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Samstag, 22. April 2017 500 JAHRE REFORMATION 32 sola scriptura Allein die Heilige Schrift gibt dem glaubenden Menschen Orientierung, nicht die Tradition. Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, findet sich schnell auf einem riesigen Markt an Antwort Angeboten wieder. Ein Überangebot fast, das die Orientierung manchmal erschwert, die richtige Entscheidung erst recht. Zumal der Einzelne auf seiner Suche meist sich selbst überlassen ist. Eindeutig dagegen ist die reformatorische Überzeugung, dass die Bibel als Wort Gottes wesentliche Impulse für Sinn- und Glaubensfragen bereithält: Wie gestalte ich mein Leben? Welche Werte sind wichtig? Wo komme ich her und worauf darf ich hoffen? Eindeutig behandelt die Bibel diese Fragen, aber nicht einseitig – sie lässt unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen, ist ein buntes Zeugnis darüber, wie Menschen Gottes Wirken in ihrem Leben empfunden haben. Die Reformatoren haben erkannt: Die Bibel ist wie eine Brille, durch die man die Dinge noch einmal anders sieht, in einem neuen, befreienden Licht, nämlich aus Gottes Sicht und seiner Liebe. Sie ist ein Angebot, sich in die Geschichten und Erfahrungen der Menschen mit Gott einzuklinken und so Gottes Spur im Leben neu zu entdecken. Auch im eigenen. Am Ende stehen die „vier Soli“, die gemeinsamen Glaubensgrundsätze der evangelischen Kirchen: Gottes Gnade, das Geschenk des Glaubens, Jesus Christus und die Bibel gelten seit Luther als Essenz des Evangelisch seins – und können bis heute eine Gebrauchsanweisung sein, Glauben zu leben. sola gratia Allein aus Gnade liebt Gott den Menschen, nicht, indem er über seine Taten richtet. Das klingt heute eigentümlich bis unverständlich. Viele moderne Gesellschaften messen Menschen genau daran – an ihren Taten. Besser: an ihren Leistungen. Das Renommee im Beruf zählt, der soziale Status. Einkommen und Anerkennung wollen verdient sein. Aber wenn das Leben ins Wanken gerät – durch Konflikte, das Unvermögen, sie anzugehen oder schlicht Fehlentscheidungen – dann sehen sich viele, die immer Leistungsträger waren, plötzlich mit ihrem Scheitern konfrontiert. Und sind überfordert. Gott ist nachsichtig mit den „Gescheiterten“, er ist gnädig, so die zentrale Erkenntnis der Reformatoren. Nun kann Gottes Gnade an Lebensbruchstellen keine Wunder vollbringen. Aber sehr wohl einen Weg aufzeigen: zur Einsicht in die eigenen Unzulänglichkeiten, zur ehrlichen Reue und schließlich zu neuer Kraft, zum Mut zur Versöhnung – des zweifelnden Menschen mit sich selbst. Mit seinem Konfliktpartner übrigens ebenso. Wenn Gott in Jesus Christus Schuld vergibt, wenn er liebt, trotz allem, kann jeder Einzelne auch nachsichtig sein und vergeben. Was hoffnungsvoll stimmt – für den eigenen Alltag, und beim Blick auf eine krisengeschüttelte Welt. sola fide Allein aus dem Glauben, der ihm geschenkt wird, findet der Mensch Zugang zu Gott, nicht, indem er Gutes tut. Religion ist Privatsache? Niemand, außer wir selbst, bestimmt, was wir glauben oder an wen? Nach protestantischer Überzeugung ist der Glaube kein Menschenwerk, sondern wird dem Menschen geschenkt, und zwar dort, wo Gottes Wort zu hören ist: im Gottesdienst, im eigenen Bibelstudium, in Lied und Gebet, aber auch in der lebendigen Begegnung von Menschen. Nicht die eigene religiöse Erklärung steht im Vordergrund, sondern die Bereitschaft, sich von Gott her das Leben neu erschließen zu lassen – Neugier, die sich auszahlt, wie es Martin Luther selbst erfuhr. Ihm wurde im Glauben eine neue Einsicht geschenkt, und sie wurde für ihn zu einer Kraft, die ihn Zeit seines Lebens angetrieben und befreit hat. Das heißt bis heute: Glauben ist mehr als bloße Meinungsmache oder vernünftige Einsicht. Er zielt auf die innersten Antriebskräfte des Menschen. Insofern geht es im christlichen Glauben um nicht weniger als die Frage, woraus es sich zu leben lohnt. Und wofür. solus Christus Allein Jesus Christus ist Herkunft, Fundament und Ziel eines glaubenden Menschen, nicht die Kirche. Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt – das sind die Endpunkte der Gefühlsskala, auf der Menschen sich bewegen. 1517 wie heute. Und 1517 wie heute lässt Leid viele verstummen, während sie die schönen Dinge des Lebens scheinbar problemlos (mit-)teilen. In Jesus Christus kommt beides zur Sprache: Leiden und Tod, aber auch große Hoffnung und tiefe Freude – dafür stehen Jesu Kreuz einerseits und seine Auferstehung andererseits. So bietet der Glaube an Jesus Christus die Chance, mit allen Erfahrungen, allen Höhen und Tiefen einen Ort zu finden, nicht alleingelassen zu sein. Sich Jesus Christus anzuvertrauen in jeder Lebenslage, das war die reformatorische Grundidee. Orte, denen sich Menschen mit Not und Freude zuwenden können, braucht es. Kirchen können solche Orte sein, damals wie heute: Im Gebet kann man beides vor Christus bringen, das Leid wie das Glück. Mit beiden stehen Christen nicht allein. Eine Gewissheit, die in guten wie in schwierigen Lebensphasen Kraft geben kann. Für den nächsten Schritt. Texte: Christian Ferber, Fotos: Sindy, Lincoln Rogers - Fotolia, Norbert Neetz, Klaus Venus


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