Page 10

20170724_nemequittepas

azrepo.10 (#nemequittepas) #NEMEQUITTEPAS 10 Dienstag, 25. Juli 2017 Foto: nata777_7-Fotolia Der Gedanke des Teilens ist ein guter Austritt würde Probleme doch nur verschlimmern Lieber David, nur noch wenige Wochen bis zur Wahl in Frankreich. Die vergangenen Wahlen, wie die Entscheidung um den Brexit und die Wahl in den USA, zeigen, dass Aussagen von Meinungsforschern und Umfragen nur noch bedingt zu glauben ist. Was ist dein Gefühl, wie ist die Stimmung im Land? Sind wirklich so viele Menschen gegen den Euro, gegen die Europäische Union? Was entgegnest du diesen Menschen? Ich sehe so viele Vorteile in der EU. Allein die Tatsache, dass wir uns einfach so schreiben, ja sogar einfach treffen könnten, haben wir der EU zu verdanken. Du könntest mich in Deutschland, ich könnte dich in Frankreich besuchen, ohne Grenzkontrollen, ohne lange Wartezeiten auf Ämtern, um eine Einreiseerlaubnis zu bekommen. Ich hatte mal eine Freundin, deren Freund in Paris gelebt hat. Das war eine Wochenendbeziehung, die über Ländergrenzen hinweg ging. Aber dank der europäischen Reisefreiheit war das alles kein Problem. Auch wenn die EU ein großes Konstrukt ist, bürokratisch und oft behäbig, so ist sie doch für viele Vorzüge, die wir genießen, ohne sie noch recht als solche wahrzunehmen, verantwortlich. Darüber hinaus, und das ist doch eigentlich das Wichtigste, wie ich finde, leben wir dank der EU seit Ende des Zweiten Weltkriegs – und damit so lange wie noch nie zuvor – in Frieden. Ich bin mir sicher, ohne die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der ersten Vereinigung, über die unsere beiden Heimatländer Frankreich und Deutschland sich wieder nähergekommen sind, würden wir heute nicht in dem Wohlstand und Frieden leben, in dem wir leben. Wie siehst du das? Ich weiß, dass die Arbeitslosenzahl in Frankreich – gut 3,5 Millionen Franzosen haben keinen Job – weit höher ist als in Deutschland. Aber ein Ausstieg aus der EU würde die wirtschaftlichen Probleme nur noch verschlimmern. Was meinst du? Ich freue mich, von dir zu hören. Viele Grüße Amelie Wir müssen die Union mit Leben füllen! Liebe Amelie, wie es in Großbritannien und sogar in Deutschland angesichts des Erfolgs der AfD der Fall ist, ist auch Frankreich nicht vor dem Gefühl des Misstrauens gegenüber der EU gefeit. Viele Menschen denken, dass die Europäische Union von ihren alltäglichen Sorgen weit entfernt sei, obwohl sie die EU Tag für Tag selbst leben. Aber jedes Mal, wenn sie die Grenzen überqueren, bestimmte Produkte konsumieren oder Geschäftsbeziehungen führen, haben sie es mit den Errungenschaften der EU zu tun. Ich selbst bin in Lothringen aufgewachsen, einer Region, in der die Grenzen Frankreichs, Deutschlands, Luxemburgs und Belgiens aufeinandertreffen. Genauso wie du sehe ich auch, in welchem Maße die EU die Dinge verändert hat und dass dies viele Vorteile mit sich bringt. Allerdings ist es wahr, dass die europäischen politischen Institutionen weit entfernt vom Bürger zu sein scheinen. Die Art, wie sie ihre Entscheidungen treffen, bleibt sehr unklar. Dies verhindert sicherlich eine stärkere Bindung an die EU. Dennoch bleibe ich optimistisch. Seit Beginn des europäischen Abenteuers ist trotz allem bei den Bürgern der gesamten Europäischen Union ein wichtiges Gefühl entstanden. Sie wollen nicht auf ihre Zugehörigkeit zu Europa verzichten. Es liegt an uns, die europäische Bürgerschaft zu entwickeln und die Union mit Leben zu füllen. In meinen Augen ist die Union nicht einfach nur eine Wirtschaftsunion mit einem Binnenmarkt und einer gemeinsamen Währung, dem Euro. Du hast sicherlich recht, Amelie, ein Austritt aus der Europäischen Union würde die wirtschaftlichen Probleme Frankreichs nicht lösen. Die EU zu verlassen würde bedeuten, ein politisches Projekt aufzugeben, das Frauen und Männer, die einst Feinde waren, in Mitbürger verwandelt hat, die ein gemeinsames Schicksal teilen. Dieses gemeinsame Schicksal ist für mich der Sinn der Europäischen Union! G rüße David Amelie Heß, ehemalige Volontärin der VRM Ne me quitte pas David Poinsignon, Student aus Caen in der Normandie Lieber Olivier, erinnerst du dich noch, wie wir uns kennengelernt haben? Die Welt ist plötzlich so klein geworden, es gab den Chat ICQ, und ich war auf der Suche nach jemandem, mit dem ich auf Französisch schreiben kann. Und dann warst da du. Wir leben eigentlich im selben Land, es heißt Europa. Ich weiß, dass es nicht genau dasselbe Land ist, aber trotzdem, es ist derselbe Kontinent und wir sind miteinander verbunden. Wie traurig es doch wäre, wäre es anders, findest du nicht? Wir haben dieselbe Währung, teilen europäische Gesetze, ich könnte in Frankreich wohnen und du in Deutschland. Ich weiß, dass Europa Probleme hat. Es ist kompliziert, weil es ein kompliziertes System ist und es nicht jeder gut meint, Menschen unterschiedliche Interessen verfolgen. Aber am Ende sollte doch der beste Kompromiss das Ziel sein, oder? Stell dir mal vor, Frankreich würde die Europäische Union verlassen. Es ist kein Zufall, dass sie „Union“ genannt wird. Wir sind vereint, nicht getrennt, Deutschland gehört zu einer Familie mit 27 Mitgliedern, wie auch Frankreich. Wir können zusammen an denselben politischen Idealen arbeiten, ärmere Länder können von reicheren profitieren, wir sorgen füreinander. Wir können sogar unsere Güter zollfrei exportieren. Was wiederum bedeutet, dass diese Güter günstiger verkauft werden können. Ich mag diese Idee. Man nennt sie „teilen“. Die Wirtschaft kann so wachsen, was mehr Arbeitsplätze und weniger Arbeitslosigkeit bedeutet. Ich erinnere mich daran, als wir in der Schule über die EU gesprochen haben. Meine Lehrerin meinte, dass es darum gehe, Diskrepanzen abzubauen, um einen einheitlichen Standard zu haben, Wohlstand, ein gutes Bildungssystem und so weiter. Was denkst du denn über die Beziehung unserer Länder und über die EU? Ich mag den Gedanken nicht, dass wir eines Tages getrennt sein könnten. Ich wünsche dir einen wunderbaren Tag, Olivier, und freue mich, bald von dir zu hören! Liebe Grüße Lisa Liebe Lisa, natürlich erinnere ich mich daran, wie wir uns kennengelernt haben. Das Internet gab es da noch nicht so lang. Wenn ich daran denke, ruft das einige gute Erinnerungen in mir hervor, weil ich damals auf der Suche nach Freunden auf der ganzen Welt war. Und dann tauchst du auf, aus dem Nichts. Also, so wie ich es sehe, empfinde ich mich als europäischen Bürger, sogar mehr als französischen. Warum? Weil ich finde, dass Europa uns dazu gebracht hat, Kultur und Wissen auszutauschen, zwischen allen Leuten auf diesem Kontinent. Es wäre traurig, aus dieser Union auszusteigen. Wichtiger als die Gesetze und die Währung finde ich die Freundschaft und die Unterschiede. Wir haben es so weit gebracht, dass wir unsere Erfahrungen austauschen können und in Europa herumreisen können wie in einem zusammenhängenden Land. Im Moment sind einige Leute wirklich nicht froh über die Situation in Frankreich. Ich glaube, dass wir manche Dinge erst mal regeln müssen, um da einen Weg rauszufinden. Aber feststeht: Die Union zu verlassen ist kein Weg. Ich weiß, dass es sehr schwierig ist, nicht an unsere persönliche Situation zu denken, wenn die Stimmung gerade nicht auf dem Höhepunkt ist. Aber unsere Politiker sollten lernen, zusammenzuarbeiten. Ich glaube, wir haben immer noch Luft nach oben, was eine gemeinsame Sprache angeht etwa, dann wäre die Bürokratie einfacher. Und ich finde, dass Frankreich und Deutschland eine sehr enge Beziehung seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, das ist super. Wir sollten mehr Gesetze teilen, das könnte unsere Perspektive erweitern. Ich mag den Gedanken nicht, dass Frankreich die Union verlassen könnte. Deswegen sollten wir alle daran arbeiten, dass wir einfach ein Land bleiben können. Jeder Einzelne von uns kann sein Bestes oder sein Schlechtestes dazu beitragen. Ich freue mich darauf, dich bald mal wieder zu sehen. Liebe Grüße Olivier Lisa Maucher, Redakteurin aus Mainz Ne me quitte pas Wir haben es weit gebracht Olivier Le Huu Nho, IT-Spezialist aus Paris


20170724_nemequittepas
To see the actual publication please follow the link above