. Ich war am Sonntag in Berlin auf dem Gendarmenmarkt. Hier wie auch anderswo demonstrieren jeden Sonntag viele Menschen plötzlich für Europa! Ich mache mir auch keine wirklichen Sorgen um unser geliebtes Frankreich. Es ist zwar atemberaubend, wie sich da ein politisches Establishment selbst zerlegt. Ja, was das „Hätschelkind der Umfragen“, Emanuel Macron, wirklich gestalten kann, das wissen wir noch nicht. Aber er weckt Hoffnungen. Und euer gesunder republikanischer Reflex wird das Desaster einer 6ten Republik einer Präsidentin Marine Le Pen schon verhindern. Kopf hoch, mein alter Freund. Willi Steul Jean Luc Hees, von 2009 bis 2015 Intendant von Radio France Ne me quitte pas Willi Steul, seit 2009 Intendant von Deutschlandradio


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