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Samstag, 22. April 2017 MENSCH & GLAUBE(N) 14 Lucas Cranachs Doppelbild von 1529 zeigt Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora. Das Gemälde des Hessischen Landesmuseums Darmstadt verdeutlicht, wie sicher Cranach die Malerei als Instrument protestantischer Propaganda zu nutzen wusste: Er setzte der Kritik an der Heirat von Ex-Mönch und Ex-Nonne das Bildnis eines sittlich perfekten Ehepaares entgegen. Foto: Landesmuseum Darmstadt Ein Superstar der Porträtgeschichte Luther war Mönch, Prediger, Theologe, Reformator – und er war eine Ikone“: Ein Satz, geprägt zur großen Wittenberger Lucas-Cranach-Ausstellung im Jahr 2015, bei dem Protestanten eigentlich zusammenzucken müssten. War nicht just der Glaube an Heilige und die religiöse Kraft ihrer Bildnisse, an die Ikonen-Wirkung also, ein Stein des Anstosses für den Reformator? Hat nicht Luther über Kirchenbilder unter anderem geschrieben: „Ich wollt, es wären keine auf den Altären“, und: „Wenn man sie anbetet, so sollte man sie zerreißen und abtun“? Lag schließlich nicht der sogenannte Bildersturm des frühen 16. Jahrhunderts, der die Kunst vieler Kirchen und Klöster so vernichtend traf, ganz auf der theologischen Linie des Protestantismus der ersten Jahrzehnte? Tatsächlich war Luther wohl weit weniger kunstfeindlich als in den genannten Zitaten – jedenfalls gibt es auch andere, freundlichere und gegen Bilderstürmerei hat er sich sogar persönlich verwandt. Die Kunst war für Luther einerseits ein Hilfsmittel, das Analphabeten die Anfangsgründe des Christentums vermitteln konnte, wie anderen Schriften zu entnehmen ist. Und andererseits interpretierte der Reformator das zweite Gebot „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ nie als Bann des eigenen Porträts. Er war tatsächlich schon zu Lebzeiten eine „Ikone“, denn das Gesicht des Reformators stand für die Reformation – und es ist bis heute eines der am besten erinnerten Gesichter der Geschichte in diesem Land geblieben, in eine Reihe zu setzen vielleicht mit dem US-Präsidenten John F. Kennedy oder dem revoltierenden Lenin. Alle drei sind sie (für eine jeweils unterschiedliche Klientel) wichtige Bezugspersonen – wobei diese Ineins- Setzung von Mann, Macht und Meinung erst mit Luther begann. Vermutlich gab es – abgesehen von seinem Gegenspieler Kaiser Maximilian I. – von keinem Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mehr Bildnisse als von Martin Luther. Dass der Bergmannssohn so oft gezeigt wurde, verdankt er dabei dem Interesse der Öffentlichkeit an seiner Leistung: Sein Antlitz war über Jahrzehnte hinweg Bestandteil des religiösen Kampfes. Man konnte „sich ein Bild machen“ von diesem Mann, dessen Waffe ja eigentlich das Wort war, gerade so wie heute im Wahlkampf auf Plakaten Politiker-Gesicht und Slogan zusammengehören. Die Luther-Porträts sind dabei Belege einer neuen Zeit der Kunstgeschichte. Anders als die Heiligenbilder des Mittelalters sind diese Bildnisse individualisiert, sie wandeln sich mit dem Alter und den Lebensstationen des Gezeigten: Unsere Vorstellung von Luthers Aussehen stützt sich auf zuverlässige Daten. Wobei diese Daten freilich in einer einzigen Maler- Werkstatt, die sich das alleinige Recht darauf auch vom Reformator verbriefen ließ, zu werbewirksamen Kompositionen aufbereitet wurden: Diesem Reformator sollte man abnehmen, was er niederschrieb. Die Cranach-Werkstatt fertigt mehr als 1000 Luther-Bilder Das Bild des Menschen Luther wurde in der Wittenberger Werkstatt des befreundeten kursächsischen Hofmalers Lucas Cranach (1472 -1553) und seines Sohnes Lucas (1515- 1586) als Ausdruck der persönlichen Eigenschaften des Reformators geschaffen: oft in Öl, meist jedoch in den neuen druckgrafischen Techniken, die sich weit verbreiten ließen. Wie viele unterschiedliche Lutherbildnisse dabei entstanden, wie oft sie kopiert und weiterverbreitet wurden, ist unbekannt. Sicher ist jedoch, dass es mehr als tausend innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten waren: Die Cranach- Werkstatt war eine Art Fabrik, die nicht nur in vielerlei Hinsicht für den kursächsischen Hof und Luthers neue Kirche tätig war. Von Cranach ließ sich unter anderem auch der mächtige katholische Kardinal Albrecht von Brandenburg gern in bester Manier auf die Leinwand bannen, wie im Darmstädter Landesmuseum nachvollziehbar wird, wo nicht nur Luther, sondern ebenso Albrecht zu sehen ist. Das erste als authentisch angesehene Luther-Porträt Cranachs entstand dabei 1521. Der Reformator war bereits 37 Jahre alt – und wird noch als Mönch gezeigt. Auftraggeber des Holzschnitts, der unmittelbar in der Zeit des Wormser Reichstags verbrei- Wer an Martin Luther denkt, hat Von Annette Krämer-Alig schnell ein zeitgenössisches Bild vor dem inneren Auge. Denn Luther-Porträts seines Malerfreunds Lucas Cranach und dessen Sohn Lucas begleiteten den Erfolgsweg des Reformators. Dass er zu den meistgezeigten Menschen seiner Zeit gehört, diente der Sache: Gemälde wie Grafiken waren Publicity im Dienst der Religion. Wilhelm von Lindenschmits Bild „Verhör Luthers durch den päpstlichen Legaten Thomas Cajetan“ aus dem Museum Wiesbaden entstand um 1870. Foto: Bernd Fickert Fortsetzung auf der nächsten Seite . „Die volle Wucht der Reformation“ präsentieren drei nationale Sonderausstellungen bis 5. November: Das Deutsche Historische Museum im Berliner Martin- Gropius-Bau zeigt „Der Luthereffekt – 500 Jahre Protestantismus in der Welt“. Um „Luther und die Deutschen: Wie jede Epoche ihr eigenes Lutherbild prägte“ geht es auf der Wartburg in Eisenach (ab 4. Mai). Im Lutherhaus/Augusteum von Wittenberg stehen ab 13. Mai „95 Schätze – 95 Menschen“ für Luthers „greifbares Erbe“. . Zentraler Ort der Präsentation „Luther und die Avantgarde“, in der Gegenwartskünstler Stellung zur Reformation beziehen, ist von 19. Mai bis 17. September Wittenberg; Außenstellen sind in Berlin und Kassel. AUSSTELLUNGEN


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