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Samstag, 22. April 2017 JUBILÄUM & MARKETING 24 Im Jubiläumsjahr der Reformation gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Frau Käßmann, was ist denn Ihre liebste Luther Devotionalie? Der Playmobil-Luther. Zuletzt habe ich ihn dem katholischen Erzbischof von Guatemala geschenkt. Und er hat sich gefreut wie ein Kind, ihn mit dem Weihbischof zusammengebaut – und schon waren wir in einem guten Gespräch. Was hätte Martin Luther wohl zu dem bunten Treiben um seine Person gesagt? Er war ja nicht gerade als Freund des Heiligenkults bekannt… Ach, er hat aber auch gesagt, das Evangelium könne nur mit Humor gepredigt werden. Ein bisschen Humor darf sein bei allem wissenschaftlichen Disput und aller historischen Erkenntnis. Die Verleger saßen Martin Luther ständig im Nacken, neue Texte abzuliefern. Die Reformation war schon damals offenbar ein gutes Geschäft. Wie sehen Sie das? Mit dem Buchdruck war es möglich, Gedanken weit zu verbreiten. Bis dahin konnte die Zensur ein Buch verbrennen und es war vernichtet. Luther selbst hat an seinen Schriften nicht viel verdient. Gewehrt hat er sich dagegen, dass die Kirche Geld verdient, wenn sie Sünden vergibt – das kann nur Gott, hat er gesagt. Und 500 Jahre später: Wie passen Kirche und Kommerz heute, wenn überhaupt, zusammen? So platt geht das nicht zusammen. Aber natürlich braucht die Kirche Geld, um zum Beispiel ihre Pfarrerinnen und Pfarrer zu bezahlen. Das wird aber über die Mitgliedsbeiträge mittels Kirchensteuer eingenommen. Reformationsstädte wie Wittenberg oder Erfurt setzen im Lutherjahr voll auf Tourismus, der Lutherweg führt Pilger auch zu Luther-Stätten in Hessen und Rheinland-Pfalz. Ist das genug? Pilgern ist eine wunderbare Weise, Städte und Landschaften wahrzunehmen und dabei über Gott, die Bibel, die Welt nachzudenken. Deshalb bin ich durchaus dafür, die Pilgerwege weiter auszubauen. Wenn Sie durch die Lande ziehen und für die Reformationsaktionen werben, sind Sie doch auch irgendwie eine Missionarin, oder? In gewisser Weise schon. Missionarisch heißt, so formulierte es der evangelische Theologe Nikolaus Ludwig von Zinzendorf einmal: Lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst. Rainer Haselhoff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, ist überzeugt, dass das Jubiläum sein Bundesland bekannter macht, ihm wirtschaftlich weiterhilft und sogar Investoren anlockt. Städte wie Worms hoffen, auch über 2017 hinaus vom Luther-Effekt zu profitieren. Das Reformationsjubiläum als Wirtschaftsförderung: Was sagt da Ihr theologisches Herz? Zuallererst geht es darum, dass der Mensch in Fragen des Glaubens und Gewissens frei ist, dass das Leben gerechtfertigt ist, bevor wir etwas leisten. Wenn vor allem die mitteldeutschen Lande vom Jubiläum profitieren, freue ich mich aber mit, das ist doch gut so. Reformationsjubiläen sind in der Vergangenheit immer Spiegel ihrer Zeit gewesen. Wenn die Forscher in 100 Jahren auf dieses Jubiläum zurückblicken: Bleibt da mehr als der Plastik-Luther im Playmobil-Format und der Durchbruch von Sachsen-Anhalt als Lutherland? Was bleibt für die Kirche? Ja, es wird bleiben, dass wir dieses Mal nicht deutschnationalistisch oder anti-katholisch gefeiert haben, sondern weltoffen, international, im ökumenischen Horizont und zukunftsorientiert. Das Interview führte Volker Rahn. . Margot Käßmann ist seit 2012 „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). . Zuvor war sie von 1999 bis 2010 Landesbischöfin der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers. Von ihrem Amt trat sie aus Gewissensgründen nach einer Alkoholfahrt zurück. . Von 1994 bis 1999 war sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. . Margot Käßmann ist zudem von zahlreichen Buchveröffentlichungen bekannt. . Geboren wurde sie 1958 in Marburg. ZUR PERSON „Humor gehört zum Predigen“ Luther-Socken, Luther- Frühstücksbrettchen, Luther-Bier: Das Reformationsjubiläum ist längst auch Wirtschaftsfaktor und Merchandisefestspiel. Luther selbst hätte es mit einem Augenzwinkern gesehen, sagt die offizielle Jubiläumsbotschafterin Margot Käßmann. Ein Gespräch über Glauben und Geldverdienen. Vom „Breitband-Theologicum“ (Papierröllchen mit Lutherzitaten) bis zum Papphocker mit Porträts großer Reformatoren: Der Einfallsreichtum der Marketingstrategen scheint 2017 grenzenlos. Montage: VRM/kl, Fotos: dpa, www.komm-webshop.de


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