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Samstag, 22. April 2017 JUBILÄUM & MARKETING 19 „Das Beste wird das Gabelstaplern“ Bühnen aufbauen, Besucher betreuen, Wände streichen – tausend Kleinigkeiten machen das Reformationsjahr zu einem Großereignis. Erledigt werden sie unter anderem von etwa 270 Freiwilligen aus der ganzen Welt, die in Wittenberg im Einsatz sind. Acelya Winekenstädde aus Rheinhessen ist eine von ihnen. Hier erzählt sie wie es ist, wirklich mittendrin zu sein. Wenn sie morgens aufwacht, ist vieles anders als zu Hause in Rheinhessen: Städtischer Straßenlärm statt dörfliche Ruhe – und aus den Träumen geholt wird die junge Frau nicht mehr von der Stimme ihres Vaters, sondern von einem Wecker. Und der klingelt früh: In der Plattenbau WG in Sachsen-Anhalt, in der Acelya Winekenstädde aus Pfaffen- Schwabenheim (Landkreis Bad Kreuznach) derzeit lebt, gilt: Wer zuerst kommt, duscht zuerst. Gemeinsam mit rund 270 weiteren Helfern zwischen 18 und 26 Jahren ist die Abiturientin als Volunteer für 18 Monate in der Lutherstadt Wittenberg. Nicht nur, um das Reformationsjahr zu feiern, sondern um mittendrin im Geschehen zu sein und mit anzupacken: 2000 Veranstaltungen für mehr als eine halbe Million Besucher wollen im Zuge der Feierlichkeiten in und um Wittenberg gestemmt werden. Die jungen Helfer versorgen unter anderem die Konfirmandencamps und gestalten Workshops für die Jugendlichen, sie sind mit einem Tour-Truck in Europa unterwegs und informieren die Menschen über das Lutherjahr oder betreuen das Programm an Bühnen und Ausstellungen. Acelya ist im Organisationsteam der Geschäftsstelle des Vereins „Reformationsjubiläum 2017“ und kümmert sich dort vor allem um den Einkauf. Sie vergleicht Angebote und vergibt Aufträge, beispielsweise für Fahrradschlösser, die für den geplanten Fahrradverleih besorgt werden mussten. Für die Unterbringung der vielen Neu-Wittenberger auf Zeit wurden in einer Plattenbau-Anlage 61 Wohnungen renoviert, die nun in Dreier- und Vierer-WGs bewohnt werden. Da Acelya bereits seit Juli 2016 in der Lutherstadt ist, hat sie als ersten Job 52 Wohnungen mitrenoviert. „Ich habe hauptsächlich Wände gestrichen und Möbel aufgebaut, die Wohnungen mit einer Grundausstattung eingerichtet.“ Am meisten freut sie sich auf den Mai, denn da ist sie für die Weltausstellung eingeteilt: „Dann darf ich Gabelstabler fahren, dafür habe ich extra einen Kurs gemacht.“ Die Leidenschaft der jungen Frau ist unverkennbar. Und das kommt vielleicht auch daher, dass es ihr nicht nur um das Event geht, sondern auch um ihren Glauben und den Austausch mit Gleichaltrigen darüber, beispielsweise in den wöchentlichen Andachten für die Helfer, die sie mit organisiert. Eine gute Übung für Acelya, möchte sie doch nach ihrer Zeit in Wittenberg Theologie studieren und Pastorin werden. Ein ungewöhnlich klarer Berufswunsch – nicht nur deswegen, weil sich immer weniger junge Menschen für ein Amt in der Kirche entscheiden, sondern auch, weil Acelya erst mit zwölf Jahren nach eigener Entscheidung getauft wurde. „Meine Mutter ist Muslima, mein Vater war nicht in der Kirche.“ Die Pastorin ihrer Gemeinde leitete damals einen Kinderchor, darüber kam die heute 20-Jährige in den Kindergottesdienst, zu dem sie auch ihren jüngeren Bruder mitnahm. Daraufhin ist auch der Vater der Kirche beigetreten und engagiert sich inzwischen sogar ehrenamtlich als Hilfspastor. Auch die Mutter ist in der Gemeinde aktiv und kümmert sich um den interreligiösen Dialog. Acelya lebt inzwischen ein völlig anderes Leben als bei ihren Eltern in Pfaffen-Schwabenheim. „Das Familienleben und unsere Traditionen vermisse ich schon ein bisschen“, sagt sie, „vor allem das Sonntagsfrühstück.“ Trotzdem verspürt die Abiturientin kaum Heimweh. „Es ist ein Glück, in dem Jahrhundert leben zu dürfen, indem sich die Reformation zum fünfhundertsten Mal jährt“, sagt die 20-Jährige bestimmt. „Und es ist ein einmaliges Highlight, hier dabei zu sein.“ International gehe es zu, nicht alle verstehen Englisch oder Deutsch, aber jeder versteht Musik und Tanz, sagt sie begeistert. Die Partys, die Freude an der Arbeit, die langen Unterhaltungen bedeuten ihr viel, sagt sie. Und das bleibt, auch über 2017 hinaus. Von Natascha Gross FREIWILLIGE HELFER . Die Volunteers (zu deutsch freiwillige Helfer, ehrenamtliche Mitarbeiter) sind während des Reformationsjahres als sogenannte „Bufdis“ im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes im Einsatz. In Sonderprojekten wie diesem beträgt die Dienstzeit zwischen sechs und 24 Monaten. Die Freiwilligen in Wittenberg bekommen Taschengeld; Unterkunft und Verpflegung werden gestellt. . Der Bundesfreiwilligendienst wurde von der Bundesregierung als Reaktion auf die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 und damit auch des Zivildienstes geschaffen. . Wer sich noch engagieren möchte – ob für ein halbes Jahr oder auch nur für ein paar Tage – kann sich unter der E-Mail-Adresse teamer@r2017.org melden. 270 Volunteers helfen dabei, das Lutherjahr in Wittenberg zu stemmen Die Helfer stammen aus 21 verschiedenen Ländern: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Ecuador, Ghana, Indonesien, Kamerun, Kenia, Kolumbien, Südkorea, Kuba, Mexiko, Nigeria, Südafrika, Togo, Uganda, Ukraine, Ungarn, USA und Vietnam Der Verein Reformationsjubiläum 2017 rechnet während der 16 Themenwochen mit 500 000 Besuchern Für Acelya Winekenstädde hat das Jubiläumsjahr 2017 bereits im Juli 2016 begonnen: Für die 270 Helfer, zu denen sie selbst gehört, hat die 20-Jährige Wohnungen renoviert und eingerichtet. Bis zum Ende des Jahres unterstützt sie den Verein Reformationsjubiläum. Fotos: Winekenstädde 2017 wird es mehr als 2000 Veranstaltungen in Wittenberg geben, darunter Gottesdienste und Stadtführungen 61 Wohnungen sind vom Verein Reformationsjubiläum 2017 angemietet und renoviert worden, damit die Volunteers ein Dach über dem Kopf haben 41 der 270 Freiwilligen kommen aus dem Ausland Anzeige Die Kirchenzeitung des katholischen Bistums Mainz – „Glaube und Leben” – setzt voll auf Ökumene. Deshalb schauen wir im 500. Jahr des Reformationsgedenkens darauf, was Protestanten und Katholiken heute noch trennt. „Skandal egal? Die Sache mit der Ökumene” – So heißt unser Jahresthema 2017 Wir fragen uns: Wann endlich werden konfessionsverbindende Paare gemeinsam zum Abendmahl gehen dürfen? Wann endlich wird es einen ökumenischen Religionsunterricht geben? Wann endlich werden auch Protestanten freudig Liturgie feiern und zur heiligen Elisabeth beten? Wann endlich werden die Katholiken die „Freiheit eines Christenmenschen” für sich entdecken? Interessiert? Hier gibt es ein kostenloses Probe-Abo: Glaube und Leben Kirchenzeitung für das Bistum Mainz Telefon 0 64 31 / 911 328 vertrieb@kirchenzeitung.de Alles in Luther?


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