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Samstag, 22. April 2017 ZUKUNFT & CHANCEN 25 Vor Gott sind alle gleich, Männer und Frauen – das war einer der zentralen Gedanken der Reformation. Darmstadt, wo die evangelische Kirche mit einer besonders hohen Frauenquote aufwartet. Was ist daraus geworden? Ein Blick nach Männer auf Podien, Männer als Autoren neuer Biografien, Männer als Gesichter einer Epoche: Die Reformationsfeierlichkeiten hätten durchaus eine männliche Schlagseite, kritisierte jüngst die Frankfurter Historikerin und Theologin Katharina Kunter. Haben sie. Aber sie haben auch eine weibliche. Nicht nur, weil mit Margot Käßmann eine Frau als Botschafterin das Gesicht des Jubiläumsjahres ist. Oder weil die Evangelischen Frauen in Deutschland die zahlreichen einflussreichen Theologinnen, Dichterinnen und Herrscherinnen mit eigenen Veranstaltungen feiern. Sondern – und das zeigt sich zum Beispiel in Darmstadt, wo heute überdurchschnittlich viele Frauen in Leitungspositionen der evangelischen Kirche arbeiten – weil er schlicht gelebt wird, dieser zentrale Gedanke der Reformation: dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Mann wie Frau, jedem gebührt die gleiche Achtung: „Die revolutionäre Erkenntnis des Priestertums aller Gläubigen bildet die zentrale Grundlage der Reformation für die Gleichstellung“, formuliert es Ulrike Scherf (52), stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Die wohl bekannteste Reformatorin ist heute Katharina von Bora (1499- 1552), Luthers Ehefrau, die mit ihrer Biografie für ein damals revolutionäres Frauenbild steht. Zum einen erfuhr die Ehe durch Martin Luther an sich eine Aufwertung, auch wenn diese Aufwertung nicht sein oberstes Ansinnen gewesen sei, wie Karin Held (60), Pröpstin von Starkenburg, betont. Katharina sei als geistliches Gegenüber „auf Augenhöhe mit Luther“ gewesen, sagt Carin Strobel (61), ehrenamtliche Präses im Dekanat Darmstadt-Stadt. Bora war vielen ein Vorbild darin, wie sie in Wittenberg Familie, Haus und Hof als Kleinunternehmen managte und sich gleichermaßen an theologischen Diskussionen beteiligte. Frauen machten sich für Luthers Lehre stark, verschafften sich Gehör durch Reden, Flugschriften, Briefe und Dichtung. Elisabeth Cruciger (1500-1535) zum Beispiel gilt als erste Dichterin geistlicher Lieder. Mutig waren diese Frauen, viele bekamen aber auch die Konsequenzen zu spüren – die englische Anne Askew (1521-1546) etwa landete als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen. Toleranz zeigen, Andersgläubige achten, dieses Bestreben zähle zu den zentralen Vermächtnissen der Reformation, sagt Ulrike Schmidt- Hesse (60), erste Dekanin des Dekanats Darmstadt-Stadt – verkörpert zum Beispiel durch Katharina Zell (1497-1562), die in Straßburg als Autorin theologischer Schriften genauso wirkte wie in der Armen- und Flüchtlingsfürsorge und die „Grenzen, die viele Reformatoren gezogen hatten, geöffnet hat“. Für Edda Haack (56), Leiterin des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg, war die „Reformation insgesamt keine Frauenangelegenheit“, auch wenn Frauen eine neue Stellung erhielten, auch wenn Bildung starke Impulse bekam (von denen in den neu geschaffenen Volksschulen zum Beispiel Mädchen und Jungen profitierten). Weniger die Gleichberechtigung, vielmehr der Sozialstaat habe die Ursprünge in der Reformation, sagt Edda Haack. Als Reformatorin betrachtet sie die im 19. Jahrhundert in Hamburg tätige Amalie Wilhelmine Sieveking (1794- 1859), die als Mitbegründerin der organisierten Diakonie in Deutschland gilt. Für Luise Böttcher (68), ehrenamtliche Vorsitzende des Landesverbandes Evangelische Frauen in Hessen und Nassau, stellt die feministische Theologie mit dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit eine „reformatorische Kraft bis in die Gegenwart“ dar. Gegenwart, die dann doch erst spät eingeleitet wurde. Seit 1950 werden Frauen in der EKHN ordiniert, seit 1970 sind sie erst gleichgestellt, bis dahin durften sie im Pfarramt nicht heiraten. Dass es tatsächlich zu lange gedauert habe, bis Frauen in der Kirche in Leitungsämter kamen, räumt Ulrike Scherf ein. In zehn von 36 Dekanaten in der EKHN sind Frauen heute in hauptamtlicher Spitzenposition. Die Leitung der Propsteien sind jeweils zur Hälfte mit Frauen und Männern besetzt. Heute seien Frauen in Leitung gewollt, betont Ulrike Scherf, die EKHN hat eine eigene Stabsstelle Chancengleichheit. Gleichberechtigung sei in der hiesigen evangelischen Kirche erreicht, faktische Gleichstellung aber noch nicht, sagt Ulrike Schmidt-Hesse. Unter den leitenden Geistlichen der Evangelischen Kirche in Deutschland würde sich Ulrike Scherf noch mehr Frauen wünschen, ebenso in der Leitung der Dekanate. Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse findet, Frauen könnten etwa für Leitungspositionen in eher männlich besetzten Bereichen wie Verwaltung, Finanzen, Management und Personal noch stärker gefördert werden, dafür wären mehr Männer im pädagogischen und sozialen Bereich wünschenswert. Allerdings sind diese Bereiche bei der Gehaltsentwicklung zuletzt weniger bedacht worden als andere, kritisiert Edda Haack. Von Rebecca Keller 1 2 3 4 6 7 8 9 Frauensache! 5 10 Mehr Informationen zum Thema unter www.frauen-und-reformation.de „Reformatorinnen – und ob!“, Ausstellung ab 10. Mai im Offenen Haus, Rheinstraße 31, Darmstadt; www.evangelisches-darmstadt.de 1. Karin Held, Pröpstin von Starkenburg 2. Barbara von Wertheim (1500-1561), führte die Reformation in der Grafschaft Wertheim und der Herrschaft Breuberg ein 3. Katharina von Bora (1499-1552), Luthers Ehefrau 4. Ulrike Schmidt-Hesse, Dekanin des Ev. Dekanats Darmstadt-Stadt 5. Luise Böttcher, Vorsitzende des Landesverbandes Evangelische Frauen in Hessen und Nassau 6. Edda Haack, Leiterin des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg 7. Katharina Zell (1497-1562), Reformatorin, Namenspatronin des Hauses der Evangelischen Frauen in Darmstadt und deren Stiftung. Zell war Autorin und in der Armenfürsorge engagiert 8. Ulrike Scherf, stellvertretende Kirchenpräsidentin der EKHN 9. Elisabeth Cruciger (1500-1535), erste Dichterin geistlicher Lieder 10. Carin Strobel, Präses des Ev. Dekanats Darmstadt-Stadt Fotos: Guido Schiek (3), Dagmar Mendel (2), EKHN (5) i


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