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azrepo.12 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 12 Dienstag, 25. Juli 2017 Es liegt an uns, das Erbe zu pflegen Die deutsch-französische Freundschaft aus Sicht des Rheingauer Malers Michael Apitz. Karikatur: Michael Apitz Den europäischen Gedanken leben Cher Jean-Yves, alle reden über den besorgniserregenden Zustand Europas. Ja, es gibt sicherlich Anlass genug, sich Sorgen zu machen: Brexit, Terroranschläge, Migration und nationale Eitelkeiten gepaart mit individuellem Verhalten in einer elektronischen Schnäppchengesellschaft können ratlos machen. Ratlosigkeit ist aber kein guter Ratgeber für die Zukunft. Gerade jetzt gilt es, die Grundlage für eine gute Zukunft zu schaffen und zu erhalten. Raumfahrt ist dazu in besonderem Maße geeignet. Nachdem wir uns im Moment wohl von dem Gedanken von „United States of Europe“, also den Vereinigten Staaten von Europa, auf absehbare Zeit verabschieden müssen, können wir jedoch zugleich „United Space in Europe“, das heißt intensive Zusammenarbeit in der Raumfahrt nutzen, um einen Beitrag für den Erhalt und die Weiterentwicklung Europas zu leisten. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA ist ein gutes Beispiel für den Wert und die Kraft des Europäischen Geistes: Bisher hat nicht nur kein Mitgliedsstaat den Willen geäußert, diese zwischenstaatliche Organisation zu verlassen, sondern wir haben sogar über Europa hinaus Beitritts- und Kooperationswünsche zu verzeichnen. Unsere beiden Heimatländer Frankreich und Deutschland sind als die stärksten Beitragszahler der ESA Motoren einer funktionierenden europäischen Kooperation. Der Geist dieser Kooperation lässt sich an konkreten, faszinierenden Projekten wie Rosetta, aber auch durch das Europäische Astronautenkorps mit Astronauten aus vielen europäischen Ländern festmachen. Raumfahrt ist heute Infrastruktur, zum Beispiel Erdbeobachtung für die Wettervorhersage, Satellitennavigation und Telekommunikation, ist aber auch in der Lage, durch Missionen am Rande der Machbarkeit, Menschen aller Altersgruppen zu motivieren, Zukunftsträume zu haben. Das ist es, was unsere Gesellschaft braucht, um den berechtigten Sorgen Hoffnungen und Mut gegenüberzustellen. Lieber Jean-Yves, in diesem Verständnis freue ich mich darauf, mit dir gemeinsam den europäischen Gedanken weiter zu leben und zu kommunizieren. Amicalement Jan Lieber Jan, die Nachrichtenlage der letzten Monate konnte bisweilen Zweifel an der Relevanz des europäischen Einigungswerks und am Platz Europas in der Welt zwischen den Ambitionen der aufstrebenden Länder und dem Machthunger der Vereinigten Staaten wecken. Wenn es indes einen Sektor gibt, in dem Europa keinerlei Anlass hat, sich seiner Errungenschaften zu schämen, dann den der Raumfahrt, und man kann sich mit Recht die Frage nach den Gründen für diesen Erfolg stellen. Es sind derer drei: erstens die Überzeugung der politischen Entscheidungsträger Europas, dass die Raumfahrt wichtig ist und uns in die Lage versetzt, „bei den Großen mitzuspielen“; deutlich wurde dies einmal mehr angesichts des Erfolgs der Konferenz von Luzern, auf der Europa Mittel in Höhe von 10,3 Milliarden Euro bewilligt hat; zweitens starke und organisierte Weltraumorganisationen – die ESA in Europa, das CNES in Frankreich, das DLR in Deutschland –, die imstande sind, diese Programme zu gestalten und zu leiten und auf europäischer und weltweiter Ebene zusammenzuarbeiten, um die Kosten, aber auch den Nutzen zu teilen; und drittens eine Raumfahrtindustrie der weltweiten Spitzenklasse, die mit den öffentlichen Organisationen Hand in Hand arbeitet und es versteht, sich zu organisieren, sich weiterzuentwickeln und Innovationen hervorzubringen. Die Ergebnisse sind spektakulär. Auf politischer Ebene ist die ESA nach der Nasa die zweitgrößte Weltraumorganisation der Welt, das CNES ist heute die Raumfahrtagentur mit den meisten internationalen Kooperationsvorhaben, und das DLR geht bei Forschung und Entwicklung und der Vorbereitung der Zukunft voran. Auf der Ebene der Programme sind die Ergebnisse ebenfalls deutlich sichtbar: Mit der Ariane haben wir seit 35 Jahren einen Träger, um den uns die Welt beneidet, Rosetta und Philae haben eine Fülle wissenschaftlicher Daten hervorgebracht, die Copernicus Satelliten sorgen für die laufende Überwachung der Entwicklung unseres Planeten, und dank seiner Leistungen entwickelt sich Galileo gerade zum besten Ortungssystem der Welt. Aber diese Ergebnisse bedeuten vor allem mehrere Zehntausend hochqualifizierte Arbeitsplätze überall in Europa und ein beinahe zweistelliges Wachstum. Insgesamt zeigt Europa, dass es dank entschlossener politischer Ambitionen, die durch innovative und von Inspiration geleitete und auf eine Industrie von Weltrang gestützte öffentliche Einrichtungen umgesetzt werden, bei entsprechendem Willen in der Lage ist, Großes zu leisten. Lieber Jan, 50 Jahre Raumfahrtpolitik haben das Beste in Europa zutage gefördert. Es liegt an uns, dieses Erbe zu pflegen und vor allen Dingen zu nutzen. Mit herzlichen Grüßen Jean-Yves Jan Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) Ne me quitte pas Jean-Yves Le Gall, Präsident des Centre national d’études spatiales (CNES)


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