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Samstag, 22. April 2017 REFORMATION & RELIGION 8 Angst vor Terror, Überfremdung, sozialem Abstieg: Die evangelische Kirche muss hysterische Emotionalisierung beim Namen nennen. Räume schaffen, in denen Ängste angesprochen werden. Deutlich machen, dass es keine absolute Absicherung gibt. In einer digitalisierten Welt, in der immer seltener ganze Sätze kommuniziert werden, sollten gesellschaftliche Einrichtungen den Wert der Sprache beachten. Weil zum Reformationsjubiläum an die Anfänge erinnert wird, hat das evangelische Dekanat Bergstraße zu einem Thesen-Wettbewerb aufgerufen. Das Motto: „Hier stehen wir – wir können auch anders – Neue Thesen für unsere Zeit“. Kirche bedarf immer der Reform, sollte nie mit sich selbst zufrieden sein, sagt Dekan Arno Kreh. Was ist 2017 kritikwürdig? Was sind zentrale Gedanken zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung? Antworten sollten die „neuen Thesen für unsere Zeit“ geben. Eine Jury hat aus 111 Vorschlägen die besten zehn ausgewählt, wir haben sie in unserer Grafik zusammengefasst. 86 Einzelpersonen und Gruppen waren dem Aufruf gefolgt. „Die Resonanz hat uns überrascht und erfreut“, sagt Dekan Kreh. Die Bandbreite der Einsender, deren Namen anonym bleiben sollen, reiche von einer Grundschulklasse über Kirchenvorstände bis hin zu Seniorenkreisen. Neue Thesen seien zudem nicht allein aus dem Dekanat Bergstraße gekommen, sondern auch aus Weinheim, Wiesbaden und Mannheim. Und: „Thesen zur Aktualität der Reformationsgedanken sind eine ökumenische Herausforderung und gehen alle Christen etwas an. Das zeigt die Beteiligung etlicher Katholiken an unserem Wettbewerb“, erklärt Kreh. Auf Plakaten, in einer Broschüre und im Internet soll das „Best-Of“ publiziert werden. Die neuen Thesen stehen zudem an Pfingstsonntag, 5. Juni, im Zentrum eines Festgottesdienstes im Hof der Starkenburg bei Heppenheim. Der Gottesdienst beginnt um 15.17 Uhr. Die Starkenburger Pröbstin Karin Held wird in ihrer Predigt die Anregungen aufgreifen, die die Einsender formuliert haben. Sie war Vorsitzende der zehnköpfigen Jury, zu der unter anderem Landrat Christian Engelhardt, die Generalsekretärin des Internationalen Rats der Christen und Juden, Pfarrerin Anette Adelmann, der katholische Dekan Christian Stamm und der Schauspieler Walter Renneisen sowie Franziska Fertig und Steffen Wolff als Jugendvertreter gehörten. Neben den zehn ausgewählten Thesen wurden fünf weitere Vorschläge aufgegriffen, die entlang eines Thesenweges plakatiert werden. Der Thesenweg soll an Pfingsten hinauf- führen auf die Starkenburg. Dort wiederum werden Kinder mit Unterstützung des Alpenvereins die Burgmauer erklimmen, um eine „Kinderthese“ zu plakatieren. Viele Thesen, die nicht in die engere Wahl kamen, sorgten trotzdem für Gesprächsstoff. „Es soll auch Weihnachten, Nikolaus, Ostern in der Kirche gefeiert werden“, hieß es da. „Die Kirche soll lang sein und für die Leute extrem gemütliche Sitzplätze haben, war eine andere Forderung. Ob Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen in Wittenberg tatsächlich an die Kirchentür geschlagen hat, ist nicht gewiss. Unstrittig ist, dass die lateinisch abgefassten Gedanken zu den Grundfesten des Protestantismus gehören. Das Datum markiert den Beginn der Reformation. Von Bernd Sterzelmaier Soziale Herkunft entscheidet über berufliche Laufbahnen immer noch wesentlich mit. Deshalb muss sich die evangelische Kirche dafür einsetzen, dass der Zugang zu Bildung für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, offensteht. Der Furcht vor dem Fremden stellen wir die Vermittlung christlicher Inhalte gegenüber. Vertrautheit mit dem Eigenen macht sicherer im Dialog mit dem Anderen. Der freie Sonntag steht für die Würde des Menschen. Er zeigt uns, dass der Wert des Menschen sich nicht daran bemisst, wie viel er verdient, was er arbeitet, was er kauft oder verkauft. Diakonie sollte in der Öffentlichkeit zeigen, dass sie sich auf den christlichen Glauben gründet: Diakonie ist Christsein in der Öffentlichkeit. Die Kirche darf sich nicht auf den vermeintlich zurückziehen, sicheren Raum der Kerngemeinde sondern muss immer wieder den Weg nach außen suchen – und gemeinsam mit anderen Akteuren Raum für den öffentlichen Diskurs schaffen. Menschenverachtung anzuprangern und sich so mutig zum Anwalt der Menschenwürde für alle zu machen, dazu fordern wir die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland auf. Null Bock verändert nichts. Zeigt „Flagge“ für Frieden, Freiheit und Toleranz in unserer Gesellschaft! Protestiert gegen Ungerechtigkeit, Fanatismus und Radikalismus, aber lasst die Fäuste unten! Die Trennung der evangelischen und der katholischen Kirche beklagen wir und wünschen uns mehr Mut zum ökumenischen Zusammenwachsen: Uns ist die Einheit der Christen ein wichtiges Anliegen. Thesenanschlag 2017: Das Dekanat Bergstraße hatte aufgerufen, Denkanstöße für das Jetzt zu formulieren. Mehr als 100 Vorschläge gingen ein. Die zehn besten, zu sehen auf dieser Seite, werden nun diskutiert. Die Urheber bleiben anonym. „Wir können auch anders“


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