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Samstag, 22. April 2017 MENSCH & GLAUBE(N) 15 tet wurde, war Cranachs Dienstherr Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, der zugleich auch der größte Förderer Luthers war. Das öffentlichkeitswirksame Porträt sollte beiden, Fürsten und Mönch, Schützenhilfe beim Wormser Religionen-Showdown geben. Dann kam – ebenfalls noch 1521 – der bärtige „Junker Jörg“, ein Gemälde, das den auf die Wartburg verbannten Bibelübersetzer feiert. Die Doppelbildnisse des Reformators mit seiner Frau Katharina von Bora standen zwischen 1525 und 1529 stellvertretend für eine Ehe von besonderer Güte: Schließlich galt es, Pamphleten entgegenzuwirken, in denen die Zweisamkeit des Ex-Mönchs mit der Ex- Nonne öffentlich kritisiert wurde. Im Jahr 1539 schloss dann das Altersporträt den Porträt-Reigen. Umdeutung des Luther-Porträts zur nationalen Identifikationsfigur Zum Lebensende war Luthers Image als Porträt auf Dauer geprägt. Dabei erfolgte freilich im 19. Jahrhundert eine signifikante inhaltliche Umdeutung dieser Kunst-Gestalt: Der Reformator geriet nun zu einer der ersehnten nationalen Identifikationsfiguren. Bald 300 Jahre nach der ersten Luther Welle wurde er erneut zu einem sehr beliebten Thema von Bildern. Man kann ihn über 300 Mal in Öl, auf vielen Stichen und in den Illustrierten der Zeit mal heroisiert als selbst „feste Burg“, mal biedermeierlich als guten Familienvater kennlernen. Wilhelm von Lindenschmit (1829–1895), dessen Gemälde „Verhör Luthers durch den päpstlichen Legaten Cajetan“ im Wiesbadener Museum aufbewahrt wird, ist nur einer von einigen Malern, die mit solchen (vom malerischen Motiv her freilich frei erfundenen) Szenerien höchst erfolgreich waren. Dazu kamen mehrere Denkmäler, unter anderem in Worms, wo 1868 Ernst Rietschels große Anlage feierlich eingeweiht wurde. Auch dort hat Martin Luther die gewohnten Gesichtszüge. Aber: Da er als Denkmalsfigur auf einem Sockel ja steht, kommen nun der Talar und eine Bibel in den Händen dazu – sowie eine Vielzahl weiterer Symbolfiguren aus Kirchen- und Weltgeschichte. Man sieht Waldus, Savonarola, Reuchlin, Hus, Melanchthon, dazu die Luther-freundlichen Fürsten Philipp der Großmütige und Friedrich der Weise sowie die personifizierten Städte Speyer und Magdeburg. Hier wird ein komplettes Weltbild im Sinne des kaiserzeitlichen Deutschlands in Szene gesetzt. Dabei ist dieses Denkmal genauso „politisch“ wie schon sein berühmtes Vorbild: Das Wittenberger Luther- Denkmal des Bildhauers Johann Gottfried Schadow von 1821 erzählt auch von den Anfängern der Nationalstaatsgeschichte, da schon zu dieser Zeit Protestantismus und Preußentum von den Staatsideologen in Eins gesetzt wurden. Die Geschichte des Wittenberger Kunstwerks begann 1806. Damals besetzten die verhassten französischen Truppen Napoleons die sächsische Festung Wittenberg, und eine vaterländisch literarische Gesellschaft aus Mansfeld protestierte, indem sie einen Wettbewerb für dieses Kunstwerk ausgeschrieben hat. Doch erst 1816, nachdem Wittenberg preußisch geworden war, begannen die Planungen wirklich: König Friedrich Wilhelm III. betraute Schadow, den Hofarchitekten Karl Friedrich Schinkel sowie den Baubeamten Martin Friedrich Rabe mit diesem bildhauerischen Problemfall. Denn wie sollte der Bürger Luther auf den Sockel kommen? Schließlich durften bis dahin nur Fürsten und Feldherren als Standbilder öffentlich dargestellt werden. Der König entschied sich für Schadows Entwurf der freistehenden Bronze. Schinkels Baldachin kam erst während der Ausführung dazu – mutmaßlich, um den Sonderfall dieses nicht-adligen Denkmals kenntlich zu machen. Es ist gut, dass dieses In-Eins-Setzen von Kirchenmann und Staat der Vergangenheit angehört. Und wohl noch besser, was geschah, als das Wittenberger Luther-Denkmal 2010 zur Restaurierung vom Marktplatz abgebaut werden musste: Es wurde einen Sommermonat lang durch eine Installation mit 800 bunten Luther-Botschaftern des aus Rüsselsheim stammenden Bildhauers Ottmar Hörl ersetzt. „Ich multipliziere Luthers Präsenz, sodass sich seine Ideen in Gestalt des Symbolträgers in die ganze Welt verteilen können. Das mobile Luther-Denkmal wird zum Luther-Botschafter“, erklärte Hörl dazu. „Mit der Installation auf dem Marktplatz von Wittenberg bringe ich Martin Luther wieder auf den Boden, auf dem er selbst gerne stand. Äußerte er doch auf dem Reichstag zu Worms: ‚Ich mache mich nicht zu irgendeinem Heiligen, diskutiere auch nicht über mein Leben, sondern über die Lehre Christi‘.“ Dann wir arme menschen, weil wir in den funff synnen leben, müssen yhe zum wenigsten ein eußerlich zeychen haben neben den wortten, daran wir uns halten mögen. Martin Luther Luther als Denkmal: Ottmar Hörls Plastik- Reformatoren von 2010 gehen auf Johann Gottfried Schadows Wittenberger Bronze von 1821 zurück. Foto: dpa Fortsetzung von Seite 14 Anzeige Wir gehen für Sie neue Wege: in unserer Region, mit viel Energie. www.ewr.de www.ewr-gruppe.de


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