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Samstag, 22. April 2017 MENSCH & GLAUBE(N) 9 Ein Ringen um die Wahrheit Martin Luthers Leben ist eine Biografie der großen Schritte: Vom Juristen zum Theologen. Vom Mönch zum Familienvater. Von der Pflicht, gute Werke zu tun, um vor Gott gerecht zu erscheinen, hin zur Erkenntnis, dass allein die Gnade Gottes zählt. Von der lateinischen Messe zum evangelischen Gottesdienst auf Deutsch. Von der katholischen Kirche zum Protestantismus. Vom Gläubigen, der die Kirche als Heilsvermittlerin braucht, zum denkenden Individuum – und damit letztlich vom Mittelalter zur Moderne. Martin Luther hat, was er gemacht hat, intensiv gemacht“, sagt Dr. Christian Ferber, Leiter des Darmstädter Reformationsbüros der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). „Er war eine faszinierende Persönlichkeit und ein exzellenter Gelehrter, doch zugleich einer, der zwischen selbstbewusstem Auftreten und immer wieder tiefen Selbstzweifeln hin- und hergerissen war“, zeichnet der promovierte Pfarrer eine Linie, die alles andere als geradlinig verläuft. Einen Lebensweg, den ein existenzielles Ringen um die Wahrheit und den rechten Glauben prägte. Der Schritt zur Theologie 1483 in Eisleben im Mansfelder Land geboren, schlug Martin Luther zunächst den vom Vater vorgegebenen Weg ein, besuchte Schulen in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, konnte am Ende seiner Schullaufbahn fließend Latein. Sein Studium in Erfurt, das er 1501 aufnahm, umfasste, wie damals üblich, zunächst die „Septem Artes Liberales“: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Nach dem Magister Artium begann Luther 1505 ein Jurastudium. Die Wende kam am 2. Juli desselben Jahres: Nach einem Besuch bei seinen Eltern in Mansfeld wurde der 21-Jährige bei Stotternheim von einem schweren Gewitter überrascht. In Todesangst rief er zur Heiligen Anna, der Mutter Marias, und gelobte, Mönch zu werden, sollte er überleben. Nur zwei Wochen später trat er ins Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein, wo er streng nach den Ordensregeln lebte. 1507 wurde er zum Diakon und schließlich zum Priester geweiht. Der Schritt zur Erkenntnis Was blieb, waren große Gewissensnöte und die Frage nach dem gnädigen Gott. Was folgte, war eine intensive Lektüre der biblischen Schriften. 1508 begann der inzwischen 25-Jährige ein Theologiestudium in Wittenberg. Im berühmt gewordenen Turmzimmer des Augustinerklosters studierte er die Psalmen im Alten und die Briefe des Apostels Paulus im Neuen Testament. Die Erkenntnis aus dem Römerbrief, Kapitel 1, Vers 17, dass die Gerechtigkeit Gottes allein aus dem Glauben erwächst, beschrieb Luther selbst als Erleuchtung, sie bedeutete eine Wende um 180 Grad. Ob es „das“ Turmerlebnis tatsächlich gegeben hat oder ob die Erkenntnis in einem längeren Prozess gereift ist, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. „Es wird aber wohl irgendwann einen Erkenntnis Klick gegeben haben“, sagt Christian Ferber. „Jedenfalls fand er zu einem fundamental anderen Gottesbild, das ihn zeitlebens geprägt hat.“ Für Luther war dies nicht nur Kopfsache, sondern eine existenzielle Frage. Der Schritt in die Öffentlichkeit Die Erkenntnis veränderte Luthers Blick auf die Theologie seiner Zeit – und führte letztlich zu den 95 Thesen, welche die kirchlichen Grundfesten erschütterten. Die Kirche galt als alleinige Vermittlerin des Heils, stand sozusagen zwischen dem Gläubigen und Gott. „Was in den Konzilien oder von den Päpsten per Dekret festgelegt wurde, hatte denselben Offenbarungsrang wie die Heilige Schrift“, erklärt Ferber. Für die Zeitgenossen Luthers war das Bild des gerechten Gottes gerade im Angesicht von ganz alltäglichen Bedrohungen wie Krankheit und Tod stets präsent, ebenso die Frage, was der Mensch zu seiner Rechtfertigung tun kann. Und dann kam da ein Martin Luther, der predigte, der Mensch könne allein durch den Glauben an die Gnade Gottes bestehen. Wenn das stimmte, dann bräuchte es die Kirche in dieser Form nicht, dann gäbe es niemanden, der näher dran oder weiter weg stünde! Allein in der Taufe manifestierte sich dann die Schuld vergebende Nähe Gottes zum Menschen! Das daraus resultierende Priestertum aller Gläubigen – es war so etwas wie eine geistliche Basisdemokratie im ausgehenden Mittelalter. Es bildete folglich den Grundkonflikt Luthers mit dem Papst und anderen Klerikern. Mit den berühmt gewordenen 95 Thesen wider den Ablasshandel, die Luther im Oktober 1517 unter anderem an den Mainzer Erzbischof schickte und die schon vor ihrem möglichen Anschlag an die Tür der Schlosskirche unter den Gelehrten diskutiert wurden, erreichte der inzwischen promovierte Theologe erstmals eine breite Öffentlichkeit. Der Schritt zur Verantwortung Die 1520 verfasste Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ist für Luthers Theologie von zentraler Bedeutung. Spannend sei hier der doppelte Bezug, analysiert Ferber: der Blick auf Gott – coram deo – und der davon nicht zu trennende Blick auf die Welt – coram mundo. „Es gibt hier zwei Wirklichkeitsebenen: Der Mensch ist vor Gott frei – die Gnade macht ihn zum freien Herrn aller Dinge. Das ist der innere Freiheitsraum.“ Eben diese Freiheit binde aber den Menschen nach außen und mache Von Christine Bausch Geburt in Eisleben Eltern Hans und Margarethe Luther Martins Vater war Bauer, Bergmann, Minenbesitzer und später Ratsherr. Schulbesuch Mansfeld, Magdeburg, Eisenach Studienbeginn in Erfurt Weihe zum 10.11.1483 ab 1490 1501 1505 1507 1511 1512 1517 1520 1521 1523 1525 1530 1534 18.02.1546 Gewitter-Erlebnis Stotternheim in Todesangst legt Luther das Gelübde ab, Mönch zu werden Priester Doktor der Theologie Anschlag der 95 Thesen über den Ablasshandel Hochzeit mit Katharina von Bora Das Paar bekommt sechs Kinder. Heute leben rund 2800 Nachkommen von Martin Luther und seinen vermutlich neun Geschwistern. Herausgabe der kompletten Bibel in deutscher Übersetzung Luther stirbt in Eisleben Turm-Erlebnis (1511-1513 oder um 1515 oder um 1518) Wendepunkt in der Theologie. Luther wird von der Erkenntnis getroffen, dass die Gerechtigkeit Gottes ein Geschenk der Gnade ist und dass der Mensch keine guten Werke tun muss, um vor Gott gut dazustehen. Ob die Entdeckung des „Sola gratia“ (Allein durch Gnade) ein singulärer Moment oder ein allmählicher Prozess war, ist in der Forschung umstritten. Entstehung der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ Reichstag zu Worms Luther weigert sich auf dem Reichstag in Worms, seine Lehre zu widerrufen: „Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ In der Folge wird er für vogelfrei erklärt. Auf dem Rückweg lässt ihn Friedrich der Weise entführen und unter dem Namen Junker Jörg auf die Wartburg in Sicherheit bringen. Binnen elf Wochen übersetzt Luther zunächst das Neue Testament ins Deutsche. Sein Ziel: biblische Inhalte allen Gläubigen zugänglich zu machen. Veröffentlichung Achtliederbuch Erstmals erscheinen Luther-Choräle (1523/24) Veröffentlichung eines evangelischen Gesangbuches Einige dieser Luther-Lieder: – Christ ist erstanden – Ein feste Burg ist unser Gott Luther tritt ab 1530 vorrangig als Seelsorger und Publizist auf, hält bis 1545 Vorlesungen in Wittenberg. Bauernkriege 1525/1526 Reichstag in Augsburg Luthers Anhänger wollen den protestantischen Glauben reichsrechtlich anerkennen lassen. Dazu verfasste Philipp Melanchthon das Glaubensbekenntnis „Confessio Augustana“. Grafik: VRM/kl, Fotos: dpa (8), Joachim Schäfer / Ökumenisches Heiligenlexikon (1), Quelle: Reformationsbüro der EKHN/Eigene Recherche Dieses wird von Kaiser Karl geduldet (1530). Fortsetzung auf der nächsten Seite Martin Luther als Mönch: Während eines Gewitters hatte er gelobt, Mönch zu werden, sollte er das Unwetter überleben. Zwei Wochen später trat er ins Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein. Foto: dpa


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