Page 28

20170531_Luther

ZUKUNFT & CHANCEN Kurz vorm Gipfel einer Steilwand Hier stehe ich und kann nicht anders. So geht es mir in katholischen Gottesdiensten, wenn meine Banknachbarn sich vor der Wandlung hinknien. Hier sitze ich und kann nicht anders. Das denke ich, wenn sich die anderen erheben, um vom Pfarrer die Kommunion zu empfangen. 500 Jahre nach der Reformation sind sich Katholiken und Protestanten ein gutes Stück näher gekommen. Doch echte Gemeinschaft, wie es der griechische Wortkern von Ökumene verheißt und wozu für mich ein gemeinsames Abendmahl gehören würde, ist immer noch nicht möglich. Das finde ich schade, besonders für alle, die in konfessionsverschiedenen Familien leben – so wie ich. Getauft bin ich als Kind einer katholischen Mutter und eines evangelischen Vaters in der Wormser Dreifaltigkeitskirche, einem Ort, der protestantischer nicht sein könnte. Schließlich wurde die Stadtkirche an jener Stelle errichtet, von der man annahm, genau hier habe Martin Luther beim Wormser Reichstag 1521 seine Thesen verteidigt. Tatsächlich fand das historische Ereignis ein paar hundert Meter entfernt statt – und auch das berühmte „Hier stehe ich“ hat der Reformator wohl nie so gesagt. Dokumentiert ist hingegen, was man heute Luthers „key word“, seine Kernbotschaft, nennen würde: „sola scriptura, sola fide, sola gratia, solus Christus“, allein die Schrift, allein der Glaube, allein aus Gnade, allein Jesus Christus. Davon leiten sich die Negation päpstlicher Unfehlbarkeit und ein grundlegend neues Amtsverständnis ab. Dadurch hat auch das Abendmahl für die Protestanten eine andere Bedeutung als die Eucharistiefeier für die Katholiken. Stark verkürzt: Während das Abendmahl vor allem als Zeichen für die Gemeinschaft mit Christus gefeiert wird, hält die katholische Lehre daran fest, dass in der Eucharistie, geleitet von einem geweihten Priester, Brot und Wein wirklich zu Leib und Blut Christi werden (Transsubstantiation). Für den katholischen Kirchenrechtler Prof. Dr. Matthias Pulte (Mainz) geht es dabei um eine „sakramententheologische Kernfrage“. Pulte: „Solange darüber kein auch nur differenzierter theologischer Konsens gefunden wird, bleibt es beim Status quo.“ Konfessionen als Vorwand für Kriege und Diskriminierung Daran hat sich kaum etwas geändert, seit Katholiken und Protestanten nach Luthers Auftritt in Worms um den rechten Glauben ringen. Unter religiösem Vorwand kämpften im Dreißigjährigen Krieg die Mächtigen um die territoriale Herrschaft. Wie sehr diese Spaltung nachwirkte, die auch mit sozialer Differenzierung einherging, lässt sich in Theodor Fontanes Gesellschaftsromanen aus dem 19. Jahrhundert nachlesen: Hochmütig blickt die protestantische Oberschicht im nordöstlichen Preußen auf die katholische Minderheit herab. Vorurteile gab es genauso in der südwestdeutschen Provinz, wo es bis ins 20. Jahrhundert von Dorf zu Dorf unterschiedlich sein konnte, wer sich jeweils in der religiösen Diaspora wähnte. Anekdotisch fasst mein fast 90-jähriger Nachbar Josef, der nur mit Vornamen genannt sein will, das Liebesleid vergangener Generationen zusammen: „Ich habe während meiner Ausbildung in Alzey ein reizendes Mädchen kennengelernt, aber wir haben uns ganz schnell gesagt, dass das zwischen uns nichts werden kann – schließlich ist sie evangelisch.“ Jahrzehnte später trafen sich die beiden in einem Zug wieder, beide mit Ehering am Finger. Und gestanden sich: Er hatte eine evangelische Schwäbin, sie einen katholischen Rheinländer geheiratet. Meine Mutter, deren katholischer Vater früh gestorben war, litt als Kind einer „Mischehe“ an der Enge, die sie im katholisch geprägten Dorf empfand. Meinen protestantischen Vater heiratete sie in einer evangelischen Trauung. Auch ihr Kind sollte protestantisch werden. Dass sie selbst vom katholischen zum evangelischen Glauben übertrat, hatte aber auch den Grund, dass die katholische Kirche zumindest bis 1983 alles tat, um dem Ruf gerecht zu werden, wonach ökumenisch nur das sei, was katholisch ende: Wenn ein Katholik sich evangelisch traute, musste er dafür die Erlaubnis einholen und die Unterschrift des evangelischen Ehepartners beibringen, wonach eventuelle Kinder katholisch würden. Nicht jede Eheschließung zählt für Katholiken Seit 1983, so erklärt Matthias Pulte, ist immer noch der kirchliche Dispens für den katholischen Partner zur evangelischen Trauung nötig. Das katholische Bekenntnis der Kinder werde nicht mehr ultimativ gefordert, gelte aber als wünschenswert: Wie eine wirklich großzügige Geste der Ökumene erscheint mir das nicht. Erst recht bleiben ökumenische Heiraten Mogelpackungen. Denn entweder ist die Trauung evangelisch oder katholisch – der jeweils andere Pfarrer gestaltet nur die Zeremonie mit. Noch kurioser: Selbst solch eine ökumenische Zeremonie wäre für mich und meinen katholischen Mann nicht möglich gewesen. Denn er ist mit mir in zweiter Ehe verheiratet. Für die katholische Kirche besteht die erste Ehe weiter, solange sie nicht von einem kirchlichen Ehegericht annulliert worden ist. Hätte er aber die erste Ehe nur standesamtlich oder evangelisch geschlossen, wäre sogar eine katholische Trauung denkbar gewesen. Für mich als Protestantin ist diese rein formale Sicht der Dinge schwer nachzuvollziehen. Schließlich ergibt Gewissenserforschung ja bei jeder gescheiterten Beziehung Sinn. Hoffnungsfroh stimmen Äußerungen von Papst Franziskus, was die gemeinsame Kommunion von Eheleuten aus konfessionell gemischten Ehen angeht. Beim Besuch einer evangelischen Andacht in Rom ermutigte er ein Paar, gemeinsam an den Tisch des Herrn zu treten. „Sprecht mit dem Herrn und geht weiter“, so Franziskus. Auch anlässlich des Reformationsjubiläums gab der Papst zu verstehen, er stehe ökumenischen Bestrebungen positiv gegenüber. Entscheidend sei „der Wille, aus Abschottung und Selbstbezogenheit herauszukommen“. Eine „echte Versöhnung zwischen den Christen“ werde sich dann „verwirklichen lassen, wenn wir verstehen, wechselseitig die Gaben Von Monika Nellessen Es gibt viele Ansätze für Ökumene. Doch zu echter Gemeinschaft ist es für Katholiken und Protestanten noch ein weiter Weg. Besonders schwer nachvollziehbar ist das für alle, die in konfessionsverschiedenen Familien leben. Ein Erfahrungsbericht. . Monika Nellessen (51) leitet das Ressort „Leben/Wissen“ dieser Zeitung. Sie berichtete viele Jahre über das Bistum Mainz. Dabei stand das Thema Ökumene auch aus persönlichem Interesse stets im Fokus: Monika Nellessen ist evangelisch. . Ihr Beitrag ist eine Streitschrift, in einer Epoche rückläufiger Kirchenbindung mehr christliche Gemeinschaft zu wagen. Das gemeinsame Abendmahl sollte nach ihrer Ansicht nicht erst am Ende dieser Entwicklung stehen. DIE AUTORIN Die Reformation brachte eine evangelische, aber auch eine andere katholische Kirche hervor. Wir haben viel mehr gemeinsam als wir manchmal denken. Andreas Nose, evangelischer Pfarrer in Mainz-Gonsenheim Foto: Sascha Kopp


20170531_Luther
To see the actual publication please follow the link above