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Samstag, 22. April 2017 MENSCH & GLAUBE(N) 16 Musik öffnet die Kirchentüren Herr Roß, in der katholischen Liturgie gibt’s mehr Musik. Wird der evangelische Kantor da nicht neidisch? Das hängt ganz von der Gemeinde vor Ort ab. Wo es einen hauptamtlichen katholischen Kollegen gibt, spielt die Musik eine tragende Rolle. Wenn ich dort bin, denke ich: Da können wir uns Manches abgucken! Trotzdem besitzt die Musik auch im evangelischen Gottesdienst einen hohen Stellenwert. Wo sie eingesetzt wird, hat sie eine sehr tragende Funktion. In welcher Weise? Denken Sie an die Kantatengottesdienste von Bach, in denen Musik dieselbe Bedeutung hatte wie die Predigt, auch vom Umfang her. Das ist heute seltener so, aber in besonderen Gottesdiensten mit besonderer Musik gelingt die Kommunikation von Wort und Ton auf Augenhöhe. Welche Rolle spielt Musik im Gottesdienst? Im evangelischen Gottesdienst spielt der Gemeindegesang eine große Rolle. Er erscheint an weniger Stellen als in der katholischen Messe, aber wird stärker entfaltet. Eine große Rolle spielt auch der Chorgesang, wenn er liturgische Teile übernimmt oder ein wichtiges Element im Gottesdienst beisteuert. Es sind Höhepunkte, wenn die Musik dann einen roten Faden durch den Gottesdienst bildet, auch inhaltlich. Für Luther waren Lieder ein Instrument, das Evangelium im glaubenden Menschen wach zu halten, Glaubenstexte zu verinnerlichen, Inhalte zu verfestigen. Können sie das heute noch? Ja. Sowohl Texte wie Inhalte kann man viel besser memorieren, wenn man sie gesungen hat. Wenn ich bestimmte Bibellesungen höre, zu denen ich ein Musikstück kenne, höre ich im Hintergrund immer die Musik. Das geht auch vielen Chorsängern so. Manchmal ist es schwierig, wenn der Lesende weiter ist als die Musik im Kopf. Was macht Musik mit dem glaubenden Menschen? Ist sie ein Weg zur spirituellen Erfahrung? Auf jeden Fall. Das gilt fürs Musizieren wie auch fürs Musikhören. Immer wieder erfahre ich von Zuhörenden, dass sie durch die Musik im Gottesdienst emotional anders beteiligt sind, als es das Wort vermag. Das Wort geht durch den Kopf und muss den Weg zum Herzen finden. Die Musik geht da einen direkteren Weg. Was unterscheidet das aktive Musizieren vom bloßen Zuhören? Man kann das nur schwer vergleichen, es sind sehr verschiedene Arten der Rezeption. Beim Zuhören kann man sich genussvoll berieseln lassen, oder man hört intensiv zu, ist völlig drin in der Musik. Auch kann Musik hilfreich sein, sich meditativ zu versenken. Wenn man selber singt, ist man stärker auch für das Gelingen verantwortlich. Auf der anderen Seite ist es eine spontanere und direktere Beteiligung als das Zuhören. Kann Musik den Glauben verstärken? Ich denke schon. Sie kann den Menschen an einer bestimmten Stelle abholen. Und sie kann Trösterin sein. Neulich kam durch Zufall ein Paar ins Mittagsgebet, das gerade Freunde verloren hatte. Sie erlebten Musik als Trauer, aber auch Trost. Das war auch für mich ein sehr bewegendes Erlebnis. Kann umgekehrt der Glaube die musikalische Erfahrung verändern? Auf jeden Fall. Musik kann Menschen berühren, auch wenn sie gar keinen Bezug zum Glauben haben. Dadurch ist sie auch eine Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die der Kirche sonst eher fern stehen. Musik ist dann ein Türöffner. Ich kenne auch Chorsänger, die sich als Atheisten bezeichnen. Aber durch die Musik finden sie einen Zugang zu religiösen Themen und beschäftigen sich dann auch inhaltlich mit dem Gesungenen. Auch kritisch, und da gibt es manchmal einen tollen Austausch. Wenn die Musik nicht wäre, wäre die Tür schon zugeschlagen zum Glauben. Die Kirche ist die größte Amateur-Musikbewegung des Landes: mit Angeboten vom Kindergartenalter bis zum Chor mit professionellem Anspruch. Auch ein Erbe der Reformation? Gewiss. Es war ein Anspruch Luthers, die Menschen auch theologisch zu bilden und schwer greifbare Glaubensinhalte über das Singen verstehen zu lernen. Aus dieser Tradition entspringt auch unsere heutige Singschularbeit. Die Kinder singen über Jahre viel geistliche Musik und werden an Themen herangeführt, mit denen sie sich beschäftigen können, wenn sie möchten. Das ist keine Infiltration, sondern ein Angebot. Aber man muss sich ja auch in den Glauben einüben. Das merke ich in den letzten Jahren immer mehr, dass Glauben auch mit Üben zu tun hat. Im Chor wird man ganz natürlich an den Raum der Kirche herangeführt. Die Kinder gehen ganz unbefangen mit dem Raum um und fühlen sich dort zuhause. Das ist doch schön, und vielleicht hilft es ihnen später, selbst eine Beziehung zum Glauben zu finden. Es fällt leichter, eine religiöse Überzeugung zu finden, wenn man als Kind damit in Berührung gekommen ist. Musik ist allgegenwärtig, man kann ihr im Alltag gar nicht mehr entgehen. Hat sie dadurch an Bedeutung verloren? Einerseits ist das eigene Musizieren noch wichtiger geworden. Im Moment gibt es eine Bewegung zurück zum Selbermachen. Denken Sie an die vielen Jugend-Musikinitiativen, die es im Land gibt. Andererseits hat sich durch die vielen verfügbaren Aufnahmen der Anspruch an die Chöre erhöht. Viele Sänger messen sich daran, dabei sind das ganz andere Bedingungen als beim Live-Konzert. Auch unser Jugendchor ist sehr, sehr selbstkritisch. Da muss ich manchmal bremsen. Früher war es selbstverständlicher zu wissen, dass es eine lange Zeit dauert, bis man zu einem tollen Ergebnis kommt. Bei Jugendlichen erlebe ich, dass sie durch CD-Aufnahmen, Fernsehen und Internet schon ein eigenes Klangideal im Kopf haben, dem sie möglichst entsprechen wollen. Da muss man dann motivieren, erst mal kleiner anzufangen und schrittweise einen eigenen Klang zu finden. Von Luther stammt der Satz: „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft zu machen, denn die Musik.“ Wie schafft sie das? Wenn wir das so genau wüssten! Die Wirkung von Musik ist für mich mitunter ein großes Geheimnis. Hirnforscher können mittlerweile Vieles dazu sagen, welche Hirnregionen von Musik angesprochen werden und was sie da auslöst. Aber musikalisches Erleben hat immer mit dem Einzelnen zu tun: Die gleiche Musik am gleichen Ort kann den einen total bewegen und den anderen völlig kalt lassen. Das ist auch eine Stärke von Musik. Man muss sich nicht emotional beteiligen lassen, aber es gelingt Musik sehr viel einfacher, zum Herzen zu sprechen als dem Wort allein. Wie gehören Musik und Stille zusammen? Stille ist Voraussetzung für Musik. Musik kann ja nicht aus dem Gedudel kommen. Sie kommt aus der Stille und geht in die Stille wieder hinein. Das ist auch eine Erfahrung aus den Tagzeitengebeten, dass Musik es schafft, zu beruhigen, in die Stille hineinzuführen, aber von dort auch wieder mitzunehmen in den Alltag. Für die Kinder und Jugendlichen ist es wichtig zu lernen, dass zum Musikmachen erst einmal die Stille gehört. Sie haben eine Reihe regelmäßiger musikalischer Tages- und Abendgebete eingerichtet. Wie sind die ersten Erfahrungen? Das Angebot wird gerne genutzt, ich war bisher selten alleine. Es gibt regelmäßige Besucher, aber auch viele, die einfach hereinschneien, und so ist es ja auch gedacht. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen sagen: Toll, dass es das hier gibt. Selbst wenn ich nicht kommen kann, ist es schön zu wissen, dass es dieses Angebot der Auszeit gibt. Von welcher Musik lassen Sie sich bewegen? Das ist ganz unterschiedlich. Das kann eine Bachsche Passion genauso sein wie eine Opernaufführung, aber auch ein Popsong. Das ist immer mal wechselnd, auch abhängig davon, in welcher Stimmung ich mich befinde. Welche Erneuerung braucht die Kirchenmusik? Sie braucht vor allem Kirchenmusiker, die sie machen. Wir haben große Nachwuchssorgen. Das hängt auch damit zusammen, dass es in der Schule für die Jugendlichen immer enger wird. Und man muss schon vor Beginn des Studiums sehr gut sein. Das heißt, man muss sehr viel Disziplin an den Tag legen. Wenn andere feiern gehen, sitzt man halt in der Kirche und übt oder sitzt im Chor. Der andere Grund ist, dass die Kirche an Attraktivität verloren hat. Aber ich halte es für falsch, wenn sich Kirche dann modern gibt und anbiedernd. Vielmehr muss ihre Botschaft klar und kraftvoll und authentisch sein. Wir sind oft so verzagt, dabei haben wir Wichtiges zu sagen in der Welt! Das Interview führte Johannes Breckner. Fünf Mal in der Woche lädt Christian Roß ein zum Tagzeitengebet in der Darmstädter Stadtkirche. Dabei ist die Musik ebenso wichtig wie die Stille: Ein Gespräch mit dem Kantor über Musik und Glauben, die musikalischen Folgen der Reformation und die Arbeit mit Chören. HÖREN SIE REIN! . „Martin Luther“ Kindermusical von Münden, mit der Kinderkantorei der Ev. Singakademie und Mitgliedern des Bachorchesters Wiesbaden, Lutherkirche Wiesbaden, am 6. 5., 16 Uhr, sowie am 7. 5., 11.30 Uhr. Eintritt frei, Spende am Ausgang. . „Bigband Feat. Luther“ Jazz und Lutherchoräle? Diesem Experiment stellen sich das m.s.schmitt-Jazzorchester und Soulsängerin Sarah Kaier. Christuskirche Mainz, 18. 6., 19 Uhr, Tickets 12 Euro (www.adticket.de), Abendkasse 15 Euro. . „Ewigkeiten: Neue Welt“ Bekanntes von Poulenc und Stravinsky, Neues von der Darmstädter Kantorei und Deutscher Philharmonie Merck: Ev. Stadtkirche Darmstadt, 26. 11., 18 Uhr, Tickets: www.darmstaedterkantorei.de und www.ztix.de. Christian Roß (2.v.l.) beim „Choral Evensong“. Fotos: Guido Schiek


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