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Samstag, 22. April 2017 MENSCH & GLAUBE(N) 10 WEGBEGLEITER ihn zum „dienstbaren Knecht und jedermann untertan“, wie es Luther ausdrückte. „Hier kommt die Weltverantwortung in den Blick, und hier wird etwa auch die Familie wichtig“, so Ferber. Angesichts der in den Jahren 1525 und 1526 folgenden Bauernkriege ist die Frage berechtigt, ob Martin Luther hier nicht weit genug gedacht („Man soll sie die Bauern zerschmeißen, würgen und stechen“) oder ob er im Gegenteil genau diese Thesen aufgenommen und sie dann konsequent weitergedacht hat. Ferber: „Luthers Theologie war situativ und folgte nicht immer einer Linie.“ Zudem sei er in seinem antisemitischen und antimuslimischen Denken ein Kind seiner Zeit gewesen, so Ferber: „Luther war kein Mensch der Toleranz.“ Der Schritt zum neuen Glauben Die vier Soli sind die Grundpfeiler seiner Theologie: Sola fide – allein durch den Glauben. Sola gratia – allein durch Gnade. Solus Christus – allein durch Christus. Sola Scriptura – allein durch die Schrift. Für Luther ist Jesus Christus die orientierende Mitte des Glaubens. Was wiederum der Schlüssel zu seinem Schriftverständnis ist: Luther liest das Alte Testament unter dem Gesichtspunkt der Nähe und der Ferne zu Christus. Die Heilige Schrift wird zum alleinigen Normenprinzip des Glaubens. Eben deshalb kann er auf dem Reichstag zu Worms 1521 nichts von dem, was er glaubt, widerrufen. Es kommt zum endgültigen Bruch mit der römisch-katholischen Kirche. Der Schritt zum Verständnis Und wenn wiederum die Schrift von solch essenzieller Bedeutung ist, so muss sie auch jedermann zugänglich sein. Die Übersetzung des Neuen und später des Alten Testaments, Gottesdienste in deutscher Sprache und deutsche Kirchenlieder, die Glaubenserfahrungen begreifbar machen, sind die logische Konsequenz. Luther dichtete selbst, schuf selbst Melodien – er war im besten Sinne Universalgelehrter. Und ein Mann des Wortes: Luthers kleiner und großer Katechismus übersetzen sozusagen den Kern der Bibel ins tägliche Leben, bilden bis heute eine „Gebrauchsanweisung“ für christliches Leben im Alltag. Die Rahmenbedingungen für die Verbreitung seiner Lehre hätten besser nicht sein können: Erst gut 60 Jahre zuvor hatte Johannes Gutenberg in Mainz sie mit seiner innovativen Technik des Buchdrucks möglich gemacht. Um vielen Menschen Zugang zu den Schriften zu ermöglichen, wurden Schulen gegründet – weshalb die Reformation auch einen gewaltigen Bildungsschub mit sich brachte. Und nicht zuletzt hatten die Deutschen dank der Bibelübersetzung erstmals eine gemeinsame Sprache. Der Schritt zur Familie Eine, die Martin Luthers Theologie von der Freiheit des Christenmenschen wörtlich nahm, war Katharina von Bora: Sie flüchtete im April 1523 mit acht weiteren Frauen aus einem Kloster. Sie brachen mit den alten Ordensregeln, wollten das Leben mit Christus im Alltag für sich neu definieren. Für Martin Luther wiederum war die Verlobung wenige Monate später, der am 13. Juni 1525 die Hochzeit folgte, zunächst eine eher theologische Entscheidung: Wenn seine Theologie Gültigkeit haben sollte, warum also nicht in allererster Linie auch für ihn selbst? Es war eine öffentlichkeitswirksame Entscheidung, aus politischem Denken entsprungen – wahre Liebe wurde daraus wohl erst im Laufe der Zeit. Der Schritt in die Gegenwart Martin Luther – ein Leben zwischen Mittelalter und Moderne, ein Leben am Wendepunkt. Doch was bedeutet das heute, 500 Jahre später? „Das Reformationsjubiläum soll keine Luther- Renaissance sein“, betont Christian Ferber. „Wir sind aufgerufen, das Ringen Luthers um Wahrheit in unserer Zeit, in unserer Wirklichkeit fortzusetzen: Wo müssen wir im Sinne Luthers mutig und unbequem sein – etwa im Umgang mit modernen Populisten?“ Christen sollten den Mut haben, mit Gott im Rücken zu fragen, wo sie mitgehen und wo sie gegen etwas angehen müssen. „Es ist spannend, sich vor diesem Hintergrund mit der Bibel auseinanderzusetzen und darin nach Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu suchen!“ Auch wenn diese keineswegs einfacher seien als zur Zeit Luthers. „Der Protestantismus lebt von der Diskursfähigkeit – Luther war immer mit seinen Mitmenschen im Gespräch, ob schriftlich oder mündlich.“ Und somit seien auch die Brüche in Luthers Biografie nicht negativ zu bewerten, sondern vielmehr als fördernd und prägend anzusehen. Ein Ansporn für den modernen Menschen – heute, 500 Jahre später. Luther als Junker Jörg (1521): Das Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. ist Teil einer großen Ausstellung zu Ehren des Luther Freundes im Museum Kunstpalast Düsseldorf (bis 30. Juli). Rechts: Luthers Ehefrau Katharina von Bora. Fotos: dpa/ Museum der bildenden Künste, Leipzig . Martin Luther war nicht der einzige Reformator. Großen Einfluss hatte auch sein engster Vertrauter Philipp Melanchthon. Hinzu kamen regionale Persönlichkeiten wie in der Rhein- Main-Region Erasmus Alberus. Zeitgleich entwickelte sich im Südwesten eine eigenständige Bewegung, an deren Spitze Ulrich Zwingli in Zürich und später Johannes Calvin in Genf standen. . Sowohl die lutherische als auch die reformierte Bewegung beeinflussten das heutige Rhein-Main-Gebiet. Eine dazwischen vermittelnde Position nahm Martin Bucer in Straßburg ein. Von ihm ließ sich Landgraf Philipp von Hessen bei der Einführung der Reformation beraten. Erfunden wurde dabei die Konfirmation, die sich weltweit verbreitete. Es gab weitere reformatorische Strömungen wie die Täufer, die allerdings bekämpft wurden – auch von evangelischer Seite. Fortsetzung von Seite 9 W Z E I TUNGS SHOP Martin Luther – 500 Jahre Reformation Bequem online bestellen unter: www.rhein-main-presse.de/shop oder per Telefon: 0 6131 484945 Alle Artikel erhalten Sie im Kundencenter Ihrer Zeitung. Mainz, Markt 17 Bad Kreuznach, Gymnasialstr. 2 Bürstadt, Mainstraße 13/15 Hochheim, Weiherstraße 3 Hofheim, Alte Bleiche 4 Idstein, Obergasse 16 Worms, Adenauerring 2 Wiesbaden, Langgasse 23 Nur solange der Vorrat reicht. Für Druckfehler keine Haftung. Die Versandkosten betragen 4,90 € pro Lieferung. 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