Städtetipp: Lodz

Das Hotel Vienna House Andel’s befindet sich in einem alten Textilfabrik-Gebäude. Ein Hingucker ist der aus der Fassade heraus ragende Dachpool. Foto: Claudia Diemar

In der polnischen Stadt überraschen alte Fabrikgebäude mit kreativem Innenleben. Wo einst Maschinen ratterten, gibt es heute Cafés, Kneipen, Galerien und Einkaufszentren.

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. Es gibt Orte, die hat man nicht auf dem Radar. Lodz ist ein solches Ziel. Kennt man höchstens von Vicky Leandros fröhlich geschmettertem Gassenhauer „Theo, wir fahr’n nach…“. Den Einheimischen sagt der Schlager übrigens gar nichts. Schon weil sie den Namen ihrer Stadt als „Wuudsch“ aussprechen. Also mal nachsehen, was es mit diesem Lodz auf sich hat.

Das Hotel Vienna House Andel’s befindet sich in einem alten Textilfabrik-Gebäude. Ein Hingucker ist der aus der Fassade heraus ragende Dachpool. Foto: Claudia Diemar
OFF-Piotrkowska ist eine Institution in einem ehemaligen Fabrikgebäude, in dem heute Kreative aller Art tätig sind. Neben Galerien beherbergt das Projekt auch viele Cafés und Restaurants. Foto: Claudia Diemar

Das Staunen beginnt beim Check-in im Hotel. Eine riesige Halle mit schmiedeeisernen Säulen dient als Lobby. Ellipsen türkiser Teppiche schmücken den sandhellen Boden wie gewebte Swimmingpools. Eiförmige Lichtschächte mit farblich wechselnder Illumination durchbrechen alle Stockwerke. Das „Andel’s by Vienna House“ beeindruckt mit spektakulärer Innenarchitektur der Londoner Stardesigner „Jestico + Whiles“. Das Hotel befindet sich in der einstigen Spinnerei der Poznański-Textilwerke. Collagen aus textiler Kunst schmücken die modern-eleganten Zimmer. Sensationell ist das Hallenbad im obersten Stock, das sich als gläserner Riegel über die Dachkante hinausschiebt und einen Panoramablick über die ganze Stadt erlaubt.

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Überall im Haus ist Kunst zu sehen. Mehr als 200 Werke, vor allem großformatige Fotokunst, sind in der Lobby, in den Fluren und in den vier Restaurants ausgestellt. Nie zuvor hat man in einem derart inspirierenden Quartier gewohnt. „Lodz schien noch vor zehn Jahren ein Ort ohne jede Perspektive zu sein, zu dem niemandem etwas Positives einfiel“, sagt Ulla Chowaniec. Als Rezeptionistin hat sie im Andel’s angefangen, sich dann ins Marketing hochgearbeitet.

Lodz war schon immer eine Stadt, die Chancen bot. Um 1840 beginnt der Boom der Textilindustrie. Belgier, Deutsche, Österreicher werden angeworben, um Großes aufzuziehen. In kürzester Zeit entsteht hier, im geografischen Zentrum Polens, eine Industriemetropole. Der riesige russische Markt muss mit Stoffen beliefert werden. 50 Jahre später rauchen die Schlote in fast 500 Fabriken. Der Lärm in den Werkshallen muss infernalisch gewesen sein, die Kindersterblichkeit war hoch, die Analphabetenrate erst recht. Aber das Lohnarbeiterdasein war immerhin besser als das Los der verarmten Bauern, die sich in Massen anwerben ließen. „Lodz war das Ziel der Sehnsüchte. Hier gab es Wasserleitungen, Werkswohnungen, Krankenhäuser“, erklärt Stadtführer Boguslaw Szubert und fügt an, dass man im Polnischen bis heute von „Lódzermenschen“ spricht, wenn besonders umtriebig-fleißigen Zeitgenossen gemeint sind.

Das Andel’s Hotel ist nur ein Teil des 27 Hektar umfassenden Manufaktura-Komplexes. Wo einst Maschinen ratterten, reihen sich heute Cafés, Kneipen, Restaurants etc. Damit sich die Investitionen rechnen, besteht der Hauptteil aus einem riesigen Einkaufszentrum. Spannender als Shopping ist jedoch die Entdeckung der Geschichte dieser Örtlichkeit. Dafür suche man das etwas versteckt im Obergeschoss des Kinokomplexes liegende Fabrikmuseum auf. Zum einen gibt es hier eine zwar eigenwillig formulierte, aber sehr informative Broschüre in deutscher Sprache, zum anderen eine ganze Reihe von englisch untertitelten Kurzfilmen zur Industriegeschichte der Stadt, die man selbst in einem kleinen Zuschauerraum nach Wahl einspielen kann. Im Anschluss bietet sich eine Pause in den Manufaktura-Straßencafés an, bevor man der kurzen Wege halber noch ein weiteres Museum im Komplex besucht. Das MS²-Museum türmt sich Stockwerk um Stockwerk in der ehemaligen „Hohen Weberei“ und bietet neben einem angenehmen Café und einer Kunstbuchhandlung wechselnde anspruchsvolle Ausstellungen. Bis Herbst ist hier eine Schau zu Avantgardekünstlern der Zwischenkriegszeit zu sehen.

Jetzt wird es Zeit, die Stadt jenseits von Manufaktura zu entdecken. Auf zur Piotrkowska. Die längste Avenue Europas dehnt sich über fast fünf Kilometer aus, knapp die Hälfte davon ist als verkehrsberuhigte Flaniermeile angelegt. Fußfaule setzen sich in eine Rikscha. Den Kopf darf man dabei gern in den Nacken legen, um die renovierten Prachtfassaden der Anwesen verschiedener Textilbarone sowie des Rathauses zu bewundern. Ziel der Tour ist jedoch ein bislang unrestaurierter Komplex namens OFF-Piotrkowska, ebenfalls eine alte Fabrik, die jungen Kreativen überlassen wurde. Im OFF-Piotrkowska reihen sich Galerien, Designer-Ateliers, winzige Cafés und Kneipen sowie Szene-Restaurants, in den auch Vegetarier glücklich werden, aneinander. Für späte Stunden gibt es Adressen wie den Musikclub DOM.

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Doch Lodz ist nicht nur für seine Historie als Textilmetropole berühmt, sondern auch als das Zentrum der polnischen Filmindustrie, was sich schon an den ins Pflaster eingelassenen Sternen des „Walk of Fame“ in der Piotrkowska feststellen ließ. Das Museum für Kinematografie ist aus zwei Gründen interessant. Zum einen warten hier mehr als 10 000 historische Filmplakate sowie unzählige Exemplare alter Kinozeitschriften oder Kuriositäten wie das maigrüne Kleid, das Pola Negri in ihrem letzten Film trug. Zum anderen befindet sich das Museum im ehemaligen Privatpalast des Textilmagnaten Scheibler und bietet daher ein anschauliches Beispiel für den prunkvollen Lebensstil der Fabrikanten während der „goldenen Zeiten“ von 1850 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In diesen Räumen wurden viele Szenen des Filmes „Das gelobte Land“ von Andrzej Wajda gedreht, der den Boomzeiten der Stadt ein cineastisches Denkmal setzte. Vielleicht wird Lodz ja wieder ein Sehnsuchtsort. Bis dahin darf es ein Geheimtipp bleiben.

Von Claudia Diemar