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Samstag, 22. April 2017 ZUKUNFT & CHANCEN 26 Sie hätten ja durchaus Unterwanderungspotenzial gehabt, die reformatorischen Gedanken, sagt Dr. Henning P. Jürgens, Historiker am Leibniz- Institut für Europäische Geschichte (IEG). Aber was wären sie gewesen, die Gedanken, ohne die mitreißende Kraft von Predigt und Lied, von öffentlichen Vorträgen und gemeinsamem Singen? Warum wohl habe der Liedtexter Martin Luther seine Mitstreiter aufgefordert, biblische Zeilen in Liedform zu dichten, fragt Jürgens – und schiebt die Antwort gleich nach: „Entscheidend für die schnelle Ausbreitung der Reformation war das gesprochene und gesungene Wort.“ Die Reformation, die am Mainzer IEG zu Jürgens‘ Forschungsschwerpunkten gehört, „war auch ein die gesamte Gesellschaft umfassendes Kommunikationsereignis“. Kam das erste Liedblatt im Jahr 1520/21 heraus, so umfasste das erste Gesangbüchlein 1523 schon acht Lieder, 1540 waren hunderte von Liedern gesammelt. „Der Gottesdienst fand ja nicht nur sonntags um 10 Uhr statt“, verweist Jürgens auf Andachten, Vespern oder Schülerunterweisungen an den übrigen Tagen, auf die Kirche als Treffpunkt öffentlichen Lebens und – neben Marktplätzen und Gasthäusern – als Ort, an dem amtliche Bekanntmachungen verkündet wurden. Befeuert wurde Letzteres, wie Luthers Bibelübersetzung auch, natürlich durch den rund 70 Jahre zuvor von Johannes Gutenberg erfundenen Buchdruck: „Um das Jahr 1500 hatte dieser sich bereits als Alltagstechnik etabliert“, verweist Jürgens beispielsweise auf drei leistungsstarke Druckereien, die sich binnen weniger Jahre in Wittenberg etabliert hätten. Eine Flugschrift, das gedruckte Medium schlechthin, konnte binnen weniger Stunden auf tagesaktuelle Geschehnisse reagieren und „wurde den Buchführern, wie die Händler damals hießen, wie geschnitten Brot aus den Händen gerissen“, weiß Jürgens. „Bilder und Text entwickelten eine hohe Schlagkraft und nahmen enormen Aufschwung“, schildert er etwa die 16-seitigen, aus einem dreimal gefalteten Druckbogen entstandenen Heftchen, die von Hand zu Hand gereicht und von denen binnen weniger Wochen mehrere 1000 Stück gedruckt werden konnten. So eine Botschaft erreichte pro Exemplar eine Menge Empfänger. Denn selbst wenn die Alphabetisierungsrate auf dem Land nur bis zu zehn Prozent – in den Städten deutlich höher – betragen habe: „Beim Spinnen und Wollekämmen unterhielten sich die Frauen“, nennt Jürgens einen der „Vermittlungsorte reformatorischer Ideen.“ Reformation durch Alltagsfrömmigkeit als egalitäre Hefe: „Die reformatorische Bewegung wurde von vielen Aktiven, von Adligen wie Handwerkern gleichermaßen, getragen“. Der Buchdruck war kein neues Medium, „doch Luther hat ihn in einer Form genutzt wie vor ihm keiner“, bestätigt Dr. Cornelia Schneider. Die Kuratorin für Buchkunst des 15. bis 18. Jahrhunderts am Mainzer Gutenberg Museum, das vor zwei Jahren mit der Schau „Am achten Tag schuf Gott die Cloud“ den Bogen zur Moderne schlug, vergleicht den Buchdruck mit dem Internet als Medium, Ideen unter möglichst vielen Menschen zu verbreiten. Durch die – kostengünstige – Lutherbibel hatten die Menschen lesend oder vorlesend an Wissen und Information teil: „Bis ins 20. Jahrhundert war die Alphabetisierungsrate in den evangelischen Gebieten deutlich besser“. ... die Fronleichnamsprozession aufmischen oder für Gesprächsstoff beim Spinnen und Wollekämmen sorgen: Die Reformation war – durch die neuen Medien, die sich rasant durchsetzten – auch eine Kommunikationsrevolution. Der weitere folgten. Und wohl noch folgen werden. Luthers Bibelübersetzung wurde durch den kurz zuvor erfundenen Buchdruck geradezu befeuert. Mit Flugblättern und Flugschriften ließen sich Botschaften besonders schnell verbreiten. Das Lutherische Propagandablatt gegen die katholische Kirche (kleines Bild) wird während des Evangelischen Kirchentages im Mai 2017 in der Staatsbibliothek zu Berlin ausgestellt. Fotos: IEG/Biblia das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Mart. Luth., Wittenberg, H. Lufft, 1534 Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar; epd-bild/Staatsbiblitohek zu Berlin Mit Lotterliedern und Flugschriften... Von Beate Nietzel Henning P. Jürgens vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Foto: Jürgens / IEG Hartmut Günther, emeritierter Professor für Linguistik Foto: Günther Cornelia Schneider, Kuratorin für Buchkunst am Mainzer Gutenberg-Museum Foto: dpa Martin Luther als Revolutionär der Sprache? Dr. Hartmut Günther, emeritierter Professor für Linguistik, betrachtet die Sache naturgemäß differenziert. „Er hat im Wesentlichen aus dem geschöpft, was da war“, präzisiert er das bekannte Luther-Diktum vom „dem Volk aufs Maul schauen“. Dies allerdings nicht im Sinne einer derben Gossensprache – vielmehr sei der Reformator unermüdlich auf der Suche gewesen nach Ausdrücken, die gleichzeitig kraftvoll wie auch den Menschen geläufig waren und die genau seine Botschaft vermitteln sollten: Die Bibel als einzige Instanz neben Gott, „Zeugnis aller Zungen, Herzen und Sinne“. Deshalb, so Günther, habe Luther die Heilige Schrift auch nicht unbedingt immer wörtlich übersetzt. In seinem gerade im Duden-Verlag erschienen Buch „Mit Feuereifer und Herzenslust – wie Luther unsere Sprache prägte“ beleuchtet Günther etwa 70 Luther zugeschriebene wirkmächtige Wortschöpfungen, die jedoch beileibe nicht sämtlich originär vom Reformator stammten. Unerwartetes kommt da zutage: Etwa der Bedeutungswandel, den der „Denkzettel“ im Laufe der Zeit erfahren hat. Nicht eine Standpauke oder kräftige Lektion wurde damals erteilt, vielmehr wollte Luther die „breit getragenen Gebetsriemen der Pharisäer“, den Menschen verbildlichen. Oder das „Machtwort“: Damit war nicht herrschaftliches Verbot oder endgültige Entscheidung gemeint, sondern „dass Gott die Welt schuf, dass sie gemacht wurde“. Die Kraft der Wörter habe für Luther vor allem im Mündlichen gelegen: „In erster Linie war er Prediger und hat diesen Stil in die Übersetzungen eingebracht.“ Auch wenn damals jemand als des Lesens kundig galt: „Den kann man mit einem heutigen Leseanfänger des zweiten Schuljahrs vergleichen“, macht Günther klar. Deshalb habe sich die Sprachwirkung Luthers vor allem mündlich entfaltet: „Ein guter Christ konnte sehr vieles auswendig und so auch weitertragen“. Worauf Luther aber in der Tat, erläutert der Linguist, maßgeblichen Einfluss ausgeübt habe: Die Rechtschreibung. „Bei jeder BibelÜbersetzung von 1522 bis zur letzten Ausgabe 1546 hat er gestrafft, die Orthografie vereinheitlicht. Vor allem die Groß- und Kleinschreibung darf nach Luther als zum großen Teil standardisiert gelten; zuvor schrieb man lediglich Eigennamen, Anreden der Ehrerbietung und Satzanfänge groß.“ (bn)


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