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Samstag, 22. April 2017 ZUKUNFT & CHANCEN 27 Pfarrer Lutz Neumeier aus Lich verkündet das Evangelium auf allen digitalen Kanälen. Hier erklärt er seine 9,5 Thesen Würde Luther heute leben, er wäre ein Medienjunkie, da ist sich Lutz Neumeier sicher. Der evangelische Pfarrer von Lich und ausgebildete Medienpädagoge ist selbst „always on“ und nutzt alle Möglichkeiten der modernen Kommunikation, um das Evangelium zu verbreiten. Und weil die Welt sich heute schneller dreht als zu Luthers Zeiten, hat er seine Ideen für eine moderne Verkündigung in 9,5 Thesen zusammengefasst. Viele Geschichten, die Neumeier erzählt (und er hat viele gute Geschichten in petto) beginnen mit dem Satz: „Ich saß zufällig am PC.“ Er sei schon ein wenig „nerdig”, räumt der 52-jährige Theologe ein, als er im dunkelblauen Hoodie unter den Ölgemälden seiner Ururgroßeltern sitzt. Neben seinem Kommandostand mit einem Hochleistungsrechner und gleich drei Bildschirmen hat er aber auch ein großes Herz für Traditionen. Das spiegelt sich auch in seinem Pfarrhaus, einem funktionalen Neubau in Bauhaus-Optik, der innen mit Antikmöbeln und vielen Büchern eingerichtet ist. Der Stilmix hat beim Social-Media-Pfarrer Methode. Da liegt Facebooks Like- Daumen als Kopfkissen auf dem Biedermeier Sofa, und die Lutherbüste dient ihre Thesen der Welt via QRCode an. Wer diesen mit seinem Handy aktiviert, landet bei der App „Reformation 2.0“. Neumeier hat sie mit einigen Mitstreitern programmiert. Luthers Segen hätte er, daran zweifelt Neumeier nicht: „Der Mann war populistischen Mitteln nicht abgeneigt, und er hat die Innovationen seiner Zeit konsequent eingesetzt, um seine Ideen zu verbreiten“, sagt er weiter. Der Buchdruck hatte die mediale Verbreitung von Botschaften bereits 1517 so beschleunigt, dass das auch heute noch beeindruckend ist. Am 31. Oktober des Jahres hatte Luther seine 95 Thesen veröffentlicht (ob er sie auch wirklich an eine gewisse Kirchentür genagelt hat, darüber streiten die Historiker noch immer). Schon im Dezember wurden diese in ganz Deutschland diskutiert. Ein Viertel aller in den 1520er Jahren gedruckten Flugschriften, die die Ideen der Reformation in ganz Europa verbreiteten, stammen aus Luthers Feder. Neumeier sieht in Luthers ebenso virtuosem wie massivem Einsatz der „Neuen Medien“ seines Jahrhunderts einen der wichtigsten Gründe für den Erfolg der Reformation. „Jan Hus hat ähnliche Ideen wie Luther bereits hundert Jahre früher propagiert, und der endete in Konstanz auf dem Scheiterhaufen.“ Würde Luther also heute leben, wäre er wohl ein begeisterter Blogger und eifriger Facebook Nutzer. Donald Trump als Twitter King würde er aber wohl nicht ablösen. „Seine Überzeugungen in 140 Zeichen zusammenfassen, das wäre nicht so das Seine gewesen“, meint Neumeier: „Obwohl er auch darin sehr gut war. Die Essenz der Reformation hat er in 57 Zeichen komprimiert.“ Sola fide, sola gratia, sola scriptura et solus Christus – allein der Glaube, allein die Gnade, allein die Schrift und Christus allein. Auch Instagram und Youtube würde Luther heute wohl bespielen. Zu seinen Lebzeiten sagte ein Bild nicht immer mehr als 1000 Worte, erreichte aber zehnmal so viele Adressaten in einer Welt, in der 90 Prozent der Menschen Analphabeten waren. „Mit Lucas Cranach stand ihm ja quasi der offizielle Hofmaler der Reformation zu Diensten“, so Neumeier. Auch Klatsch und Tratsch habe Luther gezielt in den Dienst seiner Propaganda gestellt. Dass er gegen die „Möncherei“ war und eine entlaufene Nonne ehelichte, sorgte für Gesprächsstoff. Heute würde er wohl seine Hochzeit mit Katharina als Live-Stream vor dem malerischen Hintergrund der Wartburg im Netz verbreiten. In der Geschichte ist es manchmal wie bei einem Boxkampf. Der Underdog mag schwächer sein, er kann aber siegen, wenn er schneller ist. Luther hat die Möglichkeiten, die ihm der Buchdruck bot, im Gegensatz zu seinen etablierten, aber trägen Gegnern MITLESEN, MITDENKEN, MITREDEN schnell erkannt. Die verfassten ihre Texte zur gelehrten Disputation immer noch auf Latein und verharrten in ihrer Filterblase. Nun, die Reformation hat in weiten Teilen Europas gesiegt. Heute ist die evangelische Kirche selbst die etablierte Kraft. In dieser Rolle hat man es naturgemäß schwerer, weiß Neumeier. Die Lücke, in die ein Luther hineingestoßen ist, die gibt es heute nicht mehr. „Die Inhalte, die sind nach wie vor gut, aber die Vermarktung lässt zu wünschen übrig. Wir müssen mehr nach außen gehen“, betont der Medienpädagoge und räumt ein: „Da waren wir als Kirche zu langsam.“ Doch das habe sich geändert. „In der Landeskirche zähle ich derzeit noch zu den Exoten, wenn ich im Konfirmandenunterricht mit den Jugendlichen YouTube-Videos produziere oder einen Advent-Livestream bei Focus Online platziere. Aber die Herausforderungen unserer Zeit hat auch die Landeskirche erkannt, da wird noch einiges kommen.“ In Sachen Neue Medien sieht er die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau schon sehr gut aufgestellt. Im Medienhaus der EKHN in Frankfurt werden bereits Erklärvideos zu Fragen des Glaubens produziert. Wer weiß, vielleicht werden von dort bald Gottesdienste gestreamt? „In fünf bis zehn Jahren gibt es dafür einen Markt“, ist sich Neumeier sicher. Den ersten Stream aus der Licher Kirche hätten noch 30 Zuschauer angeklickt. Der jüngste Advent-Livestream sei 500 000 Mal aufgerufen worden. Er sieht in den Sozialen Medien deshalb eigentlich nur Chancen. „Nur nicht dabei zu sein, kann uns schaden.“ Die Frage, ob neue Kommunikationskanäle am Ende die Inhalte vielleicht doch eher verzerren statt verbreiten, stellt sich Neumeier nicht. Doch „geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken“, argwöhnte schon der große Skeptiker Franz Kafka am Anfang des 20. Jahrhunderts, das vom technischen Fortschritt nicht minder überrollt wurde als unsere Gegenwart. Was hätte wohl ein Kafka, der schon dem Brief und mehr noch dem Telefon misstraute, über Social Media gedacht? Neumeier will seinen Glauben jedenfalls auf allen Kanälen teilen, sieht sich da in der Tradition Luthers und zitiert einen Sinnspruch dieser Zeit: „Ecclesia semper reformanda“ – Die Kirche muss sich ständig reformieren. Luther wäre Blogger Von Ingo Berghöfer 1. Luther hätte ein gut gefülltes Blog 2. Luther würde Facebook nutzen 3. Luther hätte einen Twitter-Account 4. Luther würde Lucas Cranach mit Instagram beauftragen 5. Luther hätte Sympathien für Snapchat 6. Luther wäre Youtuber 7. Luther hätte ständig WhatsApp genutzt 8. Luther würde in Kirchen, auf offenen Tagungen und bei Vorträgen seine Erkenntnisse teilen 9. Luther war es ein Anliegen, Fakten zu checken 9.5. Luther war die Verbreitung seiner Ideen wichtiger als geistiges Eigentum, heute würde er wohl unter Creative Commons veröffentlichen Lutz Neumeier, Pfarrer von Lich Foto: Ingo Berghöfer EKHN auf Twitter (@ekhn_de): www.twitter.com/ekhn_de facebook: www.facebook.com/ekhn.de Kirchenpräsident Volker Jung auf Facebook: www.facebook.com/ kirchenpraesident Täglicher Glaubensimpuls auf Twitter: (@glaubensimpuls): www.twitter.com/glaubensimpuls „Reformation – Standpunkte 2017“ Diskussionsforum von ev. und kath. Kirche in Wiesbaden: www.facebook.com/groups/ standpunkte2017 Reformationsjubiläum in Rheinhessen: www.facebook.com/ RheinhessenE vangelisch Pfarrer im Netz: www.ekhn.de/ service/pfarrer-im-netz Luther 2017: Die Luther-Bibel gibt es auch als App. Bis zum 31. Oktober 2017 ist der Download kostenlos. Foto: André Hirtz E-Mail: pfr.neumeier@marienstiftskirche.de oder E-Mail: mail@neumedier.de ICQ: 3730942 Internet: www.neumedier.de/ Facebook: www.facebook.com/NEUMEdIER/ Twitter: https://twitter.com/neumedier?lang=de Youtube: www.youtube.com/user/neumedier Instagram: https://www.instagram.com/neumedier/ Linkedin: https://www.linkedin.com/in/neumedier Snapchat: https://www.snapchat.com/add/neumedier


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