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Samstag, 22. April 2017 ZUKUNFT & CHANCEN 31 Worum geht es in der Kirche, wenn nicht um eine lebendige Beziehung zu Jesus, in der mit ihm gesprochen wird, nicht nur über ihn? Monika Baier (65), Wiesbaden, katholisch Lieber Gott, ich müsste dringend einiges mit dir besprechen. Aber wo ist dieser Himmel? Und wie komme ich dahin, um dich zu treffen? Melde dich! Klaus Klammer (68), Trebur, konfessionslos NOCH MEHR ZU ENTDECKEN . Reformation gestern, heute – und morgen? Mehr Denkanstöße zum Thema gibt es auch hier: . Lupenreiner Einblick auf DVD für Eilige: In sieben Episoden entführen Erzähl-Videos in die Zeit der Reformation. Die fünfminütigen Kurzfilme verknüpfen Spielfilmszenen aus dem Alltag Jugendlicher von heute mit Animationen rund um Luthers Leben zu einer spannenden Zeitreise. Dabei erklären sie die großen Themen der Reformation: Gnade, Glaube, Christus, Gottes Wort, Freiheit, Gottesdienst. Auch für den Einsatz in der Schule geeignet. Lupenrein, 40 Minuten, kostenlos (5 Euro Versandkosten über www.gott-neuentdecken. de). . (Nicht nur) Für Fans von ausgefallener Comic-Literatur: Die zum Reformationsjubiläum erschienene Graphic Novel über das Leben Martin Luthers macht das Zeitalter der Reformation und die Kraft der neuen Glaubensentdeckungen in teils prächtigen, teils düsteren Farben lebendig. Andrea Grosso Ciponte, Dacia Palmerino: Martin Luther. 160 Seiten, 20 Euro; ISBN 978-3-945400-27-2 . Von R wie Reformation bis N wie Nächstenliebe: In einer Broschüre buchstabiert die hessennassauische Kirche R-e-f-o-r-m-at i-o-n ganz neu durch. Gott neu entdecken, 32 Seiten, 2,50 Euro, ISBN-13: 9783374049417 . Alle Produkte sind bestellbar über die Seite www.gott-neuentdecken. de Warum setzt Kirche sich nicht konsequent dieses Ziel: eine gelebte Wertegemeinschaft für die Menschen zu sein? Dabei auch unbequeme Standpunkte zu vertreten oder Utopisches zu fordern? Andreas Hümmerich (33), Wiesbaden, katholisch Die Wahrheit des Fischs Wir feiern in diesem Jahr 500 Jahre Reformation. Wie aktuell werden Luther, die Kirchen und Religion aber in noch einmal 500 Jahren sein? Das weiß niemand. Und trotzdem unternehmen wir einmal einen Ausflug ins Jahr 2517. Archivfoto: André Hirtz Im Jahr 2246 hatten die Menschen den Krebs als Krankheit ein für alle Mal besiegt. Die Autos fuhren und flogen zu dieser Zeit schon lange mit Wasserstoff, der mit Solarstrom aus Meerwasser gewonnen wurde. Der Rohstoffabbau hatte sich seit der ersten gelungenen Landung auf dem Mars im Jahr 2076 zunehmend auf benachbarte Planeten, den Mond und Asteroiden verlagert. Dorthin war auch der Großteil des Militärarsenals gebracht worden, denn auf der Erde gab es nach dem Versiegen der letzten Ölquellen und dem zum Schutz der allerletzten Regenwälder vom Weltsicherheitsrat verfügten absoluten Abbaustopp nicht mehr viel zu gewinnen oder zu verlieren. Im Jahr 2467 schließlich schlossen sich die Europäisch-Amerikanische Union und die Liga Asiatisch-Afrikanischer Staaten endgültig zur neuen, einheitlichen Weltregierung zusammen. Erkenntnis besteht immer aus dem nächsten Modell Als sich 50 Jahre danach Historiker trafen, um an das Ende nationalstaatlicher Regierungen zu erinnern, fiel dieses Datum mit der 1000-jährigen Wiederkehr der Reformation zusammen. Aus diesem Anlass waren auch Vertreter der christlichen Kirchen und der übrigen Religionen zu dem Treffen eingeladen worden. Es war nicht selbstverständlich, dass diese Einladung noch ausgesprochen werden konnte. Nach dem Beantworten vieler vermeintlich letzter Fragen zu Krankheiten, Ökonomie und Ökologie sowie zu Krieg und Frieden musste das Christentum wie die übrigen Religionen schwere Zeiten durchmachen. Wo keine schwerwiegenden Probleme mehr existierten, sank auch das Bedürfnis nach Spiritualität. In säkularen Staaten trat diese Entwicklung rascher ein als in totalitären, aber letztendlich unterschied sie sich nur in Nuancen. Überall auf der Welt galt Religion als Auslaufmodell, vor allem dort, wo sie nicht nur noch hauptsächlich dazu gedient hatte, Herrschafts- oder Territorialansprüche abzuleiten. Eine langsame Umkehr dieser Entwicklung wurde schließlich aus einem Bereich der Gesellschaft angestoßen, aus dem aus man dies erst einmal gar nicht vermutet hätte: aus der Wissenschaft. Je ehrgeiziger und erfolgreicher Wissenschaftler etwa in der experimentellen Physik die Grenzen der Erkenntnis und des Machbaren verschoben, desto klarer wurde, dass man es trotz aller Erkenntnis immer nur mit Modellen zu tun hatte. Erkenntnismodellen, die so lange Bestand hatten, bis sie durch neue abgelöst wurden, die auf den vorherigen fußten. Bereits Stephen Hawking, einer der klügsten Köpfe des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, hatte dies einmal in einer Betrachtung zu veranschaulichen versucht: In einem kugelförmigen Aquarium schwimmt ein Goldfisch. Jeder Mensch, der dieses Glas von außen betrachtet, kann es – mitsamt Goldfisch – aufgrund seiner wissenschaftlichen Kenntnis der Welt nach Länge, Breite und Gewicht exakt in die Umgebung einordnen. Hawking fragte nun aber auch nach der Perspektive des Goldfisches. Für den Fall, dass der Fisch mit ausreichender Intelligenz versehen sei, könne er ebenso exakte Theorien zur Welt um ihn herum entwickeln. Allerdings komme er trotzdem zu vollkommen anderen Schlüssen, weil durch die Kugelform des Glases seine Sicht auf die Welt eine vollkommen andere sei als die derjenigen außerhalb des Glases. Was also nun ist wahr? Die Sicht von drinnen oder die von draußen? Irgendwann begann es den Menschen zu dämmern, dass es trotz allen Fortschritts immer neue Fragen geben würde. Und manche, die immer gleich blieben. Am Rand des Wissens begann weiterhin der Glaube – nur der Rand verschob sich. Damit konnten die Religionen die Frage nach ihrer Existenz neu stellen. Ewig und allumfassend ist individuell Allerdings mussten die Kirchen dafür eine für sie alles andere als kleine Klippe umschiffen: Sie mussten auf den Anspruch verzichten, ewige und allumfassende Wahrheiten zu verkünden. Manchen fiel das leichter, manchen schwerer. Aber der Gang der Debatte war eindeutig. Die Frage, wo Gewissheit endet und wo Glaube beginnt, wurde endgültig eine individuelle. Wie auch die, ob man jenseits des wissenschaftlich Gesicherten überhaupt einen Glauben braucht. Es war nämlich beileibe nicht so, dass alle, die sich noch nie für Kirche oder Religion interessiert oder sich zwischenzeitlich von ihr abgewandt hatten, auf einmal massenhaft und ausnahmslos zurückkehrten. Diejenigen, die es für sich wollten, taten es, und damit behielt die Kirche ihren Platz in der Gesellschaft. Beim Historikertreffen 2517 könnte es also durchaus sein, dass einer der Teilnehmer feststellt, dass eine zutiefst evangelische Prämisse in diese ferne Zukunft getragen hat. Nämlich die, dass die Frage nach dem Sinn in allem eine Suche ist, die jeder selbst führen muss – oder eben nicht. Und mit Sicherheit würde er einschränkend hinzufügen, dass dies nur eine Sicht der Dinge ist. Damit wäre er auch 1000 Jahre nach Luther weiter sehr nahe bei ihm und einem seiner zentralen Gedanken: Die Kirche macht die Fragen der Menschen zu ihren – und nicht umgekehrt. Von Lars Hennemann


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