Warschau ist jung, günstig und einen Besuch wert

Ein Selfie vor bunter Altstadtkulisse. Foto: Liudmila Kilian

Die polnische Hauptstadt erstrahlt in neuem Glanz – hippe Gastrokonzepte und urbanes Flair locken insbesondere die jüngeren Urlauber. Doch die Stadt hat noch mehr zu bieten.

Anzeige

. Zwei junge Frauen posieren lächelnd für ein Selfie in der Warschauer Altstadt. Im Hintergrund reihen sich farbenfrohe Häuser aneinander, ein Luftballonverkäufer hält sich an einer riesigen Traube kunterbunter Heliumballons fest, Menschen genießen die Sonne in den Cafés der Fußgängerzone. Es ist eine Momentaufnahme, die den Geist der Stadt auf den Punkt bringt: Warschau ist voller Kontraste – aber vor allem bunt, jung und immer in Bewegung.

Ein Selfie vor bunter Altstadtkulisse. Foto: Liudmila Kilian
Ein Geheimtipp ist der Dachgarten der Warschauer Universität. Von hier sieht man auf der einen Seite die Skyline der Stadt, auf der anderen Seite glitzert die Weichsel. Foto: Liudmila Kilian
Die modernen Einflüsse in der Gastronomie spiegeln sich auch in der Einrichtung der Restaurants wider: urban, hipp und stilvoll. Foto: Liudmila Kilian

Die Gegensätze ziehen sich kontinuierlich durch das Stadtbild – Nachwuchsgastronomen eröffnen vegane Cafés in Gebäuden, an deren Mauern Einschusslöcher zu sehen sind. „Im Zweiten Weltkrieg wurde Warschau stark zerstört“, erzählt Fremdenführerin Emilia Bilska, „als es an den Wiederaufbau ging, haben die Menschen erhaltene Elemente aus den Ruinen geholt, und sie beim Bau neuer Häuser einfach wiederverwendet.“ Im Krieg hat insbesondere die Altstadt stark gelitten, doch die Häuser wurden von 1946 bis 1953 nach alten Plänen möglichst originalgetreu rekonstruiert. „Somit haben wir die jüngste Altstadt Europas“.

Auf gleicher Höhe wie die Altstadt, am gegenüberliegenden Ufer der Weichsel, liegt Praga – der wohl älteste Stadtteil. Das Viertel gilt insgeheim als das authentische Warschau. Hier ist aufgrund niedrigerer Mietpreise ein großer Teil der Studenten zu Hause. „Praga war schon immer etwas heruntergekommen, man bezeichnet es als Warschaus Stiefkind“, sagt Emilia Bilska. Hier ist nichts auf Hochglanz poliert und gerade das macht es so echt. An den Wänden – hier und da mit abgeblättertem Putz – prangen teils riesengroße Murals, also Wandbilder von namhaften Street-Art Künstlern aus aller Welt, die sich hier verewigt haben. An einer anderen Ecke steht man plötzlich vor der hippen Boutique von polnischen Designern oder man schlendert an einem Designhotel vorbei, das von außen kaum bemerkbar ist, sich in seinem Inneren aber als wahres Hipsterparadies mit nettem Café entpuppt. Die Patina des Viertels macht das Flair aus – sogar auf die großen Leinwände der Kinowelt hat es Praga schon geschafft. Die heruntergekommenen Häuser hielten einst als Kulisse in Roman Polanskis Meisterwerk „Der Pianist“ her.

Anzeige

Heute pulsiert vor diesen Häusern das Leben, die Warschauer zieht es nach draußen. Parkplätze werden zum Einbruch der Dunkelheit mit Liegestühlen bestückt, das mit Graffitis besprühte Garagentor öffnet sich und wird im Handumdrehen zu einer Popup-Bar, die man tagsüber dahinter nicht einmal vermutet hätte. Vor Polanskis Kulisse hören die jungen Warschauer Hip-Hop und schlürfen Cocktails.

Wer nicht bis zum Abend warten will, um die Stadt unter freiem Himmel zu genießen, besucht den weitläufigen Garten auf dem Dach der Universität. Der liegt zwar etwas versteckt, dennoch ist er kostenfrei für jedermann zugänglich. Und er entpuppt sich nicht nur als eine kunstvoll angelegte Ruheoase inmitten der Stadt, sondern auch als hervorragende Aussichtsplattform: Zeit für ein Selfie mit Warschaus Wahrzeichen, dem Kulturpalast, im Hintergrund. Ebenfalls unter freiem Himmel gelegen, lockt der Breakfast Market im Viertel Zoliborz. Hier gibt es nicht nur Frühstück, sondern das bunteste Streetfood aus der ganzen Welt – die ideale Stärkung während ausgiebiger Spaziergänge. Ob Teigtaschen aus Georgien, russische Pelmeni, asiatische Sommerrollen oder mexikanische Tacos – hier bleibt niemand hungrig. In einem Park gelegen, bietet der Markt die ideale Gelegenheit für ein entspanntes Picknick. Der Cappuccino aus dem kleinen, in eine Kaffeebar umgebauten Fahrzeug, ist Weltklasse. Und für zu Hause gibt es dann noch saftige polnische Tomaten, regionalen Honig und Antipasti.

Einen kreativen Schub für die heimische Küche holt man sich in einem der trendigen Warschauer Restaurants. Die jungen polnischen Köche räumen ordentlich mit den Vorurteilen um die landestypische Küche auf, der man nachsagt, schwer und deftig zu sein. Traditionelle Gerichte werden von den hippen Leuten am Herd neu interpretiert, und kommen in einer leichteren, modernen Variante auf angesagtes Keramikgeschirr, das der coole Künstler um die Ecke gefertigt hat.

Anzeige

Im Restaurant Wuwu ist Adriana Marczewska Küchenchefin. Die hübsche Mittzwanzigerin mit bunt tätowierten Armen und breitem Grinsen kennt man in Polen aus verschiedenen Fernsehshows. Sie experimentiert gerne mit regionalen Produkten, geht selbst auf Märkte und besucht auch gerne mal die Bauernhöfe, um die Qualität der Lebensmittel, mit denen sie arbeitet, zu testen. Sie öffnet traditionelle polnische Rezepte für Einflüsse aus aller Welt, ohne die ursprüngliche Note der Gerichte zu verlieren. Viele junge Köche tun es ihr gleich – eine kulinarische Revolution und das zu durchaus moderaten Preisen. Das zieht vor allem junge Menschen mit einem schmaleren Reisebudget in die Stadt.

Aus alt mach neu ist auch der Masterplan von David Hill. In einem alten Fabrikgebäude baute er mit einem Partner Warschaus Neon-Museum auf. Ein leises Summen ist beim Betreten der dunklen Halle zu hören, das farbige Licht der ausgestellten Neonlichter durchbricht die Dunkelheit. In den Sechzigerjahren hatten die Leuchtreklamen ihren Boom. „Damals waren sie das Symbol für eine neue, bessere Zeit“, sagt Hill. Der große Temperaturunterschied zwischen Winter und Sommer in Polen bot keine guten Bedingungen für die Neonröhren. Sie platzten und mussten häufig ersetzt werden – so konnten sie sich nicht langfristig durchsetzen. Und während er heute mit seiner Ausstellung Geschichte erzählt, entdecken Gastro- und Geschäftebetreiber das Neon dann doch wieder für sich neu: Insbesondere nach dem Museumsbesuch fallen dem Betrachter beim Herumstreifen in der Stadt die leuchtenden Röhren über zahlreichen Eingängen auf. Sie formen Logos und moderne Schriftzüge, lenken die Aufmerksamkeit auf die neuen Läden, Cafés und Restaurants. Und vielleicht steht das Neonlicht wieder einmal symbolisch für eine gute Zeit in der polnischen Hauptstadt, die mit ihrem Lebensgefühl stolz mit europäischen Metropolen mithalten kann und buchstäblich in einem neuen Glanz erstrahlt.

Von Liudmila Kilian