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Samstag, 22. April 2017 MENSCH & GLAUBE(N) 11 Wo Licht ist... Wenn über Luthers dunkle Seiten gesprochen wird, denkt man vor allem an seine Hassschriften gegen die Juden, weil sich die Nationalsozialisten so unheilvoll darauf beriefen. Aber der Reformator stellte auch den Fürsten einen Freibrief zu Mord und Totschlag an den aufständischen Bauern aus und riet dazu, Andersgläubige und Abweichler auszugrenzen. War er einfach Kind seiner Zeit? Welche Überzeugung steckte dahinter? Und welche Rolle spielten seine persönlichen Lebensumstände? Luthers Schrift „Dass Jesus ein geborener Jude sei“ erschien 1523, zwei Jahre nach dem Wormser Reichstag, bei dem er sich selbst der alten Ordnung widersetzt hatte. Der Reformator propagierte darin eine bessere Behandlung der Juden, eine Haltung, die zu dieser Zeit fast revolutionär zu nennen war. „Das heißt aber nicht, dass er die jüdische Religion akzeptierte“, sagt Lutherkenner und Judaist Dr. Ulrich Oelschläger, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). „Luther war wie nahezu alle Menschen seiner Zeit – und nicht wenige auch heute noch – davon überzeugt, dass die Juden nicht erkannt hatten, dass Jesus der im Alten Testament prophezeite Messias sei. Deshalb versuchte er in seinen Schriften, den entsprechenden Nachweis zu führen. Sinn und Zweck seines Plädoyers für die Juden war immer die Missionierung.“ Scharf im Ton, hasserfüllt und kompromisslos Als die Bekehrungserwartung über die Jahre ausblieb, wurde sein Ton schärfer. Insbesondere die Spätschriften „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543), „Schem Hamphoras“ (1543) und „Vermahnung wider die Juden“ (1548) sind hasserfüllt und kompromisslos, und während er 1523 die gängigen antijüdischen Vorurteile noch als haltlos zurückgewiesen hat, so bedient er sie jetzt rückhaltlos: „Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind“, schreibt Luther und drängt die Territorialherren, die Juden auszuweisen. Dabei schreckt er auch nicht vor einem Aufruf zu einem gewaltsamen Vorgehen (Niederbrennen der Synagogen, Zerstörung der jüdischen Häuser, Wegnahme der heiligen Schriften und Gebetbücher) zurück. Das war eine Steilvorlage für die Nationalsozialisten, wenn auch aus anderen Gründen. Zu erklären ist Luthers offensichtlicher Sinneswandel im Wesentlichen mit seiner Rückkehr zum früheren Modell einer alternativlos rechtgläubig christlichen Gesellschaft, in der für die Juden, die das Christentum infrage stellten, ebenso wenig Platz war wie für die abweichenden christlichen Gruppen, etwa die Täufer, die zeitweise in unserer Region sehr aktiv waren. Erinnert sei hier an die Wormser Übersetzung der alttestamentlichen Propheten durch Hans Denck und Ludwig Hätzer noch vor Luther. Luther, der in den 1520er Jahren noch gegen Gewaltanwendung in Glaubensfragen war und ein moderates Vorgehen gegen die Täufer empfohlen hatte, änderte seine Meinung radikal, als es darum ging, die eigene Bewegung abzugrenzen und zu verteidigen. Wie Melanchthon und andere konnte er nicht die Einstellung der Täufer zur Taufe und zum Abendmahl sowie ihr Verhältnis zur Obrigkeit akzeptieren, das die Gewaltlosigkeit einschloss. Melanchthon bezeichnete sie als „teuflisch Geschmeiß“. Sie wurden ausgewiesen und schließlich auch mit der Todesstrafe bedroht. In Alzey wurden 1528 15 Männer und Frauen hingerichtet. „Natürlich ist uns die Verfolgungsgeschichte, insbesondere auch die Rolle, die Luther dabei spielte, noch heute präsent, auch wegen früherer und zum Teil gegenwärtig manchmal noch vorkommender Marginalisierungserfahrungen“, sagt Andreas Kohrn, Pastor der Mennonitengemeinde Worms-Ibersheim. Immerhin seien in den Gesprächen zwischen Lutheranern und Mennoniten auf Weltebene die ersten Vergebungsbitten geäußert und auch angenommen worden. Die evangelische Kirche hat sich nach dem Holocaust vor allem mit Luthers Schriften gegen die Juden auseinandergesetzt. Oelschläger kennt und benennt die theologischen Überzeugungen und politischen Zwänge, die das Handeln des Wittenberger Professors bestimmten. „Ohne den Schutz seines Kurfürsten hätte sich die Reformation wahrscheinlich gar nicht durchgesetzt“, vermutet er. Aber er sieht auch persönliche Gründe für die Verbitterung des alternden Luthers, wie den Tod seiner Tochter Magdalena, schwere gesundheitliche Probleme und obsessive Angstzustände. Als Entschuldigung lässt er das allerdings letztlich nicht gelten, er spricht von Entgleisungen, die den Grobianismus seiner Zeit weit überschreiten. In selbstkritischen Momenten habe Luther das auch durchaus eingesehen. Die EKHN hat sich 2014 ganz klar von den sogenannten „Judenschriften“ distanziert und bereits 1991 die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen anerkannt. Die durchaus provokante Frage, die gerade rund um das Reformationsjubiläum häufiger zu hören ist, ob nämlich Luther die Liebesbotschaft Jesu immer richtig verstanden habe, bleibt dagegen noch offen. Von Ulrike Schäfer Radikal gegen Andersgläubige: Im Brief gegen die Sabbäther (1538) prangert Luther die „Verstocktheit“ der Juden gegenüber der Messianität Jesu an. Diese Schrift, deren Titel die Geschichte Salomes und die Hinrichtung Johannes des Täufers zeigt, wird ebenso in der Wormser Lutherbibliothek aufbewahrt wie das Büchlein „Anzaigung zwayer falschen Zungen Luthers“ von Johannes Fundling (1525). Der Franziskaner wirft Luther vor, er habe die Bauern ermutigt, gegen die Obrigkeit aufzustehen, und später dem Adel das Recht eingeräumt, die Aufstände blutig niederzuschlagen. Foto: Ulrike Schäfer Luther war überzeugt, dass die Juden nicht erkannt hatten, dass Jesus der im Alten Testament prophezeite Messias sei. Ulrich Oelschläger, Präses der EKHN-Synode Teil des Luther-Denkmals in Worms, 1868 nach Ernst Rietschels Konzept erschaffen. Foto und Bearbeitung: Klaus Lohr


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