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Samstag, 22. April 2017 29 Gipfel – mit Steilwand vor uns des anderen anzuerkennen, und fähig sind, demütig und aufmerksam voneinander zu lernen, ohne zu erwarten, dass zuerst einmal die anderen von uns lernen“. Doch so voller Elan, wie diese päpstlichen Worte anmuten, war die ökumenische Wirklichkeit lange nicht. Bereits seit 1948 gibt es den internationalen Ökumenischen Rat der Kirchen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verdichtete sich der theologische Diskurs über das Verständnis von Kirche, Sünde, Vergebung und Sakramenten. Einen Rückschlag gab es zur Jahrtausendwende, als das Dokument „Dominus Iesus“ der evangelischen Kirche das Recht abzustreiten schien, überhaupt Kirche zu sein. Zwei Gotteshäuser unter einem gemeinsamen Dach Davon unbenommen erweisen sich die Kirchenoberen wechselseitig Respekt bei Festen und Gedenktagen. Selbst das Reformationsjubiläum feiert die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit verschiedenen Veranstaltungen auch ökumenisch. Doch als wollten Würdenträger und Wissenschaftler ihr lieb gewonnenes Spielzeug nicht abgeben, betonen sie zwar einerseits ihren guten Willen, die Ökumene voranzutreiben, um andererseits hinzuzufügen, leider bestünden nach wie vor kirchentrennende Differenzen. „Wir sind beim Bergsteigen, sind kurz vor dem 8000er-Gipfel, haben aber noch eine Steilwand vor uns“, beschrieb Kardinal Karl Lehmann, ein engagierter Mann der Ökumene, die Lage kurz vor seinem Abschied als Mainzer Bischof 2016. Auf die Symbolfrage des Abendmahls verdichtet, heißt das: Zumindest offiziell können Katholiken mit Protestanten immer noch nicht gemeinsam Eucharistie feiern. Denn während die evangelische Kirche alle Getauften zum Abendmahl einlädt, dürfen in der katholischen Kirche nur Katholiken die Kommunion empfangen. Doch wie funktioniert das im Ökumenischen Gemeindezentrum in Darmstadt Kranichstein, bis heute eine einzigartige Einrichtung im Bereich des Mainzer Bistums und der EKHN? Mit hochfliegenden Erwartungen betrete ich den Gebäudekomplex unter dem zeltartigen Dach, das die evangelische Kirche der Philippus-Gemeinde und die katholische Kirche der Pfarrei St. Jakobus vereint. Ökumene realisiere sich schon ganz niedrigschwellig in der Jugendarbeit, sagt Pastoralreferentin Sonja Knapp: Kinder beider christlicher Konfessionen sowie anderer Religionen besuchen Kita und Jugendzentrum. Ökumene bilde sich aber auch in gemeinsamen Veranstaltungen beider Kirchengemeinden ab, versichern die evangelischen Pfarrer Dietmar Volke und Sylvia Richter sowie ihr katholischer Amtskollege Johannes Zepezauer. Gemeinsame Gottesdienstzeit ist sonntags um 10.30 Uhr. „Dann können evangelische und katholische Ehepartner gemeinsam zum Gottesdienst kommen“, sagt Pfarrerin Richter. Allerdings trennt sich der Weg der Ehepartner schon im Hof. Von dort streben Katholiken und Protestanten jeweils in „ihre“ Kirche. Zu besonderen Anlässen gibt es ökumenische Gottesdienste ohne Abendmahl, oder es wird das Brot im Freien geteilt und dann in den jeweiligen Gotteshäusern als Abendmahl beziehungsweise Kommunion ausgegeben. Ist das nicht ein Stehenbleiben auf halber Strecke? „Sie haben eine andere Vorstellung von Ökumene als ich“, antwortet Pfarrer Volke. Es müsse nicht alles miteinander und gleich gemacht werden. Protestanten und Katholiken seien wie Verwandte in einer weitverzweigten Familie: „Die jeweiligen Kernfamilien haben ihre eigenen Traditionen, man besucht sich oft und gerne, aber man muss deshalb nicht gleich in eine Wohnung zusammenziehen.“ „Schlichte Einladung der evangelischen Kirche greift zu kurz“ Auf dem Heimweg in meine „bekenntnisverbindende“ Partnerschaft, wie konfessionsverschiedene Ehen heute genannt werden, denke ich, dass es schon schöner wäre, auch für den christlichen Glauben ein gemeinsames Dach zu finden. Zumal der christliche Anteil an der Bevölkerung sinkt. In meiner Heimatstadt Mainz sind noch 34 Prozent der Bürger katholisch und 21 Prozent evangelisch. 45 Prozent der Mainzer haben keine oder eine andere Religion. Für die ökumenische Kirchenzeitung meines Heimat-Stadtteils Mainz-Gonsenheim befrage ich die evangelische Pfarrerin und den katholischen Pfarrer, wie sie mit der Mahlfrage umgehen. Pfarrerin Angela Rinn antwortet, es verletze sie, dass sie als Protestantin nicht zur Eucharistie eingeladen werde. Ihr Amtskollege Hans-Peter Weindorf von der Nachbarpfarrei St. Stephan wägt seine Antwort: Natürlich sei es beschämend, dass es nach fast 500 Jahren Kirchenspaltung immer noch nicht gelungen sei, „die trennenden Gräben in den verschiedenen Lehrmeinungen zuzuschütten“. Aber auch wenn der Pfarrer bei der Messe keine allgemeine Einladung an alle Anwesenden ausspreche, so werde „doch keinem Christen, der um die Kommunion bittet, diese verweigert“, so Weindorf. Bei Kirchenrechtler Pulte hört sich das strenger an: „Wo es die Lage gebietet und ein evangelischer Christ den katholischen Glauben an die Eucharistie teilt, kann er/sie zur Eucharistie hinzutreten.“ Die schlichte Einladung zum Abendmahl durch die evangelische Kirche greife zu kurz, meint der katholische Theologe: „Sie umgeht das Problem.“ Die Antwort, die mir am meisten Mut macht, kommt vom zweiten Pfarrer meiner evangelischen Gemeinde: Andreas Nose wurde katholisch getauft, ist später evangelischer Pfarrer geworden. „Aber katholisch bin ich immer noch“, erklärt Pfarrer Nose. „Das spüre ich, wenn ich mich an einer schönen Liturgie im Gottesdienst freue, wenn zwei Worte wie „Guter Gott ...“ reichen, und die Gemeinde antwortet ganz selbstverständlich „Wir bitten dich, erhöre uns!“ Was oft nicht bedacht werde, ergänzt Nose: Luthers Wirken habe auch den katholischen Gottesdienst in Deutschland verändert: gemeinsame Lieder, verständliche Sprache, eine Messe, die mit der ganzen Gemeinde gefeiert werde. Nose: „Die Reformation brachte eine evangelische, aber auch eine andere katholische Kirche hervor. Wir haben also viel mehr gemeinsam, als wir manchmal denken.“ Die schlichte Einladung zum Abendmahl durch die evangelische Kirche greift hier zu kurz. Sie umgeht das Problem. Prof. Dr. Matthias Pulte, katholischer Kirchenrechtler IN KATHOLISCHEM FAHRWASSER – SONDERROLLE VON MAINZ . In Mainz, Heimatstadt unserer Autorin, sind heute 21 Prozent der Bürger evangelisch, 34 Prozent katholisch. Die reformatorische Bewegung fand früh Eingang, und auch Erzbischof Albrecht von Brandenburg liebäugelte mit den neuen Ideen, doch als Folge der Sicking‘schen Fehde erließ er 1523 die Order, gegen die „lutherische Sekte“ vorzugehen. . Sein 1545 gewählter Nachfolger Sebastian von Heusenstamm verfolgte eine reichs- und kirchentreue Politik. Weil durch die Reformation schon 300 Pfarreien sowie 300 Klöster und Stifte verloren gegangen waren, wurden beim Provinzialkonzil in Mainz 1549 umfassende Reformen in Angriff genommen. Die Zerstörung von Mainz 1552 brachte einen Rückschlag. Nach dem Beschluss des Augsburger Religionsfriedens setzte der Erzbischof von Mainz, Daniel Brendel von Homburg, 1559 die Erneuerung der Mainzer Erzkanzlerrechte durch, die seine Position gegenüber den protestantischen Reichsständen stärkte. . Um die katholische Glaubens und Lebensstruktur zu restaurieren, holte er 1561 die Jesuiten nach Mainz. Sie übernahmen für die nächsten zwei Jahrhunderte die Vorrangstellung in Universität, Bildung und Kultur, außerdem steuerten ihre Predigt- und Seelsorgetätigkeiten die Mainzer Bevölkerung wieder in „katholisches Fahrwasser“ zurück. Auch die Kapuziner bemühten sich um die katholische Wiederbelebung. (uls) Es ist einzigartig in der EKHN und sogar bundesweit, dass das Reformationsjahr in Darmstadt und Region mit einem eigenen Projekt in besonderer Weise ökumenisch begangen wird. Unter dem Titel „Reformation 2017 ökumenisch. Freiheit leben – Glauben teilen – Zukunft gestalten. Ein Projekt der Kirchen in der Region Darmstadt“ haben die evangelischen Dekanate Darmstadt-Stadt und Darmstadt-Land, das Katholische Dekanat Darmstadt und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Darmstadt ein Jahresprogramm erstellt, das in einer zentralen ökumenischen Feier am 31. Oktober im Darmstadtium mündet. Ein eigenes Programmheft umfasst mehr als 50 Veranstaltungen: darunter Podiumsdiskussionen, ein Bühnenprogramm in der Darmstädter City am 29. April, Kooperationsveranstaltungen mit Landesmuseum, Staatstheater, Staatsarchiv und Stadtmarketing, eine Fotoaktion mit dem Darmstädter Echo oder eine Diskussionsrunde vor der Bundestagswahl. Informationen und Aktuelles unter www.freiheit-glaube-zukunft.de


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