Wanderwege und Buchten – Albanien ist unterschätzt und...

Nur noch der Abstieg liegt zwischen den Wanderern und der Gjipe-Bucht. Foto: Karin Kura

Noch haben die Touristen die Albanische Riviera nicht in Beschlag genommen. Die Strände sind mäßig besucht, die Snacks günstig. Warum sich gerade jetzt eine Reise dorthin lohnt.

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. Es ist schon ziemlich garstig: Da müht man sich nach Kräften bergauf, aber das lose Geröll unter den Füßen klackert und scheint zu flüstern: „Zurück mit dir!“. Auch die Vegetation stellt sich einem entgegen: Stacheliges Gestrüpp greift nach den Hosenbeinen. Um die Nase weht ein starker Kräuterduft, dominiert von Salbei. Stramm geht der Wanderführer voran, auf Hirtenpfaden über baumlose Bergrücken zum Llogara-Pass auf circa 1000 Metern Höhe. Dieser liegt im Ceraunischen Küstengebirge, rund dreieinhalb Stunden Autofahrt südlich von Tirana.

Nur noch der Abstieg liegt zwischen den Wanderern und der Gjipe-Bucht. Foto: Karin Kura
Zwischen Dhërmi und Himarë müssen die Wanderer auch über den Strand laufen. Foto: Karin Kura
Blick auf den Gjipe-Strand. Foto: Karin Kura
Küstenwandern in der Bucht von Livadhi. Foto: Karin Kura

Der Blick schweift über Olivenhaine bis zur felsigen Küste mit den vielen kleinen Buchten hinunter. Das Ceraunische Gebirge säumt die Albanische Riviera im Süden des Landes, und es bietet zahlreiche Wanderpfade. Einige findet man im Hinterland der Küstenorte Dhërmi und Himarë. So führt eine der schönsten Routen aus den Bergen hinunter zur Gjipe-Bucht.

Naturbelassene Strände und günstige Snacks

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Das Gebimmel der Ziegenglöckchen ist in den Bergen allgegenwärtig. Die Tiere ziehen, gelenkt von Hirtenhunden, durch die im Sonnenlicht hell leuchtende Karstlandschaft. Nach einem steilen Abstieg erreicht man schließlich die Gjipe-Bucht – mit dem Bilderbuch-Strand. Er markiert das Ende des gleichnamigen Canyons, eingerahmt von imposanten Felshängen. Die Bucht ist nur zu Fuß, per Boot oder mit dem Geländewagen über eine holprige Piste erreichbar. An den Bretterbuden am Strand werden gekühlte Getränke verkauft. Ein älterer Mann schleppt seinen mit Trauben und Feigen gefüllten großen Korb über den feinkörnigen Kies. Träge gegen die Sonne blinzelnd schauen die meist jungen Strandbesucher von ihren Liegen auf und kaufen ihm ein paar Trauben ab. Sie kosten fast nichts.

Idyllische Buchten, die Strände teils naturbelassen, manche von kleinen Hotels gesäumt, das ist die Albanische Riviera. Sie beginnt hinter dem Llogara-Pass. Während die Strände in und nördlich der Hafenstadt Vlorë weitgehend mit hohen Apartmenthäusern und Hotels zugebaut sind, findet man weiter südlich noch eine wilde Küste: feine Kieselstränden vor dem türkisfarbenen und blauen Ionischen Meer. Alles liegt hier nah beieinander, sodass man vormittags in der Bergwelt wandern, und nachmittags im Meer baden kann – ohne sich zu beeilen.

In respektvollem Abstand zur Küste, der früher als Schutz vor Piratenüberfällen gedacht war, liegen die Bergdörfer. Jedes der Natursteinhäuser, die an den Hängen zu kleben scheinen, besitzt eine mit Wein umrankte Terrasse, Obstgärten voller Feigen- und Zitronenbäume. Im Bergdorf Vuno startet ein Wanderweg, zunächst in Richtung Gjipe-Bucht. Die Tour ist weniger steinig, der Boden angenehm weich, die Erde rot. Man wandert durch Olivenhaine, den Weg flankieren alte, knorrige Olivenbäume. Bevor es hinunter zum Strand geht, verläuft die Route auf einem rund 20 Kilometer langen Küstenpfad. Dieser schlängelt sich oberhalb der Steilküste entlang und berührt auch einige kleinere Strände zwischen Dhërmi und Himarë. Der Wanderweg ist in den letzten Jahren mit Unterstützung der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) entstanden und soll noch verlängert werden.

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Unten glitzert das Meer verführerisch. Leider glitzert auch viel Müll am Wegesrand. Vor Himarë taucht die Bucht von Livadhi auf, sie ist ideal für einen Badestopp. Die Füße kochen beinahe in den festen Schuhen, und so gibt es kein schöneres Gefühl als jetzt in die erfrischenden, sanften Wellen einzutauchen.

Danach geht’s in die Strandtaverne, frischer Fisch wird serviert. Die Badestrände sind nicht zugepackt mit Animation, es gibt kaum mal einen Bootsverleih, kaum Anlegestellen. Hier und dort dudelt ein bisschen Musik, meist italienische Schlager. Damit halten sich die Budenbetreiber bei Laune. Aus dem Kieselsand ragen einzelne Stangen in die Luft, die dazu gehörigen Sonnenschirme liegen in Gruppen zusammengeräumt in einer Ecke.

Nur wenige Touristen in der Nebensaison

Im Spätsommer lässt sich die abklingende Sonnenwärme noch genießen, und man hat das türkisfarbene Meer fast für sich alleine – genauso wie vor der Saison im Frühjahr. Im Hochsommer hingegen soll es ordentlich voll und laut sein. Dann kommen zumeist Urlau-ber aus benachbarten Balkanstaaten, aus dem Kosovo, Mazedonien, oder auch aus Griechenland.

Außerhalb der Saison sind wenige Touristen unterwegs, nur ein paar Reisemobile kurven auf den Serpentinen der Küstenstraße. In den fast leeren Hotels und Pensionen kann es passieren, dass man auf reichlich unmotiviertes Personal trifft, denn bei vielen jungen Kellnern sitzt der Frust tief. Mit dem Ende der Saison endet auch ihr Verdienst. Viele haben dann keinen Job mehr – und möchten nichts lieber als das Land verlassen.

Tausende Albaner verließen 1990 ihre Heimat nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Eine der unübersehbaren Hinterlassenschaften des Regimes von Enver Hoxha sind rund 170 000 Bunker. An der Küste sprießen sie wie Betonpilze aus dem Boden. Albanien öffnet sich nach vielen Jahren der Abschottung, sucht seinen Weg in die Demokratie und hat dabei hauptsächlich mit Korruption und Drogenhandel zu kämpfen. Dennoch: Der Tourismus boomt. Seit ungefähr 2017 zählt das südosteuropäische Land über fünf Millionen Besucher jährlich. Zudem gilt es als vergleichsweise preisgünstiges Reiseziel. Die meisten Gäste kommen aus den Nachbarstaaten, aber in zunehmendem Maße sind es auch Touristen aus Italien und Deutschland. Neuerdings legen Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Sarandë an, und die Fähre von der nahe gelegenen Insel Korfu bringt Touristen, die das Unesco-Welterbe, die antike Stadt Butrint und andere Kulturschätze Albaniens besichtigen.

Auch bei Wanderern wird Albanien immer beliebter. Sie steuern die abgelegene Bergwelt im Norden des Landes an oder begeben sich auf den Küstenpfad im Süden. Dieser endet in Himarë, dem Hauptort der Albanischen Riviera. Die Kleinstadt besitzt mehrere Strände in einer lang gestreckten Bucht. Es gibt einen Mini-Jachthafen, eine autofreie Strandpromenade mit Eissalon, Restaurants, Boutiquen und Ferienzimmern. In den Cafés sitzen alte Männer an den Tischen, sie spielen Domino. Viele Einwohner sprechen Griechisch, denn Himarë ist ein Zentrum der griechischen Minderheit im südlichen Albanien.

Das ursprüngliche Dorf liegt auf 200 Metern Höhe an einem Berghang. Es ist verlassen, etliche der alten Häuser in den engen Gassen sind verfallen. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft verließen die meisten Bewoh-ner das Dorf und siedelten nach Griechenland über. Jetzt jedoch ist man dabei, die orthodoxe Kirche von Himarë zu restaurieren und weitere Gebäude vor dem Zerfall zu retten.

Wie lange noch wird die Albanische Riviera, dieser malerische Küstenstreifen, bewahrt bleiben? Die touristische Erschließung ist von Norden her unübersehbar auf dem Vormarsch. So entstehen bereits am Strand von Palasë große Bungalow- und Hotelanlagen. Palasë ist der erste Strand, der zur Riviera gehört. Er liegt gleich hinter dem Llogara-Pass.

Von Karin Kura