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azrepo.11 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 11 Dienstag, 25. Juli 2017 Foto: nata777_7-Fotolia Freiheit in Vielfalt Einheit in Freundschaft Wir haben gemeinsam Cher Frédéric, Frankreich steht vor entscheidenden Wahlen – auch in Deutschland wird im September gewählt. Angesichts von Euro-Krise und Brexit wird sich Europa im Anschluss an die Wahlen neu erfinden müssen. Müssen wir uns Sorgen machen? Ich hoffe nicht. Seit 2011 arbeiten wir gemeinsam an einem Forschungsprojekt zur Geschichte der politischen Korruption in Frankreich und Deutschland – ein Thema, das immer aktueller wurde! Wir haben gemeinsam viel gelernt in dieser Zeit. Wir haben erfahren, welche unterschiedlichen Umgangsformen unsere beiden Länder mit Korruption und mit „Faveurs“ in den letzten zweihundert Jahren entwickelten. Wir haben aber auch gelernt, wie das Problem beide Gesellschaften ganz ähnlich betraf: In der preußischen Verwaltung gab es ebenso dichte Netzwerke wie in der französischen; Korruptionsskandale gab es im Kaiserreich genauso wie in der französischen Dritten Republik. Sehr viel haben wir über die unterschiedlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Stile in unseren Ländern erfahren. Wir haben gut daran getan, unsere Diskussionen in Französisch und Deutsch zu führen, anstatt auf das Englische auszuweichen. So haben wir am meisten voneinander gelernt. Aus einer kleinen Gruppe ist mittlerweile eine größere Mannschaft geworden, mit Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Ländern der EU und darüber hinaus. Ich wünsche mir, dass es in der großen Politik ähnlich wird – Deutschland und Frankreich bauen gemeinsam am neuen Europa. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es so kommt. Vous ne nous quittez pas! Amicalement Jens Ivo Lieber Jens Ivo, die französische Gesellschaft befindet sich in einer lang anhaltenden Krise: Seit April 2002, als sich J. M. Le Pen und J. Chirac in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen gegenüberstanden, wankt und bebt die politische Landschaft Frankreichs. Heute erleben wir vor dem Hintergrund der Korruptionsvorwürfe eine neue Episode. Unsere Forschungsprogramme seit 2011 haben uns gelehrt, diese Frage besser zu verstehen. Du hast recht, wir haben bewiesen, dass sich die Phänomene der Gefälligkeiten auf beiden Seiten des Rheins ähneln. Bei der Untersuchung der einzelnen Geschichten haben wir immer mehr gemeinsame Entwicklungen entdeckt. Dies gilt auch für die mediatisierten Skandale, die es Ende des 19. Jahrhunderts in unseren beiden Ländern gab. Ihre Kraft ist wechselnd und in bestimmten Fällen, wie bei der Weimarer Republik oder der Dritten Republik, bewirken sie eine tief greifende Destabilisierung der politischen Systeme. Unsere Untersuchungen zeigten auch, dass sich die Ähnlichkeiten mit heutigen Ereignissen in Grenzen halten. Diese Projekte waren damals, und sind es heute noch, ein schönes menschliches Abenteuer. Dadurch durften wir uns mit jungen Kollegen und erfahrenen Wissenschaftlern austauschen, und unsere anfänglichen Hoffnungen wurden sogar noch übertroffen. Zu unserer großen Überraschung interessierten sich auch Historiker aus anderen Ländern für diese Untersuchungen, und unsere Vorschläge wurden von einem europäischen Team als wissenschaftliche Diskussionsgrundlage verwendet. Hoffen wir, dass dies auch auf politischer Ebene der Fall sein wird und dass unsere beiden Länder der Europäischen Union auch nach diesen Wahlen in Frankreich und in Deutschland dabei behilflich sein können, sich neu zu erfinden. Der Kurs steht fest: Wir verlassen euch nicht. Mit herzlichem Gruß Frédéric Jens Ivo Engels, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt Ne me quitte pas viel gelernt Ähnlichkeiten auf beiden Seiten des Rheins Frédéric Monier, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Avignon Cher collègue, vor 60 Jahren begann mit den Römischen Verträgen die europäische Integration. Im September 1962 stand ich als Junge auf dem Bonner Marktplatz und hörte begeistert den Ausruf Charles de Gaulles: „Es lebe die deutschfranzösische Freundschaft!“ Dieser Gedanke war fortan fester Bestandteil meines Lebens. Im Studium genossen wir von Freiburg aus die Nähe des Elsass. Immerhin mussten wir noch eine Grenze überqueren und sorgfältig darauf achten, dass wir zuvor das deutsche in französisches Geld umgewechselt hatten. Europarecht und deutsch-französische Rechtsvergleichung waren in meinem Studium noch Orchideenfächer, die eher am Rand ein Dasein fristeten. Welche Entwicklung haben die europäische Einigung und die deutsch-französische Freundschaft doch seither genommen! Heute genießen alle Europäer Freizügigkeit und weitere Grundfreiheiten in einem riesigen Gebiet. Die Grundrechte sind über die nationale Ebene hinaus in der Charta der europäischen Grundrechte und der Europäischen Menschenrechtskonvention gewährleistet. Im europäischen Binnenmarkt genießen wir nicht nur eine ungeheure Vielfalt des Angebots, sondern auch einen ständig steigenden Verbraucherschutz. Das Europarecht ist heute eine übergreifende Rechtsordnung, die nicht nur jedem Studenten geläufig ist, sondern auch von Europarechtlern wie Ihnen ständig fortentwickelt wird. Wir zahlen in gleicher Währung und merken nicht einmal mehr, wenn wir Staatsgrenzen überqueren. Dies alles hätten wir vor 60 Jahren gewiss nicht in den kühnsten Träumen erhofft. Da mag man es kaum glauben, dass im Zusammenhang von Europa heute mehr von Krise als vom Erfolg die Rede ist. Engstirnige Nationalisten und andere Demagogen wollen am liebsten Europa ins 19. Jahrhundert zurückbefördern. Wissen diese nicht, was alles auf dem Spiel steht? Europa ist ohne Frankreich nicht denkbar. Lassen wir nicht zu, dass es zu einer solchen Entwicklung kommt. Es ist auch Aufgabe der Wissenschaft, der praktisch tätigen Juristen und der Hochschullehrer, das Erreichte zu bewahren und fortzuentwickeln. Nicht im Sinne bürokratischer Erstarrung, sondern vielleicht flexibler als bisher, näher an den Menschen, Vielfalt betonend, nicht beseitigend. Tragen wir gemeinsam dazu bei, dass die Schulen und Hochschulen in Deutschland und Frankreich weiterhin lebendiger Kern einer sich immer weiter entwickelnden Europäischen Union bleiben, damit nicht all das gefährdet wird, was in den vergangenen 60 Jahren erreicht wurde. In herzlicher Verbundenheit Friedhelm Hufen Lieber Kollege, Ihr Brief hat bei mir emotionale Erinnerungen aus der Familie hervorgerufen – vor allem Gespräche, die ich mit meiner Großmutter geführt habe. Ihr Leben spiegelt die Geschichte der europäischen Integration. In Hamburg 1915, also im 1. Weltkrieg, geboren, hat sie die Krise von 1929 und die Machtergreifung Hitlers als junges Mädchen erlebt. In Berlin überstand sie den 2. Weltkrieg und gebar 1941 und 1942 zwei Töchter, die zweite – meine Mutter – mitten in der Nacht während eines Bombenangriffs im Luftschutzkeller. Aus Angst vor der Roten Armee floh sie 1944 mit den beiden Kindern zu Fuß in die Schweiz. Auch wenn ich diese Periode nicht selbst miterlebt habe, klingt sie doch seit meiner Kindheit wie eine eigene Erinnerung nach, und ich weiß, welch hohen Preis für die Menschheit Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Menschenrechtsverletzungen und die Abkehr einer Nation fordern. Ich weiß, dass Gemeinsamkeit statt Teilung, Zusammenarbeit statt Gegnerschaft, Gewährleistungen statt Verletzungen der Menschenrechte von grundlegender Bedeutung für die Bewahrung des Friedens und der demokratischen Ordnung sind. So wie Sie sich an den Staatsbesuch de Gaulles in Bonn am 4. September 1962 erinnern, ist mir der Abend des 9. November 1989 lebhaft in Erinnerung, als wir in unserem alten Fernseher sprachlos, aber glücklich die Öffnung der Berliner Mauer sahen. Heute ist Europa nicht nur ein abstraktes Konzept, sondern eine wirkliche Einheit. Dank der Europäischen Union können wir uns in ihrem gesamten Gebiet frei bewegen und in allen Ländern studieren und arbeiten. Unsere Menschenrechte sind dank des Europäischen Menschrechtsgerichtshofs anerkannt und geschützt. Der Europäische Gerichtshof sorgt dafür, dass sich europaweit Verfassungsprinzipien und Bürgerrechte festigen. All das wäre nicht geschehen ohne den festen deutsch-französischen Willen, die Zeit der historischen Gegnerschaft hinter sich zu lassen und sich einer dauerhaften Freundschaft zu öffnen. Von den Pariser Verträgen über den Élysée-Vertrag, die römischen Verträge bis zu den Verträgen von Maastricht und Lissabon war die Kooperation von Deutschland und Frankreich stets Motor und Markstein der Konstruktion Europas. Europa ist Teil unseres Lebens, und die deutschfranzösischen Beziehungen sind Teil des Lebens Europas. Man kann das eine heute nicht infrage stellen, ohne das andere zu zerstören. Das Risiko ist zu groß, die dunkelsten Stunden unserer Geschichte wiederzubeleben. Im Gegenteil: Deutschland und Frankreich müssen weiter Hand in Hand gehen, wie dies Helmut Kohl und François Mitterand am 22. September 1984 in Verdun taten, um Europa zu stärken, denn dieses Europa kann im Hinblick auf Demokratisierung, Übersichtlichkeit und Effizienz durchaus noch gewinnen. Unsere Geschichte hat uns gelehrt, was auf dem Spiel steht, wenn Risse im europäischen Gebäude entstehen. An uns ist es, als Professoren und Wissenschaftler das zu unterrichten, was Partnerschaft, Zusammenarbeit und Freundschaft aufzubauen imstande sind. In freundschaftlicher Verbundenheit Jean-Philippe Derosier Friedhelm Hufen, Professor für öffentliches Recht an der Uni Mainz Ne me quitte pas Jean-Philippe Derosier, Staatsrechts- Professor an der Universität Lille


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