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REFORMATION & RELIGION ... sonst würde unser System kollabieren Kitas, Kliniken, Altenhilfe: Auch im Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau löst die Kirche mit ihren Einrichtungen Versprechen ein, die der Staat den Menschen gibt – hält quasi die Demokratie am Laufen. Auch wenn sie selbst Demokratie erst lernen musste. Eines der 1000 Pfarrhäuser ist überall in der Nähe“, sagt Stephan Krebs. Der oberste Öffentlichkeitsarbeiter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) betont den Wert nachbarschaftlicher Omnipräsenz. Professor Peter Scherle, Direktor des theologischen Seminars in Herborn, sieht die Allgegenwart differenzierter: „Die Strukturen sind überdehnt.“ Dass es so viele Gemeinden und kirchliche Einrichtungen gibt, war keineswegs immer so. In der Nachkriegszeit haben die Kirchen vom gesellschaftlichen Reichtum profitiert. Viele Stellen wurden geschaffen und es wurde viel gebaut. Doch schon seit 1968 sinken die Mitgliederzahlen. Darin erkennt Scherle auch einen Normalisierungsprozess: „Wir sollten nicht vergessen, wir kommen von 100 Prozent, weil Staatsbürger einst gezwungenermaßen Kirchenmitglieder waren.“ Heute sind etwa noch 60 Prozent der hier lebenden Bevölkerung Mitglied der katholischen und evangelischen Kirchen. Der Theologe rechnet mit einem weiteren Abschmelzen bis zu einer Sockelbildung „bei vielleicht 40 Prozent“. Was bleibt, nennt Scherle „eine kleinere Großkirche“. Wie ein Dienstleister für seine Kunden Und er ist überzeugt, dass die Kirche ihren gesellschaftlichen Beitrag auch dann leisten kann. Nur dürfe die EKHN nicht all ihre Kraft in den Erhalt der Strukturen in ihrem derzeitigen Ausmaß stecken. Es gelte, die Balance zu finden. „Wir können nicht alle Gebäude halten, aber wir müssen uns bewusst sein, was eine Kirche als ästhetisches Zeugnis des Glaubens für viele Menschen bedeutet. Wir brauchen starke, gewichtige Kirchen mit Ausstrahlung und Anziehungskraft. Wir müssen, was wir schon tun, auch Stellen reduzieren, dürfen uns aber nicht aus der Fläche zurückziehen.“ In der Stadt wie auf dem Land müssten Ansprechpartner greifbar sein, bei denen die Leute an die Kirche andocken können. Für die allermeisten sind Pfarrerinnen und Pfarrer das Gesicht der Kirche. „Gerade in einer Zeit, in der Menschen ausgegrenzt werden, dürfen sie nicht das Gefühl haben, nun würden sie auch von der Kirche abgehängt.“ Umfragen zur Zufriedenheit mit der evangelischen Kirche liefern übrigens seit Jahrzehnten ein unverändertes Bild. Die überwiegende Mehrheit erwartet, dass sie für die Schwachen da ist, dass sie Menschen begleitet und dass sie Gottesdienste anbietet. Und genau dafür, also für Diakonie, Seelsorge und Glaubensarbeit bekommt die Kirche sehr gute Noten. Austritte, da ist Scherle überzeugt, sind denn auch weniger auf kritisiertes oder kritikwürdiges Verhalten der Kirche zurückzuführen, sondern vielmehr auf eine allgemeine Skepsis gegenüber tradierten In stitutionen und dem breiten Entsolidarisierungsprozess in der Gesellschaft. Schließlich ist selbst die Kirchensteuer ein Solidarsystem: Wohlhabende zahlen viel ein, Kinder und Alte meist nichts. Aber viele sehen Institutionen wie die Kirche inzwischen als Dienstleister und sich als Kunden. Größter Arbeitgeber neben dem Staat Kirche ist indes einer der Garanten, negative gesellschaftliche Entwicklungen zu bremsen und dazu beizutragen, dass das System insgesamt nicht kollabiert. Das hat der einstige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde schon 1976 festgestellt, als er formulierte: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Und er präzisierte später, dass der „Staat auf die ethische Prägekraft“ der Kirchen angewiesen sei. Peter Scherle sagt: „Der Staat will, dass die Kirchen – wie andere Religions und Weltanschauungsgemeinschaften – gestärkt werden für ihren gesellschaftlichen Beitrag. Dass Kirche sich im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips positiv einbringt, wird gewollt.“ Und dazu nutzt die Kirche viele Optionen – von der Kita über Krankenhäuser bis zu den Altenheimen. Die Kirchen mit ihren diakonischen Einrichtungen sind neben dem Staat der größte Arbeitgeber in Deutschland. Die Kirche gestaltet die Gesellschaft also in hohem Maße aktiv mit. Peter Scherle warnt aber vor einer Überhöhung ihrer Rolle und erteilt jenen eine Absage, die sich zu der These versteigen, dass die Reformation die Wiege der Demokratie war. „Nein. Die Reformation hat mit Demokratie im modernen Sinn nichts zu tun. Und die evangelische Kirche hat die heutige Demokratie nicht erfunden.“ Scherle sagt, die Kirche habe eher von der Gesellschaft gelernt als umgekehrt. Die evangelische Kirche hat über Jahrhunderte darauf verzichtet, sich selbst zu leiten und sich bis 1918 in ein landesherrliches Kirchenregiment gefügt, was auch entscheidend zu ihrer Anfälligkeit im Dritten Reich beigetragen habe, wie der Seminar-Direktor meint. Im protestantisch geprägten deutschen Nationalstaat blieb die Kirche zu lange obrigkeitsbezogen. „Erst langsam hat die evangelische Kirche die Ideen übernommen, die die demokratische Bewegung seit dem 18. Jahrhundert hervorgebracht hat.“ Wie etwa die Gewaltenteilung. Erste Ansätze waren in der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung von 1835 zu erkennen. „Christen müssen froh sein über die Säkularisierung“ Immerhin habe die Reformation die einzelnen Getauften ins Zentrum gerückt. So hat sie das Selbstbewusstsein der Bürger gestärkt und zur heutigen Individualisierung beigetragen. Sie band die Kraft des Heiligen Geistes an die Taufe, womit die Vorstellung theologisch etabliert wurde, dass eine Synode sich aus Getauften und nicht allein aus Amtsträgern zusammensetzen sollte. Luther hat 1519 darauf bestanden, dass nicht nur der Papst, sondern auch Konzilien und Synoden irren können. Mit der Reformation habe sich „eine auf den Glauben begründete Weltlichkeit“ Bahn gebrochen, erklärte der Philosoph Josef Pieper. Dennoch, sagt Peter Scherle, „ist das, auf was wir stolz sind, Pluralität und Religionsfreiheit, nicht durch die Kirche auf den Weg gebracht worden. Wir haben uns das erst später theologisch angeeignet“. Nach den Konfessionskriegen hat der Westfälische Friede (1648) in Europa die politische Macht der Religion begrenzt. So widersinnig sich das anhören mag: „Christen müssen froh sein über diese Säkularisierung. Durch sie sind die anderen gesellschaftlichen Bereiche frei geworden von der Herrschaft der Religion“, doziert Scherle. Hier liege einerseits der „entscheidende Bedeutungsverlust“ der Kirche, „aber sie brachte auch einen Zugewinn an Freiheit für die Menschen, weil die Trennung von Religion und Politik unser Leben besser macht. Es scheint mir dem Evangelium zu entsprechen, dass wir aufgehört haben, Menschen im Namen Gottes auszugrenzen, zu verfolgen und zu ermorden.“ Von Heinz-Jürgen Hauzel 1151 Kirchengemeinden mit fast 10 000 KirchenvorsteherInnen 1185 Einrichtungen der Diakonie in Hessen (Hessen-Nassau und Kurhessen) 224 Einrichtungen 57 Ausgabestellen der der Jugendhilfe 27 stationäre und teilstationäre Hospizhilfen Angaben für das Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Quelle: EKHN Fotos: dpa (4), Wulf-Ingo Gilbert (1), supakorntv9 - Fotolia, Tobilander - Fotolia, Firma V - Fotolia, Andrey Kuzmin - Fotolia 18 500 MITARBEITER . Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zählt ohne Pfarrdienst 18 500 Mitarbeiter, 11 100 davon haben mindestens eine halbe Stelle. Zu den größten Beschäftigtengruppen gehören neben ErzieherInnen (5500 mit mindestens einer halben Stelle) die Bereiche Sekretariat/ Sachbearbeitung (1300) sowie Krankenpflege und Sozialpädagogik/ Sozialarbeit (je 700). . 73 000 Menschen engagieren sich derzeit ehrenamtlich in der EKHN. Zwei Drittel davon sind Frauen.


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