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Samstag, 22. April 2017 REFORMATION & RELIGION 6 Das war eher das Gegenteil der heutigen Kirchensteuer“, betont der Heppenheimer Rechtshistoriker Prof. Dr. Karl Härter zur damals neuartigen Finanzierung der evangelischen Kirche. 1555 gab der Augsburger Religionsfrieden den deutschen Landesfürsten nicht nur das Recht, über die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen. Der Kirchen-Kompromiss brachte den evangelischen Territorien auch das „Kirchenregiment“ und damit die Pflicht, ihre Pfarrer zu alimentieren. Bislang hatten diese als Besitzer von Land und Pfründen, als Empfänger des sogenannten Zehnten sowie Erbringer kirchlicher Dienstleistungen, allem voran Totenmessen, ausgesorgt. Das alles fiel weg, und fortan hatte der Fürst für den Pfarrer zu sorgen. In allen evangelischen Landen schwang sich der Landesherr zum Notbischof der neuen Kirche auf und baute eine staatliche Kirchenadministration auf. Evangelische Pfarrer waren damit Bedienstete des Landesherrn, der für ihre Besoldung sorgen und die gesamte Kirchenverwaltung aus allerhand Einnahmen finanzieren musste: Strafgelder und Gebühren zählten dazu, aber auch indirekte Steuern. Als Anschubfinanzierung diente die 1555 vereinbarte umfassende Verfügungsgewalt der Landesherren über kirchlichen Besitz. Vor allem die bis dato den katholischen Bischöfen zugeordneten Klöster weckten Begehrlichkeiten. Unverzüglich enteignete die evangelisch gewordene Kurpfalz das immer noch reiche Kloster Lorsch, unverzüglich löste die Herrschaft Breuberg im Odenwald das Kloster Höchst auf. Der „Höchster Klosterfonds“, den es immer noch gibt, diente zur Finanzierung der evangelischen Kirche – daraus wurden Pfarrergehälter bezahlt, Gebäude, Bildungseinrichtungen und die Armutsfürsorge. Selbst der Einzug kirchlichen Vermögens reichte vielerorts nicht für ein auskömmliches Wirtschaften, zumal das Geld auch weltlichen Zwecken zufloss. „Damit wurden sogar Kriege finanziert“, erklärt Karl Härter. Die katholische Kirche konnte dagegen nicht nur auf bewährte Verwaltungsstrukturen setzen, zumal einige der geistlichen Herren in Personalunion weltliche Herren waren. Ihre Finanzen fußten überdies weiterhin in erster Linie auf enormem Grundbesitz und vielen Abgaben. Um so härter traf sie der Schlag, als 1803 mit dem „Reichsdeputationshauptschluss“ das kirchliche Vermögen eingezogen, Territorien und Bevölkerung den weltlichen Staaten zugeschlagen und die weltliche Herrschaft kirchlicher Würdenträger beendet wurden. „Das war eine massive Enteignung“, sagt Oberkirchenrat Stephan Krebs, Öffentlichkeitsarbeiter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Dafür bekomme die katholische Kirche heute noch Entschädigungen vom Staat. Pachtzins und Abgaben fielen damit als Geldquelle aus, zumal die aufkommende Industrialisierung die Bedeutung von Grundbesitz minderte. Ein konfessionsübergreifender Systemwechsel wurde unausweichlich. Kurz nach Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurde auf Landesebene sukzessive die Kirchensteuer eingeführt, in Hessen-Darmstadt zum Beispiel 1875. Die Systematik des von Anfang an als Ländersache definierten Kirchensteuerwesens ist bis heute im Kern unverändert: Der Staat zieht von den Mitgliedern der christlichen Kirchen Steuern ein und gibt sie an die Kirchen weiter. Für diese Dienstleistung, die den Kirchen eigene Dienststellen erspart, behält er einen Teil des Steueraufkommens: in Rheinland-Pfalz vier, in Hessen drei Prozent. Karl Härter, der an der TU Darmstadt lehrt, hat für das überkommene System nicht viel übrig. Die beiden christlichen Kirchen repräsentierten nur noch knapp die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, und ihre Privilegierung als Körperschaften des öffentlichen Rechts sei angesichts zunehmender religiöser Vielfalt kaum mehr angemessen – schon gar nicht die Verquickung mit dem Staat in Finanzangelegenheiten. „Eine zu enge Verzahnung von Staat und Kirche kann immer gefährlich werden“, erläutert der Experte, „gerade dann, wenn noch Nationalismus hinzukommt“. Kurzum: 500 Jahre nach der Reformation sollte das Verhältnis neu ausgehandelt werden. Als Verein könne die Kirche – wie in anderen Staaten – ihr Geld selbst sammeln. Das sieht Pfarrer Krebs anders. Kirchensteuer sei unverändert eine sinnvolle Einrichtung. Es könne nicht die Rede davon sein, dass die Kirchen Geld in den Rachen geworfen bekommen. Schließlich nähmen sie dem Staat als Träger von Kindergärten oder Kliniken wesentliche Aufgaben der Daseinsvorsorge ab. Krebs sieht eher das Problem einer engen Kooperation von Kirche und Obrigkeit in historischer Perspektive: „Das ist ja die Tragik der Reformation. Ihre Protagonisten stritten für die Freiheit des Einzelnen. Aber dann geriet die Kirche in die Abhängigkeit von Fürsten, um zu überleben.“ Die Kaisertreue der meisten evangelischen Pfarrer und selbst die Nähe erheblicher Teile der protestantischen Kirchen zum NS-Regime wurzelten in dieser Symbiose. Karl Härter sieht im Finanz-Bündnis von einst gar eine Versündigung gegen Luthers ursprüngliche Idee: „Er dachte an ein Gemeindechristentum, in dem die Gemeinde ihren Pfarrer wählt.“ Dem aber standen ein zum Bischof mutierter Landesherr und seine Kirchenadministration entgegen. Wer aber den Pfarrer bezahlte, wollte ihn auch auswählen. Martin Luther hat neben den Von Christian Knatz theologischen auch die finanziellen Grundlagen des Christentums in Deutschland gehörig verändert: Am vorläufigen Ende der von der Reformation angestoßenen Entwicklung steht die vom Staat eingezogene Kirchensteuer. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts machten Kirche und Obrigkeit beim Geld gemeinsame Sache. 1557 wurde das Kloster Höchst im Odenwald aufgelöst. Der aus dem Vermögen gebildete Höchster Klosterfonds war über Jahrhunderte die finanzielle Basis der Kirchengemeinden. Heute beherbergen die Gebäude eine Jugendbildungsstätte der EKHN. Archivfoto: B. Bergmann Beim Geld fängt die Freundschaft an Karl Härter ist Rechtshistoriker an der TU Darmstadt. Er plädiert für eine Neuordnung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat. Foto: Karl-Heinz Köppner DREI GELDQUELLEN . Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) bezieht ihr Geld aus drei Quellen. Die erste ist die Kirchensteuer. „Ein hässliches Wort“ sagt Oberkirchenrat Stephan Krebs, „aber er ist passender für die nach Einkommen gestaffelten Zahlungen als der Begriff Mitgliedsbeitrag.“ 2015 nahm die EKHN 490 Millionen Euro Kirchensteuer ein; diese trägt mehr als vier Fünftel zum Haushalt der Landeskirche bei. . Zweite Quelle sind sogenannte Staatsleistungen, die die Kirche auf Grund historisch verbriefter Rechte vom Staat bekommt: 14 Millionen Euro waren es 2015. . Drittens zahlt der Staat der Kirche Geld für Leistungen, die sie in seinem Auftrag übernimmt (etwa den Betrieb von Kitas) oder im Auftrag der Krankenkassen (zum Beispiel im diakonischen Bereich) . Anzeige


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