Page 3

20170531_Luther

Samstag, 22. April 2017 500 JAHRE REFORMATION 3 Freiheit statt Angst und Abhängigkeit Herr Jung, wie sehr ist die Kirche 500 Jahre nach dem Auftakt zur Reformation eigentlich noch in der Mitte der Gesellschaft verankert? Die evangelische und die katholische Kirche sind nach wie vor in der Mitte der Gesellschaft. Immer noch gehören 50 bis 60 Prozent der Menschen in Deutschland einer der beiden Kirchen an, und zwar Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung. Natürlich gibt es regionale Unterschiede. Ich denke da etwa an die östlichen Bundesländer. Die Kirchen werden auch auf absehbare Zeit noch bedeutende gesellschaftliche Kräfte sein – in ihrem sozialen und diakonischen Engagement, als Träger von Bildung und auch mit ihrem geistlichen Leben. Sie werden dies allerdings in einer Gesellschaft sein, die immer vielfältiger wird. Inwieweit bildet sie selbst noch die Mitte der Gesellschaft? Nach evangelischem Verständnis hängt das immer davon ab, wie viele Menschen sich am christlichen Glauben orientieren. Es geht darum, dass Menschen im Glauben an Gott Halt und Orientierung finden, etwa in der Frage nach dem Sinn ihres Lebens. Als Kirche wollen wir dazu beitragen, dass Menschen gut, gerecht und friedlich miteinander leben. Wir erheben keinen irgendwie gearteten Dominanz- oder Exklusivanspruch. Hat nicht mit Luther ein Prozess der Entfremdung zwischen Menschen und Kirche begonnen? Schließlich hat er bis dato unbestrittene Autoritäten zertrümmert. Luther hat zweifellos die Bedeutung des einzelnen Menschen gegenüber der kirchlichen und auch gegenüber der staatlichen Autorität starkgemacht. Er war damit nicht der einzige. Auch der Humanismus hat sehr zu dieser, wie ich finde, guten und notwendigen Emanzipation beigetragen. Reformen der Institution Kirche haben vor ihm auch schon Jan Hus und andere gefordert. Umgekehrt hat Luther die Menschen frei gemacht. Ist Bedeutungsverlust der unausweichliche Preis, den die Kirche dafür zahlen musste? Luther hat neu zur Sprache gebracht, dass das Evangelium von der Liebe und Gnade Gottes für jeden Menschen eine befreiende Kraft in sich trägt. Und dass dies Menschen zugleich in die Verantwortung nimmt – in eine Verantwortung, füreinander da zu sein. Vor diesem Hintergrund war für ihn auch klar, dass Institutionen für die Menschen da sind und nicht die Menschen für die Institutionen. Als Verlust kann das nur sehen, wer für Kirche einen falschen Herrschaftsanspruch reklamiert. Luthers Gedanken haben mit dazu beigetragen, dass sich unser modernes Freiheitsverständnis entwickeln konnte. Was sagen Sie ganz persönlich den Menschen, die fragen, warum Luther noch sehr aktuell ist? Für mich ist bei Luther besonders wichtig und ungebrochen aktuell, dass er intensiv nach Gott gefragt hat. Er hat in der Bibel entdeckt, dass Gott Menschen nicht klein macht und in Angst und Abhängigkeit hält. Für ihn war klar: Das Leben ist ein großes Gottesgeschenk und Gott will, dass Menschen gut und in Frieden miteinander leben. Und der Glaube hilft uns Menschen dabei, damit zurechtzukommen, dass wir im Leben auch immer wieder scheitern und auf Irrwege geraten. Wenn Sie Luther heute begegnen würden, welche Frage würden Sie ihm als erste gerne stellen? Oh, da hätte ich schon einige. Was mich zurzeit am meisten bewegt, ist die Frage, warum Luther vor allem in seinen späten Jahren so furchtbare Sachen über die Juden gesagt hat. Mich würde auch interessieren, wie er im Nachhinein seine massive Kritik an den Aufständen der Bauern sieht, die für mehr Gerechtigkeit kämpften. Was glauben Sie, welche Frage würde Luther den heutigen Menschen als erste stellen? Ich glaube, dass er uns danach fragen würde, wovor wir uns am meisten fürchten. Und er würde dann wohl darüber reden, wie ihn das Evangelium von seinen Höllenängsten befreit hat. Dann würde er sich vielleicht erzählen lassen, wie unsere Kirche das geworden ist, was sie heute ist. Ihm würde bestimmt nicht alles gefallen, aber er würde sich wohl erst einmal darüber freuen, dass es die Kirche Jesu Christi noch gibt. Würde Luther noch die Aufmerksamkeit bekommen können, die er seinerzeit erfahren hat? Das ist sehr schwer zu sagen. In seiner Zeit hat Luther eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, weil er den Nerv seiner Zeit getroffen hat. Die Angst vor ewiger Verdammnis hat damals die Köpfe und Herzen der Menschen beherrscht. Dazu kam Kritik an einer Kirche, die machtvoll agierte und offenbar eher Angst verstärkte als sie zu nehmen. Und schließlich gab es wohl bei vielen Menschen Wünsche nach sozialen Veränderungen. Glauben Sie, dass er mit Papst Franziskus gut zurechtkäme? Das ist eine interessante Frage. Ich denke, dass er dem Papstamt kritisch begegnen würde. Überrascht wäre er sicher, in Papst Franziskus einem Menschen und Theologen zu begegnen, der sich wie er stark an Jesus Christus orientiert. Was wird vom Jubiläum übrig bleiben? Wie wird es die Kirche prägen und verändern? Ich hoffe, dass vom Reformationsjubiläum mehr bleibt als die Erinnerung an den Reformationstag als Feiertag. Es wäre schön, wenn Menschen angeregt werden, über die religiöse und kulturelle Bedeutung der Reformation nachzudenken. Und vor allem, wenn sie angeregt werden, über sich und ihren Glauben an Gott nachzudenken. Wenn das bei vielen geschieht, wird es auch neue Impulse für unsere Kirche geben. Persönlich habe ich auch die Hoffnung, dass die guten evangelisch-katholischen Begegnungen dieses Jahres die Ökumene stärken. Wir müssen ja nicht organisatorisch eine Kirche werden. Es geht darum, dass wir, durchaus mit verschiedenen Prägungen, in aller Verbundenheit die uns in Christus geschenkte Gemeinschaft miteinander leben und feiern. Das Interview führte Lars Hennemann. Ein Gespräch mitten in der Stadt, in der die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ihren Sitz hat: Kirchenpräsident Volker Jung (links) und Lars Hennemann, Chefredakteur des Darmstädter Echo, auf dem Luisenplatz in Darmstadt. Foto: André Hirtz Was macht Luther und seine Ideen auch 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation noch aktuell? Dr. Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), bezieht Stellung. Koblenz Hessen Grünberg Hanau Biedenkopf Marburg Alsfeld Lauterbach Schotten Buseck Gladenbach Friedberg Dillenburg Herborn Selters Weilburg Idstein Bad Homburg Westernburg Taunusstein Bad Soden Limburg Wetzlar Lich Nidda Büdingen Lahnstein Diez Marienfels Gießen Offenbach Frankfurt Darmstadt Aschaffenburg Heidelberg Wiesbaden Mainz Ludwigshafen Mannheim Siegen Kassel Bad Kreuznach Ingelheim Bingen Badenheim Oppenheim Alzey Worms Dietzenbach Langen Rüsselsheim Groß- Gerau Groß-Umstadt Gernsheim Ober-Ramstadt Rheinland-Pfalz Heppenheim Michelstadt Bayern Baden-Württemberg Nordrhein-Westfalen Bad Hersfeld Fulda 5,3 Millionen Menschen leben im Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, 1,61 Millionen von ihnen sind EKHN-Mitglieder. Grafik: VRM/kl


20170531_Luther
To see the actual publication please follow the link above