Heiliges Land ohne Pilger

Die Altstadt von Jerusalem ist normalerweise voller Pilger. Doch die religiösen Heiligtümer sind geschlossen. Foto: Win Schumacher

In den letzten Jahren kamen immer mehr Touristen nach Israel und ins Westjordanland. Durch die Covid-19-Pandemie ist ungewiss, wann sie wiederkommen können.

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. „Niemand weiß, wann die Pilger wiederkommen werden“, sagt Wajeeh Nuseibeh. Seit 45 Jahren sitzt der alte Mann an der Pforte zum ältesten Gotteshaus Jerusalems und beobachtet den Andrang der Massen auf seine Kirche. Nun sind sie alle verschwunden. Das Tor zum Allerheiligsten der Christenheit ist seit Ende März geschlossen. Wajeeh Nuseibeh ist Herr über den Schlüssel der Grabeskirche. Den Zugang zu dem überlieferten Ort des Kreuzestods und der Auferstehung Jesu verwaltet ein Mann, der gar nicht daran glaubt – Nuseibeh ist Muslim.

Die Altstadt von Jerusalem ist normalerweise voller Pilger. Doch die religiösen Heiligtümer sind geschlossen. Foto: Win Schumacher
Betreten nur mit Mundschutz: Ultraorthodoxe Juden warten vor einer Synagoge in Tel Aviv. Foto: Win Schumacher
Der Rothschildboulevard von Tel Aviv ist verhältnismäßig leer gefegt. Normalerweise drängen sich hier die Touristen... Foto: Win Schumacher
... genau wie in Bethlehem. Unterhalb der Geburtskirche steht eine Nonne alleine in der Grotte, die als Geburtsort Jesu gilt. Foto: Win Schumacher

Die Tradition, wonach eine muslimische Familie den Zugang zu der Kirche regelt, lässt sich bis ins Jahr 638 zurückverfolgen. Zunächst wurden die Nuseibehs von den muslimischen Eroberern als Wächter eingesetzt, später war ihre Funktion vor allem die des neutralen Schlichters zwischen den sechs verschiedenen Kirchen, die sich alle als wahre Erben der Basilika sehen.

Seit 1349 die Pest Jerusalem heimsuchte, soll die Grabeskirche nie länger für Gläubige unzugänglich geblieben sein. Auch die Al Aqsa-Moschee und der Felsendom auf dem Tempelberg, die bedeutendsten heiligen Stätten für Muslime nach Mekka und Medina, wurden bereits im März geschlossen. Nur wenige Gehminuten davon entfernt liegt die Klagemauer, das wichtigste Pilgerziel für Juden aus aller Welt. Sie war zuletzt nur für Gläubige aus der Altstadt geöffnet – unter strengen Abstandsregelungen.

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„Ich habe den Eindruck, dass den ganzen Sommer über keine Pilger kommen werden“, sagt der deutsche Franziskaner Gregor Geiger. Seit 1999 lebt der 50-jährige Pater und Sprachwissenschaftler aus Hardheim im nordbadischen Bauland in Jerusalem, forscht und lehrt Hebräisch am Studium Biblicum direkt an der Via Dolorosa. Immer wieder führt er Pilgergruppen zu den heiligen Stätten. Dies ist vorerst nun nicht mehr möglich. Von den 30 Mitbrüdern, darunter einige über 70, verlässt im Moment nur einer das Kloster zum Einkaufen.

Für Israel ist nicht nur der Pilger-Tourismus von großer wirtschaftlicher Bedeutung. In den letzten Jahren boomte das Land auch bei Kultur-, Strand- und Rucksackreisenden. Zum dritten Mal in Folge besuchten im letzten Jahr mehr Touristen Israel als je zuvor. 2019 kamen über 4,5 Millionen, darunter 289 000 Deutsche.

Im internationalen Vergleich waren die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Israel und die palästinensischen Gebiete bisher weniger dramatisch als für die meisten OECD-Länder. Rigorose Ausgangs- und Quarantäneregelungen sowie eine rasche Einschränkung des Luftverkehrs verhinderten vorerst, dass die Pandemie so katastrophale Ausmaße annahm wie in einigen Ländern Europas. Israel verzeichnet eine recht niedrige Sterberate bei gleichzeitig einer der höchsten Anzahl durchgeführter Tests pro Einwohner weltweit. Am stärksten betroffen sind Israels Ultraorthodoxe, sowie die arabischen Minderheiten des Landes. Auch die palästinensischen Gebiete melden vergleichsweise wenige Fälle und bisher erst zwei Tote.

Einige leer stehende Hotels wurden inzwischen als Quarantäne-Herbergen für Covid-19-Erkrankte mit milden Symptomen umfunktioniert, darunter auch das luxuriöse Dan Panorama in Tel Aviv. Fast alle Dan-Hotels, Israels größte Luxus-Kette, sind derzeit geschlossen, auch das zur Gruppe gehörige, berühmte King David in Jerusalem, das unzählige Stars und Staatsmänner beherbergte. „Wir hoffen, dass wir einige unserer Hotels für das Wochenfest Shavuot Ende Mai wieder öffnen können“, sagt Yigal Zoref, Vertriebsleiter der Dan-Hotels.

Inzwischen wurde eine schrittweise Rückkehr zum Tourismus vereinbart. Seit dem 3. Mai dürfen Ferienhäuser und Hotels ihr Erdgeschoss für Inlandstouristen wieder in Betrieb nehmen. Die Israelis nutzten die erste Maiwoche nach dem weitgehenden Stillstand des Landes im April bereits für ausgiebige Spaziergänge und Kurzaufenthalte in Ferienwohnungen. Seit Donnerstag wurden nun auch Einkaufszentren und Freiluft-Märkte wieder geöffnet, ab 31. Mai sollen Versammlungen von bis zu 100 Leuten wieder erlaubt werden.

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Wann sich das Land wieder für ausländische Gäste öffnet, bleibt derzeit ungewiss. Amir Halevi, Staatssekretär im Tourismusministerium, gibt sich betont optimistisch. „Wir verhandeln ständig mit dem Gesundheitsministerium“, sagt er, „einige Fluglinien wollen noch im Mai wieder ihre Verbindungen aufnehmen.“

Hoteliers und Gastronomen steht jedoch noch eine Durststrecke bevor. Viele ihrer Angestellten haben sie längst in den Urlaub geschickt oder gleich gefeuert. Am härtesten trifft es Putzhilfen und Tellerwäscher – nicht selten illegal beschäftigte Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan. Ihnen steht daher auch nicht die staatlich angebotene Arbeitslosenhilfe zu.

Auch für die palästinensischen Gebiete wird dies weitgehende politische Konsequenzen haben – in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Folgen durch das Coronavirus erst richtig spürbar werden.

Für den Fremdenverkehr sind die Auswirkungen der Pandemie bereits jetzt offensichtlich. „Durch die politische Situation sind wir als Palästinenser, die im Tourismus arbeiten, auf vieles vorbereitet“, sagt Ashraf Bakri, „aber das hier übertrifft alles.“ Der 35-Jährige hat über sechs Jahre zunächst ein Gästehaus und zwei Backpacker-Hostels, das „Mount 41“ in Jericho und das „Area D“ in Ramallah, aufgebaut.

Wie Israel hatte das Westjordanland 2019 einen Besucherrekord verzeichnet: Über drei Millionen Touristen besuchten vor allem die biblischen Stätten Bethlehem, Hebron und Jericho. Auch Bakris Hostels waren bestens besucht. Nun steht der Vater einer kleinen Tochter vor dem Nichts. Seine zwölf Angestellten musste er bereits im März entlassen. Auf eine Rückkehr der Touristen hat er vorerst wenig Hoffnung. „Der Tourismus war es, den die Krise als erstes traf. Er wird sich auch als letztes davon erholen.“

Auch auf israelischer Seite sind die wirtschaftlichen Folgen vor allem für Selbstständige verheerend, allen voran für Kulturschaffende, die auch vom Tourismus leben. Seit Langem hat sich vor allem Tel Aviv als Trendziel am Mittelmeer etabliert – nicht nur für Besucher aus der Kunst- und Party-Szene von Berlin, Paris und New York.

Zur touristisch bedeutendsten Massenveranstaltung der Stadt, der Tel Aviv Pride, pilgerten in den letzten Jahren Abertausende aus aller Welt. Mehr als 250 000 Menschen sollen am Gay-Pride-Marsch im Juni 2019 teilgenommen haben.

Die diesjährige Pride-Woche wurde bereits abgesagt. Sie soll auf ein noch unbekanntes Datum verschoben werden. „Corona trifft uns völlig unerwartet“, sagt Gil Naveh, der den Drag-Wettbewerb im Rahmen des LGBTQ-Filmfestivals leitet. „Wir hatten dafür schon international bekannte Stars gewonnen.“

Tagsüber beantwortet Naveh als Sprecher für Amnesty International Medienanfragen unter anderem zum Israel-Palästina-Konflikt. Nachts steht er als verruchte Dragqueen Galina Port De Bras im Glitzerfummel und mit Perücke vor frenetisch feierndem Publikum. Mit Corona gehören die schillernden Auftritte in vollgestopften Bars wohl bis auf Weiteres der Vergangenheit an.

Von Win Schumacher